Education Permanente, Mai 2003


Sich fit machen für den Arbeitsmarkt
Kursbesuche sollen helfen, sich wieder in der Arbeitswelt
neu positionieren zu können


Zürich ist die Wirtschaftshauptstadt der Schweiz. In einer Zeit, in der Banken und Versicherungen erstmals mit Geschäftsrückgang und namhaften Defiziten konfrontiert sind, werden in Zürich Kaderleute in Branchen entlassen, denen Arbeitslosigkeit nicht vertraut war. Auf der Suche nach neuer Arbeit drücken neuerdings auch Menschen mit guten und sehr guten beruflichen Qualifikationen die Schulbank. So erwerben sie Techniken und Fähigkeiten, die es ihnen ermöglichen sollen, schneller im Arbeitsmarkt integriert zu werden. Der Besuch von Kursen wird ermuntert. Die Kurspalette ist breit. Doch nicht jeder kann nach Lust und Laune jeden Kurs besuchen. Den oberstes Ziel aller Massnahmen ist die rasch Integration, der schnelle Wiedereinstieg in den Arbeitsprozess. Die öffentliche Hand hat sich in einer Zeit, in der Firmen ihren Mitarbeitenden aus wirtschaftlichen Erwägungen weniger Kurse anbieten, zu einem gewichtigen Kursorganisator entwickelt.

Die Zahl derjenigen Personen, die im Kanton Zürich eine Stelle suchen, hat sich innert eineinhalb Jahren von 17 000 auf rund 40 000 erhöht. Betroffen vom Stellenverlust ist vor allem die mittlere Altersgruppe der 25- bis 44 Jährigen. Traf Arbeitslosigkeit vor wenigen Jahren noch eher wenig geschulte Menschen, so hat der Anteil der Stellen Suchenden, welche aus Fach- oder Kaderfunktionen kommen drastisch zugenommen: fast 60 Prozent betrug per Ende März ihr Anteil an der Gesamtzahl der arbeitslos gemeldeten Personen. Heute ist jede 18. erwerbstätige Person im Kanton Zürich auf Arbeitsuche, weil sie die Stelle verloren hat. Kannte man im eigenen Freundeskreis vor wenigen Jahren noch kaum einen Arbeitslosen, so hat sich die Situation innert kurzer Zeit verändert. Und: Vermehrt sind auch gut qualifizierte Menschen von der Arbeitslosigkeit betroffen. Besonders zugenommen hat in Zürich die Arbeitslosigkeit in Dienstleistungsbranchen wie Beratung, Planung und Informatik sowie Banken und Versicherungen.

Wie sehr die öffentliche Hand mit der neuen Situation konfrontiert ist und sie ernst nimmt, zeigt ein Blick auf den Ausbau der Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV). Das für diese Stellen zuständige Amt für Wirtschaft und Arbeit (AWA) hat in den vergangenen anderthalb Jahren rund 120 zusätzliche Mitarbeitende angestellt. Ihre Aufgabe ist es, die stellenlosen Frauen und Männer zu begleiten und zu beraten, ihnen Wege zu zeigen, wie sie wieder zu Stellen kommen. Stark ausgebaut und angepasst für die neue Gruppe der Stellensuchenden wurde auch das Kursangebot. Jede der 21 RAV Filialen im Kanton Zürich verfügt über einen Dokumentations-bereich, in dem sich Stellensuchende mittels Printmedien sowie mit der Hilfe elektronischer Medien über die Kursangebote sowie über die Stellenanzeigen orientieren kann. Zudem verfügen die RAV über gut ausgebaute Internetsites mit zahlreichen, differenziert aufgebauten Linksammlungen, anhand deren sie sich über Bildungsangebote in Kenntnis setzen können.

Qualifizierungsangebote und nicht Weiterbildung

Auf die Frage, welche Weiterbildungsmassnahmen das Amt für Wirtschaft und Arbeit über seine RAV-Stellen anbietet, präzisiert Edith Gitermann- Huber, Abteilungsleiterin beim AWA: «Weiterbildung im herkömmlichen Sinn bieten wir nicht an. Auch wenn wir eine grosse Palette von Kursen anbieten, trifft der Begriff Weiterbildung nicht auf unser Angebot zu. Wer eine Stelle sucht und keine findet, dem stellen wir eine Reihe von Qualifizierungsangeboten zur Verfügung. Den Personalberaterinnen und –beratern begegnen im Rahmen ihrer Tätigkeit häufig Personen, die lange Anstellungsperioden von zehn oder fünfzehn Jahren hinter sich haben und sich seit langer Zeit nicht mehr um eine neue Stelle beworben haben. Das führt dazu, dass diese Personen häufig nicht mehr wissen, wie eine gute Bewerbung aussehen müsste. Oder sie sind für das Vorstellungsgespräch nicht richtig vorbereitet. Das sind dann diejenigen, die sich zwanzig und mehr Mal um Stellen bewerben und kein einziges Mal zu einem Gespräch eingeladen werden. Solche Situationen können rasch zu einer Demotivierung führen. Diesen Personen bieten wir im Rahmen unserer arbeitsmarktlichen Massnahmen Intensivkurse an, in denen sie zunächst eine gründliche eigene Standortbestimmung vornehmen können. Dort lernen sie auch, wie sie anders kommunizieren könnten». Nahezu 46 Prozent der von den RAV-Stellen verfügten Kursbesuche der letzten Monate sind sogenannte Standortbestimmungs-Kurse. Solche Kurse können bis zu vierzehn Tagen dauern. 19,5 Prozent aller Kursbesuche, die von den RAV-Stellen verfügt wurden, waren in den vergangenen Monaten Sprachkurse, 13,4 Prozent der Kurse waren allgemeine Informatikkurse.

