Die unerträgliche Gewichtigkeit des Krieges

Französische Truppen dringen in diesen Tagen immer weiter in den Norden Malis vor. Es gibt jedoch kaum Bilder von der Front. In Alexis Jennis Roman «Die französische Kunst des Krieges» mangelt es nicht an Bildern aus dem Indochina-Krieg, der bis 1954 währte, oder vom Algerien-Krieg der frühen 60er-Jahre.

Victorien Salagnon, französischer Kriegsveteran, der als Jugendlicher in der Resistance mitmachte, in Indochina und später im Algerien-Krieg Dienst leistete, hat in seiner Zeit als Soldat intensiv gezeichnet. Den Umgang mit Bleistift, Tusche und Pinsel hat er ebenso gut beherrscht wie das Handwerk des Tötens. In seinem Haus stapeln sich kleinformatige Bilder in Schwarz-Weiss, die er in all den Jahren der Frontzeit seiner Geliebten und späteren Frau Eurydice gezeichnet hat. Gewissermassen als Gegenleistung dafür, dass sich ein namenloser jüngerer Mann seine Biographie anhört und sie niederschreibt, unterweist Salagnon seinen Biographen in der Kunst des Beobachtens und des Zeichnens. TV-Bilder vom Irak-Krieg der 90er-Jahre stehen zu Beginn von Jennis 750-Seiten-Roman. Wie stark Bilder vom Krieg auch sein können, wenn sie nur sprachlich vermittelt werden, zeigt dieses Buch, das vor einem Jahr den Prix Goncourt erhalten hat und in einer vortrefflichen Übersetzung von Uli Wittmann vorliegt.

Wenn französische Soldaten, Fremdenlegionäre und südvietnamesische Kämpfer schwer beladen durch die Sümpfe Vietnams waten oder verletzte Kameraden unter dem Feuer der gegnerischen kommunistischen Vietminh retten, wenn minuziös geschildert wird, wie Soldaten in Bodenfallen geraten, in denen sie von spitzen Bambusröhren aufgespiesst werden, dann muss man den Roman zur Seite legen, bevor man weiterlesen kann. Bomben, die von Flugzeugen abgeworfen werden, Granatsplitter und Landminen zerfetzen in diesem Roman Abenteurer und Freiheitskämpfer gleichermassen. Verletzte stöhnen und sterben in den Feldlazaretten. Beeindruckend sind die Landschaftsbeschreibungen des Dschungels in Indochina wie die Schilderungen der tristen Vorstädte Frankreichs. Kapitel, in denen Salagnons Kriegsjahre geschildert werden, wechseln sich ab mit Darstellungen der Lage im Innern Frankreichs, die jeweils den Titel «Kommentar» tragen und in denen die Situation in den Banlieues beschrieben und manchmal etwas ausgewalzt kommentiert werden: Auch in diesen Vorstädten herrscht ein Krieg, es ist der Kampf zwischen Polizeieinheiten und arbeitslosen Jugendlichen, Nachfahren von Flüchtlingen aus Nordafrika. Wie rassistisch Alteingesessene auf die Anwesenheit von Menschen aus den Ex-Kolonien in ihrer Mitte reagieren können, wird in Passagen deutlich, in denen Kriegsveteranen über ihre nord- afrikanischen Nachbarn herfallen.

Wie sinnenstark Jenni schreiben kann, demonstriert er in Alltagsszenen: Auf dem Markt von Lyon kauft der namenlose Ich-Erzähler bei den Immigranten exotische Spezialitäten: dampfende Innereien, Hahnenkämme und frisch gebratene Hammelköpfe, wie sie sein Freund Salagnon in Vietnam und Algerien auf den Märkten gesehen hatte. Die schockierten Freunde verlassen angewidert die Wohnung ihres Gastgebers, der sich so aus der bürgerlichen Geborgenheit verabschiedet.

Kunstvoll mit dem Geschehen an den Kriegsschauplätzen verwoben sind die Beschreibungen der Kunst und Funktion des Zeichnens, die nur jemand so treffend schildern kann, der selber das Handwerk beherrscht. Autor Alexis Jenni ist ausgebildeter Biologe. «Die französische Kunst des Krieges» ist sein erster Roman. Das Manuskript hat er unverlangt beim renommierten Verlag Gallimard eingereicht, der das Buch rasch auf den Markt gebracht hat. Vielleicht etwas zu rasch. Schade, dass die deutschsprachige Ausgabe nicht einem strengeren Lektorat unterzogen wurde, denn hundert Seiten weniger hätten dem Buch, das beeindruckende Kapitel aufweist, gutgetan.

Alexis Jenni, Die französische Kunst des Krieges, Luchterhand
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