Kulturmagazin «Saiten», September 2006


Fifth Avenue Retour

Notizen zum Modeunternehmen Akris

Das Textilmuseum St.Gallen zeigt eine Ausstellung über das St.Galler Mode-Unternehmen Akris. Eine Firma, deren Kleider Summen kosten, die andere in einem Monat verdienen. Eine Reise zu vier Oasen des Luxus.

Speicher.

Die Männer, die den einfahrenden Automobilistinnen im Dorfteil Kalabinth den Weg zu den Parkplätzen in der Nähe eines Lagerhauses zeigen, gleichen Verkehrskadetten. Die Fahrerinnen sitzen alleine oder in Begleitung einer Freundin im Wagen. Um zehn wird die Tür zum Lagerhaus aufgehen. Die Frauen stehen auf dem Vorplatz, einige scheinen sich zu kennen, sind nicht zum ersten Mal da. Manche sind aus Deutschland gekommen, andere aus St.Gallen, aus Zürich. Die Modemarke Akris führt einen Lagerverkauf durch. Jacken und Jupes, Blusen, T-Shirts und Abendroben der letzten drei Saisons, die in den Boutiquen keinen Absatz gefunden haben, werden an drei Tagen im Appenzellerland verbilligt angeboten. Jacken, die noch vor kurzem über 2500 Franken gekostet haben, sind für 250 zu haben. Wer bereits Kleider von Akris besitzt, kann hier Ergänzungskäufe machen. Entworfen von Albert Kriemler. Im Dorfblatt von Speicher ist der Verkauf annonciert.

Kurz vor zehn stehen etwa sechzig Frauen und vier Männer vor der Glastür, sie reden über Kleider und über den letzten Lagerverkauf. Als die Tür Punkt zehn Uhr geöffnet wird, eilen die ersten Kundinnen zielstrebig die Treppe hinauf in einen grossen Lagerraum und zu mobilen Kleidergestellen, an denen Röcke, Hosen und Jacken hängen, die sie schnell an sich nehmen, um dann mit drei, vier oder fünf Kleidern in einen abgetrennten Bereich zu gehen, um sie anzuprobieren. Intimität gibt es nicht, wir sind nicht bei Grieder Les Boutiques in Zürich. In Unterwäsche stehen sie nebeneinander, ältere und junge Frauen auf Schnäppchenjagd beim vornehmsten Kleiderhersteller der Schweiz. Man berät sich gegenseitig, macht auf Passendes aufmerksam, das noch in den Gestellen wartet. Diejenigen, die schon mehrmals hier waren, wissen es genau: An jedem der drei Tage kommen neue Remittenten hinzu. Es sei nicht so, sagt eine Mitarbeiterin von Akris, dass nur am ersten Tag «Edelkleider» zu haben seien. Und während sich die ersten Kundinnen nach mehreren Anproben die Kleider an einer Theke einpacken lassen, kommen weitere Frauen hinzu.

Paris.

Carrousel du Louvre. 99, Rue de Rivoli. Ein Freitag Anfang März. Gegen Mittag beginnt im Louvre die Schau der schönen Kleider. Ein grosser Raum, Decke und Wände und Sitze sind in warme Farbtöne gehüllt. Vor drei Tagen wirkte dieser Raum noch kalt und abweisend. Alle Plätze sind besetzt, ungeduldiges Warten, Flüstern, man grüsst sich. Vorne sitzen Berichterstatter mit ihren Notizblöcken. Auf der Seite haben sich die vielen Pressefotografen eingerichtet. Gedrängt sitzen die Zuschauer auf den Bänken. In wenigen Minuten wird Akris die Mode des kommenden Herbstes zeigen.
Zwölf Minuten dauert die Parade. Wenige Minuten, hinter denen monatelange Arbeit steckt. Morgens um sechs ist die Kollektion im Louvre eingetroffen, eine Stunde später ist die ganze Akris-Crew da. Eine halbe Stunde später treffen die ersten Mannequins ein: Junge Frauen in Bluejeans, denen man nicht anmerkt, dass sie in wenigen Stunden anders aussehen werden. Manche sind bleich, sehen übernächtigt aus. Um acht sind die Hairstylisten und Visagisten an der Arbeit. Die Mannequins lassen sich nicht von ihren Illustrierten ablenken oder beim Rauchen stören. Langsam verändern sich ihre Frisuren, Haare werden künstlich verlängert und nachgeschwärzt, die Gesichter geschminkt. Die jungen Frauen fingern an ihren i-Pods herum oder unterhalten sich in Russisch und Spanisch. Während Männerhände ihre Frisuren formen und ihre Wangen und Stirnen bearbeiten, strecken einzelne Mannequins ihre Hände zur Maniküre hin. Zwischendurch bedienen sich die Models am Früchtebuffet. Sie hungern sich von Modeschau zu Modeschau, Früchte aber sind erlaubt. Föngeräusche, dazu Gespräche, Tassenklirren. Es ist wie in der Oper hinter der Bühne kurz vor der grossen Premiere.

