Installation und Text im Rahmen der Ausstellung
«Kitsch und andere Leidenschaften», Juni-Oktober 2005


Ansichtskarten
Erzählung

Auch die neugierigsten Besucher werden fündig: Versteckt in den Vitrinen der Dauerausstellung zeigt das Jüdische Museum Hohenems bis zum 8. Oktober 2005 die heimlichen Leidenschaften verschiedener Sammler: Seltene Bücher und Schnupftabakdosen, Kunst und Pfeifenköpfe, Talismane und Fetische, Skurrilitäten des Alltags, die sich in den Sammlungen von Freunden des Museums für gewöhnlich vor der Öffentlichkeit verborgen halten. In den Schubladen des Museums ist auch eine Installation zum Thema Sonnenuntergangs-Ansichtskarten von Michael Guggenheimer zu sehen. Zu ihr gehört der nachfolgende erzählerische Text.


Ansichtskarten

Herr Lob. Er heisst wirklich so. Herr Lob sammelt Ansichtskarten. Nicht wahllos. Herr Lob ist Spezialist. Herr Lob hat sich mit der Zeit spezialisiert. Wohin er auch fährt, wo er auch seine Ferien verbringt, Lob geht von Kiosk zu Kiosk, von Papeterie zu Papeterie. Lob ist immer auf der Suche nach seinem Motiv. Lobs Ansichtskartensammlung ist mit den Jahren gewachsen: Die untergehende Sonne hinter dem Arc de Triomphe. Sonnenuntergang an der Themse. Die knallig orange Sonnenkugel hinter den Pyramiden von Gizeh. Lob war noch nie in Venedig. Aber er besitzt mittlerweile 27 Sonnenuntergänge mit der Seufzerbrücke, mit der Rialtobrücke, mit dem Lido di Venezia im Vordergrund. Sammler- und Tauschbörsen machen es möglich. Lob hat die Sonnenuntergänge in Schuhschachteln geordnet. Sie sind alphabetisch sortiert. Berlin (mit der untergehenden Feuerkugel hinter dem Brandenburger Tor) vor Bern (mit der untergehenden Sonne im Hintergrund und dem Bundeshaus im Vordergrund). Lob hat die Ansichtskarten in einer Computerdatei registriert. Schwierig wird es, wenn die Sonne im Meer untergeht. Denn die untergehende Sonne von Nazaré in Portugal unterscheidet sich durch nichts von der untergehenden Sonne, die er am Ansichtskartenständer in Tel Aviv gefunden hat. Mehrmals war Lob schon stutzig geworden, als er sich die Karten genau angeschaut hat. Konnte es sein, dass die Ansichtskartenhersteller manchmal manipulierten? Wieso geht auf seiner Ansichtskarte mit der Sammelnummer 4217 die Sonne im Meer vor Rimini unter? Lob hat sich vorgenommen, in den kommenden Sommerferien nach Rimini zu fahren, um sich dem Phänomen der im Osten untergehenden Sonne zu widmen. Lob vermutet, dass das Bild mit den Liegestühlen, mit den Badehäuschen und Sonnenschirmen, auf dessen Rückseite «Sunset in Rimini» steht, an einem anderen Ort aufgenommen wurde. Dem wird Lob nachgehen. Lob heisst übrigens mit Vornamen Armin. Aber seine Freunde nennen ihn seit geraumer Zeit «Sunny Boy».
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