Ostschweiz am Sonntag, 21. 04. 2013


Die DNA der israelischen Gesellschaft

Zehn Jahre lang haben die Fotografin Reli und ihr Ehemann, der Journalist Avner Avrahami, in Israel Menschen porträtiert, die gemeinsam unter einem Dach leben. Ab heute sind achtzig dieser Bilder im Jüdischen Museum zu Hohenems zu sehen.

Von Michael Guggenheimer

HOHENEMS. «Was wir auf unseren Fotografien zeigen, ist eine DNA der israelischen Gesellschaft», sagt Avner Avrahami. Damit meint er die Vielfalt der Herkünfte, der Geschichten und der Formen des Zusammenlebens von Menschen in seiner Heimat. Kinderreiche, gläubige Juden aus einer Ortschaft nahe Jerusalem, in deren Büchergestell zahllose Gebetsbücher, Talmudbände und die Bibel zu sehen sind; Nachkommen einer arabischen Bauernfamilie aus der Negevwüste, die in einem Haus ohne Strom und Kanalisationsanschluss leben oder ein Schwulenpaar aus Tel Aviv mit Tochter und Hund: Sie alle und viele andere posieren in ihren Wohnzimmern, die für die Fotosessions nicht verändert wurden. 80 ihrer Bilder zeigt das Jüdische Museum Hohenems das erste Mal in Europa in der Schau «Familienaufstellung. Israelische Porträts», die heute eröffnet.

«Wir wollten die Menschen zeigen, wie sie zusammen leben. Wir haben ihnen nicht gesagt, wie sie sich hinsetzen oder stehen sollen und sie nicht um ein Lächeln gebeten. Wenn man sich die Bilder genau anschaut, erkennt man Beziehungsstrukturen, Distanz und Nähe innerhalb einer Familie», sagt Reli Avrahami.
Zehn Jahre lang haben die Avrahamis Menschen, die unter einem Dach leben, fotografiert und befragt. Die Suche erfolgte auf unkonventionelle Art: Weil sie keinesfalls nur Städter porträtieren wollten, legten sie eine Landkarte Israels auf den Tisch und suchten jene Regionen aus, die sie noch nicht aufgesucht hatten.

Familien bewusst ausgesucht

Reli rief Gemeindeverwaltungen an, dann kontaktierte sie Familien und andere Wohngemeinschaften und erzählte von ihrem Projekt. Manchmal kam es auch vor, dass Zeitungsleser sie anriefen, um auf Menschen aufmerksam zu machen. «Reli navigiert, ich fahre», sagt Avner. Sie schaut sich um, stellt ihre Kamera und Scheinwerfer auf, er stellt Fragen. Ihr Medium ist das Bild, seines die Sprache, gemeinsam zeigen sie Geschichten und Beziehungen.

«Wir haben die aufgenommen, die gerade da waren», erzählt Reli. Da kam es vor, dass eine Tochter gerade ihren Militärdienst absolvierte oder ein Sohn im Ausland weilte. Manchmal ist die Reproduktion eines Gemäldes von van Gogh an der Wand zu sehen, ein anderes Mal Fachwerkhäuser in einer Phantasielandschaft, Möbel von Ikea oder aus dem Brockenhaus. Und immer wieder Teppiche, Sofas.

Vielfältige Herkunftsländer

Unglaublich vielfältig und für ein Einwanderungsland typisch sind die Herkunftsländer der Fotografierten oder deren Eltern: Der Violinbauer, dessen Eltern aus Marokko eingewandert sind, lebt mit der Kontrabassistin, die aus New York stammt. Die Einwanderin aus Bagdad und der Berliner, der Lagerinsasse in Auschwitz war, sind ein Paar. Die einen haben sich bei einer Busfahrt kennengelernt, die anderen bei der Arbeit. So offen die Neugierde der Fotografin und des Journalisten, dass sie auch Fremdarbeiter aus China und illegal im Land lebende Filipinos aufgesucht haben.

Jüdische Israeli, israelische Araber, Christen und Moslems, Beduinen und Drusen haben sich bereit erklärt, vor der Kamera zu stehen. Einzig ultraorthodoxe Juden wollten sich nicht am Projekt beteiligen. Menschen in den besetzten Gebieten haben die Avrahamis aus Prinzip ausgelassen, weil die besetzten Gebiete eben nicht Israel sind.

Wie leicht man sich von Vorurteilen lenken lassen kann, erlebt man beim Betrachten der Bilder. Da sitzen ein Mann und eine Frau in ihrem Wohnzimmer, und man ist überzeugt, ein Paar aus Russland zu sehen. Liest man aber die Biographien der beiden, entdeckt man, dass ein moslemisches arabisches Paar vor der Kamera sass. Genauso kann es vorkommen, dass man sicher ist, eine arabische Familie auf einem Bild zu erkennen und erfährt, dass hier jüdische Israeli einen anschauen.

Diese Unsicherheiten legen den Gedanken nahe, dass sich die israelische Gesellschaft, in der heute jüdische und moslemische Menschen mehr aneinander vorbei- als miteinander leben, schon jetzt durch einen solchen Herkunfts- und Religionsmix auszeichne. Da könnte es doch eine mögliche Lösung des Konflikts dieses Landes sein, die Menschen friedlich nach Koexistenz suchen zu lassen. Denn diese Vielfalt macht schon jetzt die Gesellschaft von Israeli und Arabern aus.

im bild die fotografin reli und avner avrahami aus tel aviv
› nach oben › zurück zur «texte»-übersicht