Der Abend vor dem Défilé im Showroom von Akris: Auf dem Boden liegen die Polaroidfotos und Beschreibungen jeder Kreation der neuen Kollektion. An einem der vier runden Tische werden die letzten Pressetexte geschrieben. Letzte Arbeiten direkt an den Mannequins, ein Mädchen nach dem anderen betritt den Raum. Albert Kriemler und seine Leute begutachten, kommentieren, diskutieren, legen die Reihenfolge des Défilés fest.

Akris ist nicht die einzige Marke, die an diesen Tagen in Paris Mode zeigt. Im Grand Palais und im Louvre folgt eine Modeschau der anderen. Spannung: Was werden die anderen Designer, die anderen Ateliers zeigen? Eine Jacke wird noch geändert, ein Kleid muss enger gemacht, Knöpfe müssen versetzt werden. Hier werden alle Sprachen gleichzeitig gesprochen: Mode ist international. Die Musik der Show vom nächsten Tag läuft immer wieder, man soll sich an den Sound gewöhnen, die Mannequins üben sich in den neuen Kleidern, gehen nach vorne, halten kurz an, drehen sich um und trippeln im Takt der Musik weiter. An den Ständern hängen die Kleider, die morgen zeigen werden, für welche Farben, welche Stoffe, welche Formen und Aussagen Akris sich für den kommenden Herbst entschieden hat. Bei jedem neuen Stück ist jeweils eine Beschreibung oder Anweisung zu sehen: «Mettre les mains dans les poches de la robe.» Und dazu die Angabe, welche Schuhe zu welchem Kleid getragen werden sollen. 25 Mannequins werden dabei sein, 70 haben sich in den letzten Tagen im Showroom vorgestellt. Nicht jedes Mannequin passt zu den Jacken und Hosen und Mänteln von Akris.

Am nächsten Morgen sitzen die Mannequins in den hinteren Räumen bei der Anprobe. Während im grossen Saal die Platzkarten, Pralinés und das Pressematerial verteilt werden, treffen die Ankleiderinnen ein. Zu zweit betreuen sie je ein Mannequin, helfen ihm beim Ankleiden. Alles muss rasch gehen, wenn die Mädchen vom ersten Rundgang zurückkommen. Im Défiléraum findet eine erste Lichtprobe statt: Ein Mannequin in Jeans, aber schon geschminkt, macht die Runde, das Licht ist sehr weiss, es wird diskutiert, ein Lichttechniker und Albert Kriemler unterhalten sich mit den Beleuchtern. Der Visagist ist dabei, das Gesicht muss nachbehandelt werden, es wirkt zu blass, die Scheinwerfer brennen schon seit Stunden, langsam heizt sich der Raum auf.

Gegen elf Uhr herrscht am Eingang zum Défiléraum Gedränge. Fotografen blitzen die Schönen, sie müssen kurz posieren, ihre Namen werden notiert. Ein Blitzlichtgewitter für die Zeitungen und Modezeitschriften. Die Öffentlichkeit will wissen, was die Prominenz trägt. Ist die Modereporterin von Vogue da? Hat die Berichterstatterin von Herald Tribune ihren Platz eingenommen? Die Musik setzt ein, das Licht wird gedimmt, die Scheinwerfer richten sich auf das Logo von Akris und wandern von dort auf den Laufsteg.

Wenn das letzte Modell gezeigt ist, kommen die Mannequins nochmals auf den Laufsteg, am Schluss folgt ihnen Albert Kriemler, hakt sich bei einem der letzten Mannequins ein und verlässt mit ihnen unter Applaus den Raum. Das war die neue Kollektion. Das Publikum klatscht weiter, Albert Kriemler soll sich nochmals zeigen, dann stehen die Gäste langsam auf, sie gratulieren dem Designer. Fernsehteams drängen sich vor, Champagner fliesst, und schon verlassen die ersten Mannequins den Raum, schnell haben sie sich wieder umgezogen und entfernen sich in Blue Jeans und Wintermänteln. Man spricht über die neuen Farben und Formen.

New York.

