Die schwierige Kindheit des Stadtpräsidenten

Von 2010 bis 2014 war Jon Gnarr Stadtpräsident der isländischen Hauptstadt Reykjavik. In einer wirtschaftlich schwierigen Zeit reformierte er erfolgreich die Stadtverwaltung. Er gab die Städtepartnerschaft mit Moskau wegen den Menschenrechtsverletzungen in Russland auf. Offiziere und Matrosen von Kriegsschiffen, die im Reykjaviker Hafen ankerten, wurden in seiner Amtszeit strikt zu keinen Anlässen im Rathaus empfangen. Er verlangte die Aufhebung der NATO-Mitgliedschaft seines Landes, das ohnehin kein Militär führt. Ihm war wichtig, dass sich Reykjaviks Stadtverwaltung für die Menschenrechte einsetzt. Die Stadt gehört daher zu den Städten, die beim länderübergreifenden Programm für verfolgte Autoren mitmachen. Der Ex-Stadtpräsident ist weder Jurist noch Ökonom. Er ist Autor, Komiker, Musiker. Gleich zwei seiner Bücher sind in letzter Zeit in deutscher Übersetzung erschienen. «Indianer und Pirat. Kindheit eines begabten Störenfrieds» lautet der Titel seines zweiten Buchs. Darin schildert er seine schwierige Kindheit. Mit 14 wurde der Sohn eines Polizisten in ein Jugendheim gesteckt. Er hatte die Schule geschmissen, Klebstoff geschnüffelt und wurde als einziger Punk im Viertel gemobbt. Er spielte oft in leeren Gebäuden, obschon er wusste, dass das verboten ist. Er wollte Anarchist werden, wusste aber nicht, was das Wort bedeutet. Er bewunderte Nina Hagen und bedauerte es, dass er ihre Liedtexte nicht verstand. Er setzte ein Grasfeld unter Feuer und wurde als Helfer der Feuerwehr gefeiert, als er das Feuer löschte. Weil der rothaarige und stark kurzsichtige Sänger einer Punkband Angst vor Auftritten hatte, trat die Band nur mit ihrem Logo in Erscheinung, das an vielen Orten zu sehen war. Die Band erlangte einen landesweite Kultstatus ohne aufzutreten. Als er die Handschellen seines Vaters ausprobierte, passierte das Malheur: Jon konnte sich nicht von einem Heizkörper befreien. Der etwas tollpatschige Gnarr wurde trotzdem Stadtpräsident. Und er hätte es bleiben können, doch er wollte lieber als Erzähler und Komiker auftreten.

«Indianer und Pirat. Kindheit eines begabten Störenfrieds»,
Tropen Verlag / Klett-Cotta, 2015, Fr. 25.90.
Am Dienstag, 9. Juni tritt Gnarr um 19.30 Uhr im Literaturhaus Zürich auf.
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