Wenn eine Patchworkfamilie zerfällt
«Bonita Avenue», der Erfolgsroman von Peter Buwalda

Mit seinem Romandébut ist dem aus Belgien stammenden Peter Buwalda ein Volltreffer geglückt: Ein spannendes Buch, das in den Niederlanden  mit Preisen belohnt wurde und dessen deutsche Übersetzung gleich auf die Bestsellerliste gelandet ist.


Mit einer gewaltigen Detonation ist in der niederländischen Stadt Enschede im Mai 2000 eine Feuerwerkfabrik explodiert und hat einen Stadtteil zerstört und 23 Tote sowie 950 Verletzte gefordert. Diese Katastrophe ist Vorbote der Zerstörung einer Familienidylle in Peter Buwaldas Roman «Bonita Avenue». Joni Sigerius, Stieftochter von Mathematikprofessor Siem Sigerius, betreibt mit ihrem Freund Aaron Bever erfolgreich ein zweifelhaftes Gewerbe, dessen Geschäftsfeld sie ihrer Familie verheimlicht. Was Joni nicht weiss: Ihr Stiefvater ist Kunde ihrer Firma, der mit der Zeit in einer illegalen Aktion herausfindet, dass sich seine Stieftochter mit aufreizenden Posen fotografieren lässt und so zu grossem Geld kommt. Als er die Stieftochter und deren Freund überführen will, beginnt der Familienkit genauso zu explodieren wie die Fabrik.

Das mag trivial klingen. Buwaldas Roman aber ist weitaus mehr als die Schilderung zweifelhafter Geschäftspraktiken im Internet. Da werden aus drei Erzählspektiven die Leben zweier Generationen geschildert: Die eine Generation ist noch vor dem Internetzeitalter, die andere ist mit Computern sozialisiert worden. Bonita Avenue ist ein Tableau der niederländischen Gesellschaft und zeigt Harmonie und Konflikte einer Patchworkfamilie auf. Buwalda beherrscht in seinem Roman virtuos das Spiel mit den Zeitebenen, jongliert von einem Zeitpunkt zum nächsten zurück und wieder nach vorne, er verrät manchmal einen Sachverhalt nur so weit, dass er so viel Spannung erzeugt, dass man mit quälendem Teilwissen an dem von Gregor Seferens übersetzten Pageturner kleben bleibt, weil man unbedingt erfahren will, wie sich die Familiengeschichte weiter entwickelt.

Judo und Jazz spielen in Bonita Avenue eine Rolle: Weil der Fotograf und potentielle Schwiegersohn Aaron sich im Akademikermilieu minderwertig fühlt, baut er sein Wissen im Jazz, der Lieblingsmusik von Professor Sigerius, gezielt auf. Jede Woche trainieren die beiden Träger des schwarzen Gurts zudem gemeinsam im Judoclub. Wilbert, der Sohn des Mathematikers aus erster Ehe, den der Vater ebenso vernachlässigt wie seine erste Frau, gerät auf die schiefe Bahn und verbüsst eine mehrjährige Haftstrafe. Als er das Gefängnis verlässt, beginnt sich das Schicksal der Familie in rasender Geschwindigkeit zu verdüstern. Bonita Avenue, lautete die Adresse der Familie während eines zweijährigen Aufenthalts in Kalifornien. Das war die einzige Periode, in der die Familie glücklich war, nach der sie sich alle zurücksehnen. Dorthin setzt sich Joni nach dem Zusammenbruch der Familie  ab, um mit ihrem Geschäftswissen ein Unternehmen weiterzuentwickeln. Mit ihrer Familie und mit Aaron, ihrem ehemaligen Lebenspartner, hat sie nach alldem, was sie erlebt hat, jeden Kontakt abgebrochen.

Die Vielfalt der Fakten rund um das Geschehen der Patchworkfamilie bergen eine Kehrseite:  Die Vielzahl der Ereignisse ist an manchen Stellen zu überladen. Das Leben der einzelnen Personen ist manchmal mit zu vielen Details gespickt. Ein einziges Mal gleitet Buwaldas Buch ins Kitschige ab, wenn Siem Sigerius seine Stieftochter und ihren Freund überführt und gleichzeitig in eine hochnotpeinliche Situation gerät.

Peter Buwalda: Bonita Avenue, Rowohlt, 2013, 640 Seiten

› nach oben › zurück zur «favoriten» übersicht