Magazin «Kult», März 2005


Abends um sieben

Ich habe damit aufgehört, Ansichtskarten zu verschicken. Denn dauernd bin ich erreichbar. Ich kann jederzeit von unterwegs aus einem Internetcafé Mails schicken oder auch von meinem Handy aus kleine Nachrichten, nie länger als 160 Zeichen lang. Nora habe ich daran gewöhnt, zweimal im Tag einen kleinen Text von mir zu erwarten. Ich halte mich bewusst nicht an feste Tageszeiten, Nora soll nicht ungeduldig werden. Mal kommt meine erste Textnachricht morgens um sieben an, ein anderes Mal abends um sieben oder sogar erst spätnachts. Nora scheint auf meine Textnachrichten zu warten, denn kaum ist meine sms bei ihr eingetroffen, tippt sie mir eine Nachricht ein. Selten nur antworte ich sofort. Nora will immer wissen, wo ich bin, was ich mache, wen ich getroffen habe, wie es mir geht, was ich vorhabe. Ich aber mag nicht immer alles erzählen, Details umgehe ich gerne, Nora muss nicht alles wissen. «Café Dantzig, wunderbarer Ort, sitze am breiten Lesetisch, Amsterdam. Heute abend Konzert im Tropenmuseum. Weißt du noch?» . Mein Gruss zählt 140 Zeichen, es müssen nicht immer 160 sein. Ich schicke meine kleine Nachricht in die Schweiz. Nora war schon mit mir in Amsterdam, sie wird sich also genau erinnern und sich vorstellen können, wo ich bin: Sicht auf den Münzturm, die Wohnboote am Grachtenrand, das Grand Café mit seinen dunklen Tischen, gleich nebenan der geschäftige Markt am Waterlooplein, hier sassen wir uns schon mehrmals gegenüber, manchmal am breiten Lesetisch, wo Zeitungen und Zeitschriften aufliegen. Am späten Abend nochmals ein Gruss von mir: «Keizersgracht, kalter Wind, zu Fuss unterwegs zurück ins Zentrum, die Cafés voller Menschen, ich mag diese Stadt so sehr» . Und keine Minute später bereits Noras Antwort auf meinem Display. Sie weiss, dass ich die kleinen süssen Pfannkuchen mag und schreibt: «Denk an mich, wenn du Poffertjes isst, weißt du noch, wie wir gleich zwei doppelte Portionen bestellt haben?» . Ich quittiere Noras Nachricht nicht. Ich bin müde, die Hektik von Kairo macht mir zu schaffen. Morgen werde ich Nora eine kleine Nachricht vom Vondelpark aus schicken und eine zweite vielleicht vom nahen Stedelijk Museum. Ich muss mich nur gut genug hineindenken können, der Lärm und der Staub von Kairo dürfen mich nicht ablenken, denn einen Stadtplan von Amsterdam habe ich nicht mitgenommen.
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