Zweifache Eigenheit, Jüdische Gegenwartsliteratur in der Schweiz.
Herausgegeben von Rafael Newman und dem Schweizerischen Schriftstellerinnen- und Schriftsteller-Verband. Limmat-Verlag Zürich, 2001


Adler

Schon beim ersten Rundgang durch den Betrieb hat er sich diese Frage gestellt.

Eine Stunde nachdem er seine neue Stelle angetreten hatte, führte ihn die Personalchefin durchs Haus. Sie gingen von Büro zu Büro, wo sie ihn den Sekretärinnen und Sachbearbeitern vorstellte. Als sie vom Erdgeschoss in den ersten Stock hinaufstiegen, da war ihm klar, dass er die Namen der neuen Kolleginnen und Kollegen nicht würde behalten können. Ob er die Personalchefin um ein Blatt Papier bitten sollte, um sich die Namen und Funktionen aufzuschreiben? Er konnte sich nicht entscheiden, fühlte eine Hemmung dieser Frau gegenüber. Einen einzigen Namen konnte er sich dennoch merken. Und bei der gegenseitigen Vorstellung meinte er zu spüren, wie der andere ihn fixierte, wie er ihn prüfte, wie er ihn von oben nach unten anschaute. Ob der andere ebenso unsicher war wie er? Ob Adler auch einer war?

In den folgenden Tagen sahen sie sich mehrmals in der Betriebskantine. Und an der zweiten Sitzung der Abteilungsleiter, an der er teilnahm, sassen sie sich sogar gegenüber. Er hatte den Eindruck, der andere würde ihn mit den Augen ausziehen, als wollte er feststellen, ob er beschnitten sei oder nicht. Dabei sah er den anderen genau an, versuchte herauszufinden, ob seine Nase, die Lippen oder seine Gestik einen Hinweis auf seine Abstammung lieferten. Er entschied sich dafür, dass Adler kein Jude sein konnte. Adler trat zu selbstsicher auf. Er sah ihn von der Seite an. Nein, Adler hatte keine gebogene Nase. Dabei wusste er, dass eine krumme Nase kein Hinweis auf eine jüdische Abstammung sein musste. Ihm fiel ein, ein homosexueller Bekannte hätte ihm erzählt , dass Schwule sich jederzeit gegenseitig ausmachen könnten. Und er erinnerte sich, gelesen zu haben, dass Drogensüchtige sich auch dann als solche erkennen, wenn sie sich in einer Umgebung und unter Umständen treffen, in denen weder Drogen konsumiert noch zum Verkauf angeboten werden.

Dass ihm das passieren musste. Sonst konnte er doch jederzeit andere Juden erkennen. Am leichtesten war es, die Orthodoxen als Juden ausfindig zu machen. Aber auch amerikanische Juden, die keinerlei schwarze Kaftane trugen und auch keine Schläfenlocken hatten, konnte er als solche erkennen. Eigentlich mochte er diesen Abteilungsleiter nicht besonders. Aber wenn er einer war wie er, wenn er auch ein Jude sein sollte, dann würden sie doch zusammengehören. Die Geschichte jener zwei Männer fiel ihm ein, die beide aus dem Balkan stammten, der eine aus Rumänien, der andere aus Bulgarien. Zwei Männer, die sich in Berlin kennengelernt hatten, die sich zwar nicht besonders mochten, aber einander brauchten als Beweis für eine Existenz, die es einmal gegeben hatte, die aber schon vor langer Zeit zu bestehen aufgehört hatte. Ob man sich als Fremde in der Ferne einfach so brauchte? Ihm fielen die Zusammenschlüsse der Ausländer ein, von denen er gehört hatte. Die Katalanen, die regelmässig zusammenkamen, die Sudetendeutschen oder die Piemonteser, die ihre Klubs hatten. Er war kein Vereinsmensch, war nicht einmal Mitglied der jüdischen Gemeinde, hatte seit seinem dreizehnten Geburtstag nie mehr an einem jüdischen Gottesdienst teilgenommen, kannte nur wenige Synagogen, die er zudem mehr aus kunsthistorischem Interesse aufgesucht hatte.