754 Fifth Avenue. Sixth Floor, «Akris Boutique». Auf neun Stockwerken zeigt das Modekaufhaus Bergdorf Goodman Damenkleider der besten Marken. Wer hier einkauft, nimmt sich Zeit. Wer in diesem Haus zu den Kundinnen zählt, fühlt sich hier zuhause. Die Verkäuferinnen und Verkäufer sind modebewusst, sie kennen Paris und Mailand, können sich im Gespräch auch über mehr als nur über Mode unterhalten. Es versteht sich, dass sich die Beraterinnen in der Akris-Boutique mit ihrem Arbeitgeber identifizieren, selbst Kleider tragen, die in St.Gallen entworfen wurden. Das Gebäude kennt keine Hektik, Bergdorf Goodman ist kein Einkaufszentrum der schnellen Käufe. Es gleicht einem Fünfsterne-Hotel, wo das Personal seine Kundinnen beim Namen nennt und wo inmitten von schwarzem und weissem Marmor Beratung und Kundengespräch gross geschrieben werden. Wer durch Bergdorf Goodmans Modewelt flaniert, sieht Kleidungsstücke, deren Preis sich um die 4000 US Dollar und mehr bewegt.

Modeverkäuferinnen in New Yorks Bergdorf Goodman kennen die Garderobe ihrer Kundinnen. Sie wissen, was diese vor einem Jahr ausgewählt haben, sie wissen, in welchen Kreisen ihre Kundinnen verkehren. Die Beraterinnen bei Bergdorf Goodman wissen, welche Jacken und Hosen, Abendkleider und Mäntel ihren Kundinnen gefallen. «Unsere Kundinnen sind Frauen, die sich ihre Kleider für ihre Arbeit und für ihre Meetings mit Bedacht auswählen. In den USA gibt es immer einen Grund, gut angezogen zu sein. Man trägt abends zu einer Einladung andere Kleider als morgens bei der Arbeit», sagt Meg Mchale, Business Manager, bei Bergdorf Goodman in der Akris Boutique. Sie kennt den Geschmack und die Vorlieben ihrer Kundinnen so genau, dass sie bereits Stunden, nachdem Akris im Pariser Louvre am Défilé die neue Kollektion gezeigt hat, Bestellungen für einzelne Kundinnen vornehmen kann. «Als Beraterin baut man mit den Jahren wirkliche Beziehungen zu den Kundinnen auf, man kennt ihre Kinder, manchmal auch die Ehemänner oder Partner, manchmal hat man vielleicht sogar schon die Mütter der Kundinnen beraten.»

Auf einem Fernsehmonitor ist die jüngste Akris-Modeschau im Louvre zu sehen. Meg Mchale wird von zwei Beraterinnen unterstützt, leise klassische Musik ist zu hören. «Kleider von Akris kann man gut in einen Koffer packen, nach einem Flug hervorholen und gleich tragen», sagt Ginny Hershey, Senior Vice President und General Merchandise Manager of Women Apparel bei Bergdorf Goodman. US-Aussenministerin Condoleezza Rice trage auch Akris. Ginny Hershey kennt sich in der Welt der Mode wie wenige aus, war sie doch vor ihrer Zeit bei Bergdorf Goodman «vice president and divisional merchandise manager for couture» beim angesehenen amerikanischen Modehaus Neiman Marcus. Seit Jahren weilt sie sechs Mal im Jahr in Europa, sie ist an den grossen Modeschauen in Paris und Mailand anwesend. «Um bei Bergdorf Goodman präsentiert zu werden, müssen Kleider den höchsten Qualitätsansprüchen genügen. Die Washington Post berichtete, Albert Kriemler sei der kommende grosse Modedesigner, sagt sie. «Ich glaube nicht, dass er erst im Kommen ist, er ist schon längst da!» Und vogue.com berichtete im Frühling in einem Artikel über den Erfolg von Albert Kriemlers Kreationen: «Was ist also das Geheimnis von Akris? Der Erfolg der Marke liegt in einem zeitgenössischen Paradox: Es scheint in letzter Zeit immer trendiger zu werden, nicht trendige Labels zu tragen.»

