Missglückte Rückkehr in die Heimat

Zum zweiten Mal begleitet Ursula Krechel in einem Roman Menschen, die Deutschland in der Zeit des Dritten Reiches verlassen mussten auf ihren Lebenswegen. Waren es in ihrem vor vier Jahren erschienenen Roman «Shanghai fern von wo» noch mehrere Familien, deren Leben im Exil nachgezeichnet wurden, so handelt Krechels neuer Roman «Landgericht» vom Schicksal einer einzigen Familie: Weil er Jude ist, muss Richard Kornitzer, Jurist an der Patent- und Urheberrechtskammer beim Landgericht in Berlin, seine Arbeit aufgeben. Vorübergehend kann er noch Handlangerarbeiten in einer Glühlampenfabrik ausführen. Immer mehr beengen aber judenfeindliche Verbote Kornitzers Leben. Claire, Kornitzers Frau, ist Christin. Sie führt erfolgreich eine Werbefirma und verliert als Ehefrau eines Juden ihre Arbeit. Um ihre beiden Kinder vor einer Verfolgung zu schützen, geben die Kornitzers ihre Kinder Georg und Selma in die Obhut einer Pflegefamilie in England. Richard Kornitzer kann mit einem kubanischen Visum Deutschland verlassen und rettet sein Leben, Claire soll ihm bald folgen. Er wartet auf sie in Kuba, aber sie schafft es angesichts des ausbrechenden Zweiten Weltkrieges nicht mehr. Während Jurist Kornitzer in einer Anwaltskanzlei in Havanna in untergeordneter Stellung tätig ist, findet seine Frau in einem Dorf am Bodensee nur noch eine körperlich anstrengende Arbeit in einer Molkerei. Claire lässt ihren Mann nach dem Krieg in Kuba suchen. Mit der Unterstützung eines Hilfswerks kann er nach Deutschland zurückkehren, wo er vom Ausmass der Zerstörung der Städte überrascht wird. Die beiden Kinder aber haben sich in den Jahren in England von ihren Eltern entfremdet, sie wollen nicht zu den Eltern zurück, die Familie von vor dem Krieg ist auseinandergebrochen. Richard Kornitzer erhält eine Anstellung am Landgericht in Mainz, wo er gehaltsmässig niedriger eingestuft wird als andere Richter, die den Krieg in Nazideutschland als Parteigänger oder Offiziere verbracht haben. Dagegen wehrt er sich. Vergeblich. Seine Suche nach Sühne nimmt zwanghafte Formen an. Juristen, die nach der Zeit des Dritten Reichs Richter in der neuen Bundesrepublik geworden sind, mauern, Kornitzer kommt nicht zu seinem Recht, auch wenn er nur Gleichbehandlung fordert. Krechels Roman stützt sich auf genaue Recherchen über das Leben von Verfolgten. Auch wenn manche Beschreibungen im zweiten Teil des Romans, Auch wenn die Beschreibungen von Kornitzers Auseinandersetzung mit der Bürokratie etwas zu ausführlich geraten sind, entwickelt der Roman einen starken Sog, will man als Leser wissen, was aus Claire Kornitzer geworden ist, die durch alle Kriegsjahre zu ihrem Mann gehalten hat, wie die beiden Kinder als Erwachsene zu ihren Eltern und zu Deutschland stehen. Krechel gelingt ein Gesellschaftsbild der Zeit des Dritten Reichs und der jungen Bundesrepublik.

Für ihren Roman «Landgericht» hat Ursula Krechel den Deutschen Buchpreis 2012 erhalten.

Ursula Krechel, Landgericht, Roman, erschienen bei Jung und Jung
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