St. Galler Tagblatt, 24. Januar 2004


Unter dem Druck allgegenwärtiger Angst

Der Nahostkonflikt ist im Zeitalter der Massenkommunikation längst nicht mehr auf die Region beschränkt, in der sich seit Jahrzehnten Menschen feindlich gegenüberstehen. Der Konflikt wird auch ausserhalb der Region ausgetragen. Im Historischen Museum von Stockholm empörte sich Israels Botschafter anlässlich einer Ausstellungseröffnung angesichts einer künstlerischen Installation so sehr, dass er kurzerhand die Kabel der Scheinwerfer aus den Steckdosen zog und einen der Scheinwerfer gegen die Installation schmiss und sie vorübergehend zerstörte. In ein kleines Bassin im Hof des Museums hatte Künstler Dror Feiler rotes Wasser gefüllt, über das ein kleines Segelschiff fuhr, auf dessen Segel das Bild einer palästinensischen Selbstmordattentäterin zu sehen war.

Die Frau, Hanadi Jaradat, hatte im vergangenen Oktober sich und 21 unschuldige Zivilisten im Restaurant Maxim in Haifa mit einer Sprengladung getötet. Das Lokal war ein beliebter Ort, in dem sich Juden, Moslems und Christen gleichermassen gerne aufhielten. Haifa ist jene Stadt in Israel, in der trotzdem bis heute Menschen unterschiedlicher Herkunft friedlich miteinander leben. Ironie der Aktion in Stockholm: Künstler Dror Feiler stammt ebenso wie der Botschafter aus Israel. Israels Ministerpräsident lobte das Vorgehen des Botschafters. Und der Botschafter? Er war überzeugt davon, dass das Werk zum Mord an Israelis aufgerufen habe. «Ich habe entschieden: Das ist keine Kunst», gab er zu verstehen. Künstler Dror Feiler wollte mit seinem Werk berühren und erregen. Indem er die Namen der 21 Ermordeten seiner Installation anfügte, wollte er zeigen, dass Israelis und Palästinenser gleichermassen Opfer der nicht endenden Eskalation in Nahost sind. Der Botschafter hingegen meinte, die Installation sei ein weiteres Glied feindlicher Akte gegen Israel und gegen die Juden. Immer häufiger reagieren Betroffene mit einer gestörten Wahrnehmung auf das Geschehen in Nahost. Erst recht diejenigen Menschen, die in den betroffenen Gebieten leben. Das ist nachvollziehbar. Angst ist in Israel allgegenwärtig. Wer an einer Bushaltestelle wartet, einen Bus besteigt, ein Restaurant oder eine Theateraufführung aufsucht, kennt diese Angst: Jetzt könnte einer den Ort betreten und sich und die anderen Anwesenden mit einer Sprengladung hochgehen lassen. Angst ist auch in Palästina zuhause: Wer unterwegs ist, kann jederzeit von Militärs an einer Strassensperre festgehalten werden, ohne zu wissen, weshalb und für wie lange. Menschen verlieren ihre Arbeit, ihre Felder und Olivenhaine, Menschen sehen zu, wie ihre Wohnhäuser von Planierraupen niedergewalzt werden. Menschen zu beiden Seiten des neuen «Sicherheitszauns» sehnen sich nach Frieden, der sich nicht einstellt, Politiker bestimmen den Lauf der Dinge nach militärischen Gesichtspunkten. Israels Politik ist ebenso kritisierbar wie diejenige von Arafats Administration. Die schwer auszuhaltende Angst mag mit ein Grund dafür sein, dass Repräsentanten der israelischen Politik Kritik schlecht ertragen und sie als antisemitisch motiviert sehen. Es gibt auch antisemitisch geprägte Kritik an Israel in Europa, aber jede Kritik an Israel als antisemitisch zu bezeichnen, geht zu weit. Und das aber auch: Die Politik der Regierung Israels wird im Land selbst jeden Tag in den Medien, in Anzeigen und Flugblättern kritisiert. Dror Feiler ist Mitglied der Organisation «Juden für einen israelisch-palästinensischen Frieden». Er ist vom Existenzrecht Israels überzeugt, aber ein vehementer Gegner der israelischen Besetzung. Schweden wie Israel sind Demokratien, in denen die Freiheit der Kunst und der Meinungsäusserung zum Kanon der Grundrechte gehören. Ein Botschafter kann kein Kunstjuror sein. Er kann als Privatperson seinen Unmut äussern, zur Zerstörung eines Kunstwerks aber darf es nicht kommen. Die Regierung Israels kann nicht als Moralinstanz andernorts eingreifen, um so von der eigenen Unfähigkeit abzulenken. Beide, der Künstler und der Botschafter, wollten etwas auslösen, beide hatten paradoxerweise Ähnliches im Sinn. Der Künstler wollte zum Nachdenken über die unaufhörliche Eskalation von Gewalt und Gegengewalt anregen, indem er das Blutmeer darstellte, in welchem ein hilfloses Schiff, eine hilflose Terroristin irrt. Der Botschafter, emotional erregt angesichts der Fotografie der Attentäterin und des blutroten Wassers, wollte gegen die Verharmlosung des tödlichen Konfliktes im Museumshof protestieren. Dem Künstler, früher selbst Soldat der israelischen Armee, stand eine Betroffenheit Pate, seine Auseinandersetzung mit dem Thema war ernsthaft und von eigenen Erfahrungen geprägt.

Der Künstler wollte zum Nach- denken über Gewalt und Gegengewalt in Israel anregen, der Botschafter gegen die Verharmlosung des Konfliktes im Museumprotestieren.

Michael Guggenheimer ist freier Publizist in Zürich. Bis Frühling 2003 war er Leiter der Abteilung Kommunikation der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia.
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