Reintegration als Ziel

Arbeitsmarktliche Massnahmen kommen dort zum Einsatz, wo die Vermittelbarkeit der Stellen suchenden Person erschwert ist. Stufen die RAV-Personalberatenden die Vermittelbarkeit als leicht ein, sind keine arbeitsmarktlichen Massnahmen angezeigt. Unabhängig von diesem Grundsatz haben alle Stellen Suchenden das Recht, ein schriftliches Kursgesuch einzureichen. Die RAV-Personalberatenden entscheiden, ob eine Massnahme angezeigt ist. Hat ein Stellen Suchender einen Kurs gefunden, den er besuchen will, muss er ein Kursgesuch einreichen. Wird dieses wird vom RAV-Personalberatenden nicht genehmigt, kann er eine schriftlich begründete, rekursfähige Ablehnungsverfügung einfordern. Arbeitsmarktliche Massnahmen lautet der Oberbegriff, dem die breite Palette an angebotenen Kursen zugeordnet ist, die Stellen Suchende besuchen können oder auf Anweisung der RAV-Berater auch besuchen müssen. Sie umfassen ein breites Spektrum von Bildungsangeboten bzw. –massnahmen zur beruflichen Reintegration von Stellen Suchenden. Arbeitsmarktliche Massnahmen haben zum Ziel, die rasche Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt durch berufliche Qualifizierung zu fördern. Diese arbeitsmarktliche Massnahmen kommen dort zum Einsatz, wo die Vermittelbarkeit der Stellen suchenden Person erschwert ist. Stufen die RAV-Personalberatenden die Vermittelbarkeit als leicht ein, sind keine arbeitsmarktlichen Massnahmen angezeigt. Das bedeutet, dass nicht jeder Stellen Suchende automatisch an Kurse geschickt wird. Unabhängig von diesem Grundsatz haben jedoch alle Stellen Suchenden das Recht, ein schriftliches Kursgesuch einzureichen. Die RAV-Personalberatenden entscheiden jeweils, ob eine Massnahme angezeigt ist. Hat ein Stellen Suchender ein Kursgesuch eingereicht und dieses wird vom RAV-Personalberatenden nicht genehmigt, kann er eine schriftlich begründete, rekursfähige Ablehnungsverfügung einfordern. Noch eine Besonderheit kennzeichnet den Kursbesuch: Als oberste Prioriät aller Arbeit der RAV-Berater gilt die rasche Rückkehr in den Arbeitsmarkt. Stellen Suchende müssen auch während arbeitsmarktlichen Massnahmen an Beratungsgesprächen im RAV teilnehmen. Sie sind auch in dieser Zeit verpflichtet, Stellen zu suchen und – bei erfolgreicher Bewerbung – die Massnahme abzubrechen, um eine Arbeitsstelle anzunehmen.

Fit machen für den Arbeitsmarkt, so könnte das Motto lauten, das bei der Zusammenstellung der grossen Kurspalette Pate steht: Eine Mitarbeiterin eines kaufmännischen Betriebs, die etwa ihre Stelle verloren hat, verfügt nur über mangelhafte Kenntnisse der englischen Sprache. Um sie besser vermittelbar zu machen, hat ihr der Personalberater beim RAV empfohlen, die für den Arbeitsmarkt heute benötigten Kenntnisse der englischen Sprache zu verbessern. Daher kann sie einen Kurs besuchen, bei dem sie diese Kenntnisse ausbaut. Die Kosten übernimmt das RAV. Oder: Der stellenlose Lagermitarbeiter, der aus dem Ausland zugezogen ist, verfügt nur über sehr rudimentäre Kenntnisse der deutschen Sprache. Um für ihn eine Arbeit zu finden, damit er an einem neuen Arbeitsort auch andere Tätigkeit übernehmen könnte, muss er die hiesige Sprache lernen und wird in einen Kurs geschickt, wo er seine mangelhaften Deutschkenntnisse verbessern kann. Im Rahmen der von den RAV vermittelten Kursangeboten können Kenntnisse vertieft, nicht aber neue Ausbildungen absolviert werden.

