St. Galler Tagblatt, 26. Oktober 2004


Schlüsselwerke der Buchgestaltung
60 Jahre schönste Schweizer Bücher in Bern

In der Landesbibliothek in Bern zeigt das Bundesamt für Kultur Bücher, die in den vergangenen 60 Jahren im Rahmen des Wettbewerbs «Schönste Schweizer Bücher» prämiert wurden. Zu sehen sind Tendenzen und Trendsetter der Buchgestaltung in der Schweiz.

Jahr für Jahr findet der Wettbewerb «Schönste Schweizer Bücher» statt. Vor sechzig Jahren zum allerersten Mal. Damals hatte der deutsche Typograph und Designer Jan Tschichold, der mit seinem Schaffen die moderne Buchgestaltung bis heute beeinflusst, die Schaffung des Wettbewerbs angeregt. Tschichold, Gestalter der berühmten englischen Taschenbuchreihe Penguin Books, wollte die Qualität der Buchgestaltung ebenso fördern wie den Verkauf schön gestalteter Bücher. Anlass genug für das Bundesamt für Kultur (BAK), welches seit einigen Jahren den Wettbewerb durchführt, in einer Ausstellung in der Landesbibliothek in Bern Schlüsselwerke der Buchgestaltung in der Schweiz aus sechs Jahrzehnten zu zeigen. 14'000 Bücher haben Verleger, Buchgestalter, Buchbinder und Drucker in diesen 60 Jahren eingereicht. 1710 Titel wurden in dieser Zeit in die Ränge der schönsten Schweizer Bücher aufgenommen. Aus ihnen hat ein Gremium von Fachpersonen eine Auswahl von rund 140 Publikationen bestimmt, die den Weg der Buchgestaltung in der Schweiz zeigen will. Die Ausstellung beherbergt je zwei Exemplare jedes der 140 Buchtitel. In Vitrinen werden die ausgezeichneten Werke in chronologischer Reihenfolge in Coveransicht gezeigt. Von jedem der gezeigten Bücher steht ein zweites Ausstellungsexemplar bereit, damit Besucherinnen und Besucher das Buch in die Hand nehmen und an Lesetischen durchblättern können.

Im Zentrum steht die Gestaltung

Beim Wettbewerb, der früher vom Buchverlegerverband durchgeführt wurde, ging es nie um den Inhalt der beurteilten Bücher. Im Zentrum der Beurteilung stand stets das in Idee, Konzeption, Satz, Druck und Einband vorbildlich gestaltete Buch. Seit 1997 liegt die Durchführung des Wettbewerbs in den Händen der Sektion Kunst und Design des BAK. Das Schwergewicht der Juryarbeit hat sich in den letzten Jahren von den technischen hin zu den gestalterischen Qualitäten verschoben. Der gestalterisch-künstlerische Charakter eines Buchs ist das klar ausgewiesene Hauptanliegen des Wettbewerbs. Mit den Jahren wurde die Definition des Begriffs «Schweizer Buch» erweitert: Wurden früher ganze Gruppen von Publikationen aus dem Wettbewerb ausgeschlossen, weil sie nicht vollumfänglich in der Schweiz produziert worden sind, so werden heute auch Bücher im Wettbewerb beurteilt, die lediglich zu einem Drittel in der Schweiz konzipiert oder hergestellt worden sind. Noch wirkt sich allerdings die Auszeichnung an den Kassen des Buchhandels kaum aus: Wer ein Buch kauft, achtet in der Regel eher wenig auf dessen Gestaltung. Bei den Druckereien, Setzereien, Buchbindereien und in den grafischen Ateliers sieht es anders aus. Da gibt es Betriebe, bei denen die Auszeichnungen im Sitzungsraum eingerahmt präsentiert werden. Und manche Unternehmen, so etwa die Buchbinderei Burkhardt in Mönchaltorf, könnte mit 300 prämierten Titeln mehr als eine Wand mit Auszeichnungen füllen.

