Madalyn

Ganz überschaubar sind die Handlungsorte von Michael Köhlmeiers Roman «Madalyn»: Eine Schule, ein Wohnhaus, der Naschmarkt und der Donaukanal in Wien und real existierende Stätten wie die Buchhandlung ‹Anna Jeller› oder die Lokale ‹Flex› und ‹Neni›. Madalyn Reis, ein vierzehnjähriges Mädchen, wohnt im selben Haus wie Ich-Erzähler und Schriftsteller Sebastian Lukasser. Madalyns Eltern vernachlässigen ihre Tochter, die Nachbar Lukasser nach einem Radunfall in die Klinik gebracht hat, ohne dass sich ihre Eltern bei ihm für seine Hilfe bedanken. Seither verbindet die beiden eine Freundschaft: Madalyn schaut immer wieder beim Schriftsteller vorbei, dem sie aus ihrem Alltag erzählt. Lukasser soll zwischen Madalyn und ihren Eltern vermitteln. Doch das kann nicht gelingen: Madalyns Mutter ist mehr im Fitnessstudio anzutreffen als daheim und ihr Vater ist mehr der Berufsarbeit zugetan als dass er familiäre Konflikte austragen mag. Madalyn ist verliebt in ihren Mitschüler Moritz Kaltenegger. Doch Moritz hält es mit der Wahrheit nicht sehr genau: Ist er wirklich der Autor eines Gedichts, das die Deutschlehrerin so lobt und auch den Schülern anderer Klassen vorgelesen hat? Oder hat er das Gedicht bloss im Internet gefunden und von Hand abgeschrieben? Wohnt er wirklich bei seiner Tante oder doch nicht? Hat er neben Madalyn noch eine andere Freundin zur selben Zeit? Hat er das grosse Grafitti an der Mauer des Donaukanals wirklich selber gemalt? Gehört das verlassene Haus, in dem er sich manchmal mit Freunden aufhält, wirklich einem Freund seiner Mutter oder ist’s bloss eine Liegenschaft, die er unerlaubterweise betritt? Dichtung und Wahrheit liegen in Moritz' Erzählungen stets dicht beisammen. Das fasziniert Madalyn und nervt sie zugleich. Madalyn, von ihren Eltern kurz gehalten, begeht einen Diebstahl, betrinkt sich im Kreise von Moritz' Freunden, wird von ihren Eltern hinters Licht geführt, als diese ihr zu spät mitteilen, dass die Familie Wien zu verlassen gedenkt. Um eine erste Liebe, um Realität und Phantasie sowie um Freundschaft und Einsamkeit kreist Köhlmeiers Roman, dessen Sprache fasziniert.

Michael Köhlmeier, Madalyn,
Hanser (2010), 172 Seiten, ISBN 9783446235977)
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