Die öffentliche Hand als grosser Kursorganisator

In einer Zeit, da die Kursanbieter angesichts der Sparmassnahmen der Wirtschaft weniger Kurse durchführen können, ist das Amt für Wirtschaft und Arbeit des Kantons Zürich zu einem bedeutenden Einkäufer von Dienstleistungen im Kursbereich geworden: Ueber 530'000 Tage arbeitsmarktlicher Massnahmen hat das Amt im vergangenen Jahr verfügt, 700 000 werden es dieses Jahr sein, über 28 000 Kursbesuche bewilligt, von denen manche bis zu drei Monaten dauern. Die vom RAV übernommenen Kurskosten bewegen sich je nach Kurs in einer Bandbreite zwischen Fr. 95.- und 180.- pro Teilnehmer und Kurstag. «Wir müssen zum Teil völlig neue arbeitsmarktliche Massnahmen ins Auge fassen. Denn wir sind heute mit einer neuen Art von Stellensuchenden konfrontiert: Heute begegnen uns immer mehr stellenlose Leute, die eine sehr gute Ausbildung hinter sich haben, die sehr viel geleistet haben. Sie haben sich weitergebildet, sie haben im Laufe der Jahre neue Stellen besetzt und dennoch haben sie im Gefolge der Umstrukturierungen ihre Stelle verloren», beobachtet Edith Gitermann-Huber. «Heute haben wir es neu mit Zielgruppen zu tun, die sich ganz anders bewerben müssen. Wir müssen neu Standortbestimmungen für Leute aus der IT-Branche bereitstellen, die als Quereinsteiger keine Arbeit mehr finden, sich vom Erstberuf so weit entfernt haben, dass sie dort den Anschluss kaum mehr finden.»

Bei den Regionalen Arbeitsvermittlungszentren finden immer wieder Bedarfsanalysen statt, bei denen danach geschaut wird, welche Kurse angeboten werden sollen. Ist uns klar, wo ein bedarf besteht, wird unter Kursanbietern eine Ausschreibung gemacht, damit diese ihre Offerten einreichen. «Laufend werden die Personalberater auf neue Kurse aufmerksam gemacht, damit diese die Produktepalette in diesem Bereich kennen und sie auch richtig einsetzen». Allen Personalberatern steht eine Datenbank zur Verfügung, in der nachgeschaut werden kann, welche Kurse wann und wo für welches Zielpublikum angeboten werden. «Die Kursangebote werden laufend von uns evaluiert», sagt Edith Gitermann-Huber. «Die Kurse werden besucht, die Auswertungen werden genau angeschaut, wir kennen jeden Kurs und jeden Kursleitenden». Ob der Besuch eines Kurses dann auch wirklich beim Finden einer Stelle entscheidend war, ist nur selten bekannt. Edith Gitermann-Huber meint, dass das Finden einer Stelle wahrscheinlich zu einem Drittel den Kursbesuchen zu verdanken sei. Jedenfalls gehe man davon aus, dass ein Mensch, der einen Kurs besuche, vom besuchten Kurs profitieren könne. Denn wer sich wissen aneigne, könne davon privat wie beruflich profitieren. Wie intensiv sich Stellenlose selber um Kurse bemühen, die sie privat zahlen, ist den Amtsstellen nicht bekannt. Vermutet wird aber, dass Stellenlose, die 70 bis 80 Prozent ihres Salärs beziehen können, versuchen, die Kursbesuche von der RAV finanzieren zu lassen. Die vom AWA organisierten Kurse gelten zwar primär der Qualifizierung. Sie zeitigen aber auch andere Wirkungen: Die stellenlosen Kursbesucherinnen und –besucher sind auf diese Weise auch beschäftigt und treffen auf andere Menschen, die ebenso wie sie auf der Stellensuche sind. Das führt zu Erfahrungsaustausch und zum Erleben, dass Stellenlosigkeit nicht als Einzelschicksal erlebt wird. «Die Zufriedenheit mit den Kursen ist vergleichsweise gross», beobachtet Edith Gitermann-Huber, auch wenn es manchmal zu Reklamationen kommt, was bei der grossen Zahl der Kursbesuche und angebotenen Kurse unumgänglich sei. Statistische Erhebungen zu den Kursbesuchen? Noch sind alle Leute, die sich professionell mit der zunehmenden Stellenlosigkeit zu tun haben, so beschäftigt, dass die Arbeitskapazität für differenzierte neue Statistiken nicht reicht. Bekannt sind die absoluten Zahlen der Kursbesucherinnen und –besucher. Bekannt ist, welche Kurse wie intensiv besucht werden. Statistisch nicht erforscht ist die Frage, wie sich Kursbesuche ganz konkret auf die Stellensuche auswirkt.
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