Sechzig Jahre ‹Schönste Schweizer Bücher›. Sechs Jahrzehnte, in denen sich nicht nur die Technologie verändert hat. Der Bleisatz ist dem Computersatz gewichen. Heute wird nicht mehr geklebt, sondern am Bildschirm umbrochen. Auch das Sehen hat sich verändert. Seit den 60er Jahren und noch stärker seit den 70ern ist die Palette des typografischen Ausdrucks reicher, wird im Bereich des Layouts mehr gewagt. Während früher die Mittelachse dominierte, wird heute auch die Asymmetrie gepflegt, ist das Experiment häufiger anzutreffen. Wer sich die Publikationen anschaut, die im Rahmen des Wettbewerbs ‹Schönste Schweizer Bücher› prämiert worden sind, wird auch feststellen, dass Buch nicht immer gleich Buch ist. Immer häufiger sind Kataloge, Programmhefte, Nachschlagewerke aller Art, Fotobände, belletristische Werke, Leporellos unter den prämierten Publikationen anzutreffen. Das war nicht immer so: 1963 etwa wurden die damaligen SJW-Hefte von der Jurierung ausgeschlossen, weil sie keine Bücher seien. Schönste Schweizer Bücher kommen heute unterschiedlich daher. Unterschiedlich in Umfang und Aufmachung. Heute sind alle gebundenen oder broschierten Bücher zugelassen. Und die Auflagehöhe kann von 7 Exemplaren bis zu einer sehr hohen Anzahl reichen. Mit den spezifischen Strukturen der Schweizer Verlagslandschaft dürfte die Tatsache zusammenhängen, dass nur selten Taschenbücher zu den prämierten Publikationen gehören. Taschenbücher werden seit jeher wenig in der Schweiz veröffentlicht.

Verlagslandschaften

Auffallend an der Schau der schönsten Schweizer Bücher ist die geringe Zahl von prämierten Publikationen aus der italienischsprachigen Schweiz. Woran mag es liegen, dass die italienische Schweiz im Wettbewerb nur mit 50 prämierten Werken vertreten ist? Liegt es an der kleineren Zahl von Verlagen und herausgegeben Titeln? Oder an den Kriterien der Juroren? Von den für das Produktionsjahr 2000 eingereichten 317 Büchern waren bloss deren 11 aus der italienischsprachigen Schweiz eingeliefert worden. Bereits diese Tatsache mag darauf hinweisen, weshalb die Präsenz des italienischsprachigen Buchs unter den prämierten Büchern seltener ist.

Spannend die Revue der Namen von Gestaltern und Verlagen, die in diesen 60 Jahren prämiert wurden. Da kommen Namen vor, die längst Geschichte geworden sind. So der Walter Verlag in Olten mit seinen belletristischen und theologischen Titeln und Reiseführern, der C.J. Bucher Verlag in Luzern mit seinen Fotobüchern. Oder der Girsberger Verlag aus Zürich, ein Wegbereiter der Architekturbücher in der Schweiz. Die Ausstellung zeigt in aller Deutlichkeit, dass gewichtige Verlage in der Schweiz verschwunden sind. Gleichzeitig sind neue Verlage entstanden, die heute durch hervorragende Gestaltung ihrer Bücher auffallen: Die Verlag Lars Müller sowie hier+jetzt in Baden, der Christoph Merian Verlag in Basel, der Scalo Verlag und der Verlag Kontrast in Zürich oder die Verlagsgemeinschaft St.Gallen (vgs). Basel, Zürich und St.Gallen sind die wichtigen Orte der Buchgestaltung in der Schweiz, sie repräsentieren drei Schulen der Buchgestaltung, hinter denen Namen wie Albert Gomm, Karl Gerstner, Wolfgang Weingart und Anne Hoffmann in Basel, Richard Paul Lohse, Max Caflisch, Hans-Rudolf Lutz, Josef Müller-Brockmann und Cornel Windling aus Zürich sowie Rudolf Hostettler und Jost Hochuli in St.Gallen stehen. Neben diesen Zentren und Namen fallen auch weitere Orte und Gestalter auf: das Benteli Team und Eugen Götz-Gee in Bern, Kaspar Mühlemann (Weinfelden), Beat Brechtbühl und Urs Stuber (Frauenfeld). Woran mag es liegen, dass vergleichsweise wenig Gestalterinnen unter den Prämierten zu finden sind? Das stösst auf: Frauen lange unter den Preisträgern praktisch nicht vertreten. Und wenn schon, dann als Gestalterinnen von Kinderbüchern. In den letzten Jahren bilden Frauen die Mehrzahl der Studierenden in den Lehrgängen für typografische Gestaltung in der Schweiz. Werden wir in Zukunft häufiger Buchgestalterinnen begegnen? Tatjana Wagenbach-Stephan und Tanja Prill in Zürich, Anne Hoffmann in Basel, Dorothea Weishaupt in Basel, Anja Denz und Franka Grosse in Zürich und die aus Zürich stammende Julia Born in Amsterdam gehören zu den Gestalterinnen, deren Arbeiten in den vergangenen Jahren prämiert wurden

«Beauty and the Book» im Ausstellungssaal der Schweizerischen Landesbibliothek an der Hallwylstrasse 15 in Bern dauert bis 20. November. In der Begleitpublikation «Beauty and the Book» (Verlag Niggli AG, Sulgen) sind alle technischen und personellen Daten der ausgestellten Bücher nachzulesen.
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