Beatrice Guarisco in der Aargauer Zeitung, 9. November 2006


Feine Blicke ins Dorf
SPREITENBACH Michael Guggenheimer hat ein Gemeinde-Porträt verfasst.

Michael Guggenheimer hat der Schule und der Gemeinde den Spiegel vorgehalten: er hat Spreitenbach besucht, sich bei Einwohnerinnen und Einwohnern umgehört. Daraus sind 26 Kurzgeschichten zu Spreitenbach und zu seinen Menschen entstanden.

Die Texte in «Spreitenbach – Prachtsieben – ein Porträt» umfassen eine Zeitspanne von 1970 bis heute. Die Geschichten reichen von Spreitenbach bis Berlin und tragen Titel wie «Meerschweinchen», «Anders und doch zusammen», «Wie in Amerika» und «Kebab-SMS». Michael Guggenheimer, Autor und Publizist aus Zürich, führt die Lesenden quer durch die Spreitenbacher Ortsgeschichte, Kulturen und Quartiere. Mit genauem Auge und bildhafter Sprache hat er seinen Blick über das Dorf und seine Menschen schweifen lassen: «Als ich eines Tages mit dem Auto in Spreitenbach ankam, hielt ich kurz nach der Ortseinfahrt an und lief zurück zur Ortstafel, wo ich die zwölf Buchstaben, die auf blauem Grund geklebt waren, entfernte. Ich nahm die Buchstaben mit nach Hause und begann sie durcheinander zu schütteln. Immer wieder legte ich diese Buchstaben hin, jedes Mal in einer anderen Reihenfolge. Spreitenbach ergibt mathematisch durchgerüttelt und durchgeschüttelt etwas mehr als 4000 verschiedene Variationen.»

FÜR ALLE LESENSWERT

Wie weit das Spreitenbacher Porträt von Guggenheimer reicht, lässt auch der Dialog unter den Jugendlichen erahnen, den der Autor mitgehört und unter dem Titel «Chunsch shoppi?» beschreibt. Die Ausdrücke «Häsch nois Natel?», «Eis go röschtä?» habe er auf dem Pausenplatz des Schulzentrums gehört. Er schreibt dazu: «Jetzt muss ich noch herausfinden, was «röschtä» heisst. Mit Rösti wird der Ausdruck kaum etwas zu tun haben, denke ich, wenn ich den etwa 16-jährigen Schüler sehe, der den Satz gesagt hat. «En riese Schuss» habe ich mir erklären lassen, hat mit Drogenkonsum nichts zu tun. «En riese Schuss» sei der Ausdruck für eine attraktive Frau.» Auch wenn der Autor sich immer wieder der Schule, den Kindern, den Jugendlichen und den Eltern zuwendet, tauchen zahlreiche feine Blicke ins Spreitenbacher Gemeindeleben auf, die die Texte für alle lesenswert machen.


«Mehr als nur Hochhäuser»

NACHGEFRAGT Beim Autor und Publizist Michael Guggenheimer

Welche Beziehung haben Sie zu Spreitenbach?
Spreitenbach war für mich vor allem eine Erinnerung. Ich muss etwa 24 Jahre alt gewesen sein, als ich zweimal mit dem 2CV nach Spreitenbach zur Ikea fuhr, um als Student Regale, ein Sofa sowie Esstisch und Stühle zu kaufen.

Welches Bild haben Sie nun von der Gemeinde gewonnen?
Spreitenbach war lange Zeit der Name einer Ortschaft mit Hochhäusern auf dem Land, von der ich wusste, dass man dort in einem Shoppingcenter gross einkaufen kann. Mehr nicht. Als die Anfrage der Spreitenbacher Schulen kam, ob ich an einer Fortbildungsveranstaltung der Lehrerschaft einen Vortrag über die Schulen in Spreitenbach halten würde, habe ich mir vorgenommen, zuerst den Ort kennen zu lernen, um mir dann die Schulen anzuschauen. Ich war bereits beim ersten Besuch von der Vielgestaltigkeit des Ortes beeindruckt: Dörfliches war ebenso da wie Städtisches.

Wie haben Ihre Bekannten auf Ihre Arbeit in Spreitenbach reagiert?
Als ich Bekannten erzählte, dass ich regelmässig nach Spreitenbach fahre, hiess es immer wieder: «Anonyme Schlafgemeinde», «Nichts als Shopping». Dabei ist Spreitenbach viel mehr: Ich habe eine lebenswerte und interessante Ortschaft entdecken können. Spreitenbach ist wirklich mehr als eine Ansammlung von Hochhäusern und Einkaufsmöglichkeiten.

Welches waren die Herausforderungen bei der Erstellung des Werkes?
Die Texte waren als eine etwa einstündige Vorlesung oder Erzählung gedacht und gehalten. Die Idee, diese Texte zu publizieren, hatte die Schulleitung in Spreitenbach. Ich selber war von der Idee ganz überrascht. Mir ging es bei der Zusammenstellung meiner Texte darum, Schule und Ortschaft zu zeigen. Weil die Präsenz von Ausländern in Spreitenbach so deutlich ist, musste das Zusammenleben von Schweizern und Ausländern in den Texten spürbar werden. (bgu)
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