Eva Bachmann im St. Galler Tagblatt, 23. August 2004


Am Grenzfluss von Ost und West
Michael Guggenheimer beschreibt eine Stadt in Schichten: Görlitz

Der geteilten Stadt Görlitz/Zgorzelec an der Neisse gilt Michael Guggenheimers Interesse. Ausgehend von eigenen Erinnerungen findet er in der Geschichte «Spuren einer Zukunft».

Mein erstes Interesse ist ein berufliches: am Buch eines Autors, der 20 Jahre in St. Gallen gelebt und mit Publikationen zum Steindrucker Urban Stoob, zum Clown Pic oder zuletzt mit «Saiteneingänge – Geschichte einer städtischen Kulturzeitschrift» hiesiges Kulturschaffen begleitet hat. Zunehmend aber zieht die beschriebene Stadt selber das Interesse auf sich: Görlitz, im äussersten Osten Deutschlands an der Neisse gelegen, seit Ende des Zweiten Weltkriegs vom polnischen Teil, Zgorzelec, geteilt.

Bei Michael Guggenheimer ist das erste Interesse ein familiäres. Seine jüdische Mutter ist 1933 gerade noch rechtzeitig aus ihrer Heimatstadt weggegangen. 60 Jahre später kehrt sie mit ihrer Familie erstmals zurück und reist auch gleich wieder ab. Doch den Sohn lässt diese Stadt nicht mehr los. Aus seinen Entdeckungsreisen ist jetzt ein Buch geworden: «Görlitz. Schicht um Schicht – Spuren einer Zukunft». Geschichte und Zukunft, schon im Untertitel kühn vereint, werden im Text eng geführt.

Zurück in die Zukunft

Ausgangspunkt aller Entdeckungen ist der Autor, der durch die Stadt geht und Erinnerungen wachruft, die er gar nicht haben kann. Alte Familienfotos, ein Schlüssel, Namen bringt er in Gedanken zurück in diese Stadt, in ihre ursprüngliche Umgebung. Er lässt sich Geschichten erzählen und denkt sich Geschichten aus, zur Jugendstil-Fleischerei, zum Grandcafé, zum Ballsaal im Wilhelmtheater und zu Grossvaters Platz in der Peterskirche. Das Bild einer lebendigen, reichen Stadt entsteht, 100 000 Menschen lebten vor dem Krieg in Görlitz. Im Jahr 2003 waren es nicht einmal mehr 60 000. Görlitz, obwohl nie bombardiert, ist zerfallen. Viele Häuser stehen leer. Als östlichste Stadt im abgewirtschafteten Osten gibt es hier kaum mehr ein Auskommen. Jeder Vierte ist arbeitslos. Wo sind hier Ansätze einer Zukunft? Mit dieser Frage wird im Autor der Rechercheur wach, die Erinnerungsliteratur geht in eine Art Aufspürjournalismus über. Guggenheimer porträtiert Menschen und Projekte, die Ruinen mit neuem Leben füllen wollen. Aus Liebe zu einer Stadt, die der Autor teilt – nicht immer bleibt er darum neutraler Rapporteur, seine Ideen und manchmal sogar Ratschläge hält er nicht zurück.

Im Osten des Westens

Einer der spannendsten Aspekte ist das Verhältnis zum polnischen Zgorzelec. Die geeinte Stadt lag einst mitten in Schlesien, am Weg von Dresden nach Breslau. Erst nach der künstlichen Grenzziehung entlang von Oder und Neisse wurde der östliche Teil polnisch. Trotz sozialistischer Völkerfreundschaft entwickelten sich die beiden Städte an der stark befestigten Grenze völlig unterschiedlich. Zgorzelec im Westen Polens - Görlitz im Osten Deutschlands. Zgorzelec blühte auf – Görlitz dagegen blieb abgehängt. Während in Zgorzelec fleissig Deutsch gelernt wird, ist Görlitz das Bollwerk gegen die ungeliebten Osteuropäer. Doch die Verhältnisse kehren sich allmählich um. Görlitz hofft auf die Polen: Während sich Menschen aus dem Westen höchstens als «Erinnerungstouristen» so weit in den Osten wagen, sind Polen zu Kunden von Görlitz geworden. Sie kommen zum Einkaufen, zum Essen und ins Theater über die Grenze. Dem Geschäft zuliebe lernen manche Görlitzer nun auch polnisch – skeptisch bleibt man aber weiterhin: Was, wenn die Polen dereinst die Niederlassungsfreiheit in der EU erhalten? Werden sie dann Görlitz übergehen und weiter in den Westen ziehen?

Geschichten, Gesichter

Für Michael Guggenheimer ist klar, dass das Kapital dieser Stadt in ihrer Brückenfunktion über die deutsch-polnische Grenze liegt. Der Aufbau einer Zukunft müsste also ein gemeinsames Projekt sein. Doch die Hindernisse der Grenze sind immer noch hoch. Einige haben bereits entmutigt aufgegeben. Schon nur der Bau neuer Brücken oder einer Strassenbahn, die beide Stadtteile verbindet, sind langwierige Vorhaben. Ein Ansatz wäre kulturelle Arbeit – und mit dem Projekt Kulturhauptstadt ist auch eine neue Aufbruchstimmung in die Stadt gekommen. Der Autor zeigt Probleme wie Chancen an konkreten Beispielen auf. Selten nur bleibt er an einer Reiseführer-Oberfläche. Zu jedem Haus erzählt er seine Geschichte, jedes Projekt ist an Menschen mit Ideen und Initiative geknüpft.

Exemplarisch

Aber: Wer interessiert sich schon für Görlitz? Michael Guggenheimers Buch ist zuerst seinem eigenen Interesse geschuldet. Aus seiner Neugier und seinem Enthusiasmus für diese Stadt hat er etwas zu erzählen - und er erzählt es so, dass es interessiert. Das Buch richtet sich an niemanden und an alle. Darin ist es literarisch. Es beschreibt eine Stadt zwischen Wende und EU-Osterweiterung. Darin ist es faktisch. Auch wer (noch) nicht vorhat, nach Görlitz zu fahren, findet in diesem Buch Exemplarisches über das Verhältnis von West- und Osteuropa, über Stadtentwicklung und über den Umgang mit historischer Substanz. Den sorgsamen Umgang mit dem Alten pflegt der Autor übrigens bis in die Sprache. Besonders schön sind die Fundstücke im Anhang, wo Verschwundenes wie «Willkommen in der grössten Stadt Niederschlesiens auf dem Territorium der Bundesrepublik Deutschland» oder «Strasse der Kraftwerker» zusammengetragen wird. Fast dreihundert Seiten als Paperback sind zwar nicht gerade praktisch, dafür hat sich der Verlag typografisch grösste Mühe gegeben. Eingerückt wurden auch einige Fotos von Guggenheimer in Vignettengrösse. Die geschilderten Gespräche in den Fotogeschäften von Görlitz und Zürich wecken weiteres Interesse – an einem Bildband.

Michael Guggenheimer: Görlitz. Schicht um Schicht - Spuren einer Zukunft.
Lusatia Verlag, Bautzen 2004, Fr. 22.60

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