Erinnerungen ans kommunistische Elternhaus und Piranhas in Brasilien

Welch ein schöner Buchtitel : «Meine Mutter weinte, als Stalin starb». «Erzählungen» lautet der Untertitel. Man nimmt das Buch zur Hand und erwartet fiktionale Erzählungen. Doch nein, Autor Mario Gmür, Psychotherapeut in Zürich, erfindet nicht. Oder präziser formuliert: Er erinnert sich an einzelne Situationen aus seinem Leben und übersteigert diese. Weil der Verlag es unterlassen hat, das Buch mit einem Inhaltsverzeichnis auszustatten, entdeckt man beim Blättern die Titel der einzelnen Texte und merkt, spätestens bei der Lektüre des Textes «Mörder», dass hier auch Sachtexte mitschwimmen. Zweifelsohne liegen hier Erzählungen vor, die zum Teil vor mehreren Jahren niedergeschrieben wurden und auf ihre Veröffentlichung gewartet haben. Weil aber eine Einleitung und ein Nachwort fehlen, bleibt unklar, wann und in welchem Kontext sie verfasst wurden und ob einzelne bereits andernorts publiziert wurden.

Mario Gmür erinnert sich an seine Kindheit, an seinen Grossvater, «Sekundärarzt» in der psychiatrischen Klinik Rosegg im Kanton Solothurn, an seinen Vater, einen aktiven Kommunisten und Mitbegründer der PdA, der der Partei später den Rücken gekehrt hat und unter dem Pseudonym Stefan Miller grosse Reportagen über Afrika für die Ostberliner «Weltbühne» und für den Zürcher «Vorwärts» verfasst hat. Aber Gmür stellt seine Mutter in den Vordergrund seiner Erinnerungen, wobei der Leser den Eindruck gewinnt, der Psychoanalytiker überzeichne in «Meine Mutter weinte, als Stalin starb», wenn er sie als Dauertelefoniererin und Nörglerin darstellt, die häufig kritische und eher negative Urteile über Mitmenschen ausspricht.
Erstaunlich, wie wenig Gmür in seinen Schilderungen von Nachbarn und Bekannten seiner Eltern Diskretion übt, wenn er etwa sexuelle Vorlieben oder politische Haltungen von namentlich genannten Personen schildert, deren erwachsene Nachfahren heute in Zürich leben.
 
Und ebenso wie seine Mutter, die andere gerne immer wieder mit wenig schmeichelhaften Worten charakterisiert hat, beschreibt der Autor Nachbarn aus seiner Zürcher Kindheit gerne mit süffisanten Ausdrücken. Und wenn er behauptet, in keinem Telefonbuch der Welt käme Gena, der Vorname seiner Mutter, vor, dann hätte er im Zeitalter von Google bloss seinen Computer starten müssen. Erstaunlich wie wenig Gmür über seinen schillernden Vater erzählt, der nicht minder interessiert hätte. Keine Erwähnung findet das Standardwerk über Gmürs Vater «Harry Gmür – Bürger Kommunist, Journalist» von Mario König und Markus Bürgi. Die Zwillingsschwester kommt in zwei Nebensätzen vor, die anderen Geschwister werden kaum gestreift. Da erzählt einer gerne von sich, blickt auf andere und lässt die Frage im Verborgenen, wie er selber lebt.

Eine weitere Erzählung widmet sich einer langen Beschreibung einer Bootsfahrt in Brasilien. Dabei wird man den Eindruck nicht los, der Autor möchte seinen Lesern zeigen, wie weit gereist er sei und wie gefährlich seine Abenteuer auch gewesen seien.
Dabei kokettiert er mit seiner Körpergrösse von 1,86 Metern und mit seiner mageren Statur. Immer wieder bekommen wir erzählt, wie lebensgefährlich die Piranhas im Amazonas seien. Daher ahnen wir schnell: Diese Fahrt wird ungemütlich enden, die Piranhas werden ihre Chance bekommen. Auf der Fahrt über den Amazonas kentert das Langboot und schwimmt der Erzähler während langen Stunden im gefährlichen Fluss, bis er endlich das rettende Ufer erreicht. Kurz weiss man nicht, ist's ein Traum vom langen Schwimmen im gefährlichen Flusswasser oder wird hier eine Schwimmstrecke von 200 oder 300 Metern in der Erinnerung so dargestellt, als sei der Autor endlos lange im gefährlichen Wasser gewesen.

Mario Gmür, Meine Mutter weinte, als Stalin starb, Salis Verlag, Zürich, 2013

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