Dass Albert Kriemlers Kreationen schon heute bei der modebewussten Kundschaft, die es sich leisten kann, exklusive Kleider einzukaufen, angekommen sind, steht für Ginny Hershey fest: «Albert hört es nicht so gern, wenn wir erzählen, dass seine Marke diejenige ist, die sich bei uns am besten verkauft.» Dass Akris die stärkste Marke des renommierten Hauses ist, erstaunt im ersten Moment, wo doch die amerikanische Modepresse voll von Anzeigen aller anderen Marken ist. «Akris ist etwas Besonderes», sagt Ginny Hershey. Akris war zunächst eine ruhige Marke. Das breite Publikum kennt Akris noch nicht. Wer sich aber für Mode interessiert, sieht, dass Akris in Paris innerhalb der grossen Modeschauen auftritt. Und wer die Kreationen der Modeentwerfer beachtet, der nimmt den Designer Albert Kriemler sehr wohl wahr. Akris ist in der hiesigen Wahrnehmung europäisch. Akris wird in den USA nicht als eine Schweizer Marke wahrgenommen. «Akris ist eine Marke, die keinen Rummel macht: kein Parfum, keine Gürtel, keine Schuhe und Täschchen, keine Tücher und keine Stories. Keine marktschreierische Werbung.»

Mendrisio.

Das Tessin war früher die «Nähstube» der Schweiz. Heute ist Mendrisio im Tessin so etwas wie das Fashion Valley der Schweiz. Jeden Morgen kommen hunderte von Näherinnen aus dem wenige Fahrminuten entfernten Italien in Mendrisio an. Die Reissverschluss-Herstellerin RiRi beschäftigt hier rund 400 Personen, die Modefirma Gucci unterhält in Mendrisio ihr Logistikcenter und ihr Lager, Ermengildo Zegna, Emporio Armani und Roberta di Camerio lassen im Tessin nähen, der Herrenausstatter Boss betreibt in der Nähe eine Hemdennäherei. Weil Akris in der Deutschschweiz kaum mehr Näherinnen fand, verlagerte die Firma die Produktion in die Nähe der italienischen Grenze. Denn in Italien gibt es noch genügend Näherinnen. Zunächst waren es im nahen Rancate 25 Angestellte. Als Akris dort in älteren Fabrikationsräumen 80 Näherinnen beschäftigte, war angesichts des Erfolgs der Marke klar, dass ein Umzug in ein neues und grösseres Gebäude unumgänglich sein würde. Im Produktionsatelier arbeiten heute in Mendrisio rund 200 Näherinnen und Büglerinnen. Während die anderen Modefirmen in Mendrisio deshalb auffallen, weil vor den Fabrikationsbauten bis zu 200 Fahrzeuge mit italienischen Kennzeichen stehen, ist die Zurückhaltung, die zu Akris gehört, auch am Firmensitz im Tessin zu erleben: Der Parkplatz neben dem Gebäude ist für Gäste reserviert, die Autos, in denen die Näherinnen anfahren, befinden sich alle in der unterirdischen, dreistöckigen Parkgarage. Weder Leuchtschrift noch Plakate machen auf die Firma oder auf die Arbeit aufmerksam, die hier geleistet wird. «Wenn eine Akris-Jacke den Betrieb in Mendrisio verlässt, haben insgesamt rund hundert Frauen an dieser Jacke gearbeitet», sagt Werksleiter Elmar Schuck. «Die Jacke ist die hohe Schule von Akris, beim Kauf häufig gewissermassen das Hauptstück, dem dann Hose oder Rock angepasst werden.»

Zweimal in der Woche bringt ein Transporter von Speicher bei St.Gallen die für die einzelnen Kleider zugeschnittenen Stoffe mit, die in Mendrisio zusammengenäht werden. Die fertigen Kleider aus Mendrisio werden nach Speicher transportiert. Nach Speicher kommen auch die Kleider der jüngeren Akrislinie Akris punto, die im slowenischen Mura hergestellt wird. In Speicher befindet sich die zentrale Qualitätskontrolle von Akris, wo die Kleidungsstücke vor dem Versand in die Verkaufsstellen nochmals geprüft werden.

Manche Akris-Kleidungsstücke schaffen es, zweimal in Speicher zu warten. Das erste Mal nach ihrer Herstellung und vor dem Versand in eine der Akris-Boutiquen. Das zweite Mal hängen sie an einem der Kleidergestelle an einem der Lagerverkaufstage, wenn draussen jene Kundinnen auf die Türöffnung warten, die es vorziehen, in Speicher für eine Jacke einen Zehntel desjenigen Preises zu zahlen, der vor kurzem für dieselbe Jacke an der Fifth Avenue verlangt worden ist.


Der St.Galler Herbst ist dem edlen Stoff und der Mode gewidmet. Unter dem Label «Schnittpunkt» zeigen das Kunstmuseum, die Lokremise, das Textilmuseum, das Historische Museum und die Neue Kunst Halle Ausstellungen zum Thema. Das Textilmuseum zeigt vom 2. September bis zum 7. Januar 2007 eine Schau über Albert Kriemlers Firma: «Akris – International beachtete Mode aus St.Gallen».
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