Hernán Rivera Letelier: Die Filmerzählerin

Maria Margarita, ein zehnjähriges Mädchen, lebt in einem Bergarbeiterdorf am Rande der Altacamawüste in Chile. Die Familie ist arm, das Leben ist hart: Die Mutter hat die Familie verlassen, um Tänzerin zu werden, der Vater ist nach einem Unfall verkrüppelt. Ein Kino am Ort ist die einzige Ablenkung, die es gibt. Doch nicht alle haben genug Geld, um Kinokarten kaufen zu können. Maria Margaritas gelähmter Vater sitzt im Rollstuhl, ein Kinobesuch ist für ihn ein mühsames Unterfangen, daher schickt er seine Tochter regelmässig ins Kino, damit sie nach dem Kinobesuch ihm und ihren vier Brüdern erzählt, was sie gesehen hat. Nicht alle Filme kann sie sehen, denn sie ist zu jung. Aber sie ist vom Kino fasziniert. So anschaulich kann das Mädchen die Filme nacherzählen, dass sich mit der Zeit Nachbarn und andere Dorfbewohner einfinden, um ihren Erzählungen zu folgen. Maria Margarita kann einzelne Schauspieler vortrefflich nachahmen, sie zieht die Pistolen ebenso schnell heraus wie John Wayne und kann so schön singen wie Marilyn Monroe. Nicht wenige ziehen ihre Filmerzählungen einem Kinobesuch vor. Das Mädchen ist eine Attraktion im Dorf, sie wird mit der Zeit in fremde Häuser eingeladen, um dort Filme zu erzählen. Mit dem Filmerzählen verdient Maria Margarita Geld. Manchmal kommt es vor, dass sie einer Filmhandlung Details anfügt, die sie erfunden hat. Das geht alles so lange gut, bis das Fernsehen im Dorf Einzug hält. Hernán Rivera Leteliers kleiner Roman mit seinen 44 Kapiteln ist eine Liebeserklärung an den Film, an das Erzählen und an die Phantasie. Svenja Becker, Übersetzerin in Saarbrücken, hat das Buch des chilenischen Autors vortrefflich übersetzt.

Hernán Rivera Letelier: Die Filmerzählerin,
Insel Verlag, Berlin (2011), ISBN 978-3-458-17495-0
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