Der Name des anderen war unverfänglich. Adler musste kein jüdischer Name sein, auch wenn Alfred Adler ein Jude gewesen war. Ihm fiel der Name Rosenberg ein. Rosenberg hatte der Parteiideologe Hitlers geheissen. Er selber kannte einen Schneider namens Rosenberg, einen gebürtigen Polen, einen zugewanderten Juden. Wie froh er selber darüber war, den unverfänglichen Namen Klein zu haben. Wer ahnte schon, dass Klein ein jüdischer Name sein konnte. Wo es doch auch nichtjüdische Kleins gab. Wenn der andere nur einen eindeutigeren Vornamen haben würde, dachte er. Andreas kann jeder heissen, weshalb heisst der Mann nicht Saul oder David. Wenn er bloss Christian oder Christoph heissen würde, dann wäre alles eindeutig. Er sah ihn an und überlegte, wie sich ein Hinweis für Adlers Judentum finden lassen könnte. Tage später kamen die beiden während einer Kaffeepause wieder ins Gespräch. Doch weder der Geburtsort noch die besuchten Schulen, weder die vorherigen Arbeitsorte noch sonst etwas ergaben Hinweise auf die Frage, die ihn so sehr beschäftigte. Er konnte sich selbst nicht erklären, weshalb ihn diese Frage nicht losliess. Er war zum Arbeiten hier, nicht um neue Beziehungen einzugehen, erst recht nicht, um herauszufinden, ob ein Arbeitskollege auch Jude sei oder nicht. Und ohnehin fragte er sich, welche Relevanz Adlers mögliches Judentum für die Arbeit haben konnte.

Das ging so weiter bis zu jener Sitzung, an der sie wieder nebeneinander sassen und der andere ihm kurz vor Beginn der Sitzung beiläufig sagte: «So, jetzt beginnt wieder ein neues Jahr». Er hörte den Satz des anderen und reagierte nicht, sah nicht einmal, wie Andreas Adler den Blick von ihm wegwandte. Erst nach der Sitzung, als er wieder an seinem Schreibtisch sass, fiel ihm plötzlich ein, was der andere gemeint haben konnte. Es war September, Ende September. Wie hatte er nur vergessen können, dass in diesen Tagen das neue jüdische Jahr beginnt. Er ging zu Adlers Büro, klopfte an und versuchte, Adler zu sprechen, was ihm aber nicht gelang, weil dieser eine Besprechung hatte, nicht gestört werden konnte. Am nächsten Tag passte er ihn im Treppenhaus ab, nahm das Thema wieder auf, etwas hilflos zwar, indem er sagte, Adler hätte ihm gestern doch gewiss etwas sagen wollen, worauf aber Adler jetzt nicht einging, weil für ihn der Satz, der ihn am Vortag beschäftigt hatte, mittlerweile erledigt war. «Wissen Sie», sagte er etwas umständlich zu Adler,«ich glaube wir beide haben etwas gemeinsam». Weiter kam er nicht, weil Adler ihm verächtlich entgegnete, sie würden ja gemeinsam in derselben Firma arbeiten. «Nein, ich meine, wir beide haben miteinander noch eine weitere Gemeinsamkeit», fügte er an. Das Wort &Mac220;jüdisch&Mac221; konnte er nicht aussprechen. Ihm kam vor, er sei selber kein Jude, einer jedenfalls, der sich nicht getraute, dieses Wort zu verwenden, aus Angst, er würde den anderen verletzen.

Mittlerweile wissen beide voneinander, dass sie jüdisch sind. Sie verbindet, dass ihre Vorfahren irgendwann aus dem Orient nach Europa gekommen sind. Aber sie sind sich nicht näher gekommen. Adler versteht sich mit den anderen Abteilungsleitern besser als mit Klein. Und sie haben sich kein einziges Mal ausserhalb des Betriebs privat getroffen. Adler geht manchmal mit den anderen Kollegen aus. Und Klein hat schon mehrere Abteilungsleiter eingeladen. Irgend Etwas verbindet die beiden. Aber sie fühlen sich einander gar nicht verbunden. Manchmal reagiert Adler an den Abteilungsleitersitzungen besonders gereizt auf Kleins Vorschläge. Und Klein hat sich über Adler schon mehrfach vor Kollegen lustig gemacht. Und dennoch passiert es Klein, dass er in den Ferien, dann wenn er an die Firma und an die Arbeit denkt, zunächst an Adler denkt.


In ihrem essay  «Zur neueren jüdischen Literatur aus Helvetien: Im Zeichen der Shoah» erwähnt Barbara Rowinska-Januszewska von der Adam-Mickiewicz-Universität zu Poznan auch die Erzählung «Adler»: www.inst.at/trans/15Nr/03_5/januszewska15.htm
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