Buchgestalter: Mehrfach ausgezeichnet
Das Museum für Gestaltung Zürich zeigt die «Schönsten Schweizer Bücher 2004»

Das Museum für Gestaltung Zürich zeigt bis 19. Juni in einer Ausstellung, die vom Bundesamt für Kultur organisiert wurde, diejenigen Bücher, die im Rahmen des Wettbewerbs «Die schönsten Schweizer Bücher 2004» von einer Fachjury prämiert wurden. Auffallend die Arbeiten jüngerer Buchgestalterinnen und Buchgestalter, die zum Teil nicht zum ersten Mal und nicht nur in der Schweiz prämiert wurden.

Zur Badesaison in Zürich gehören die Bäder an der Limmat und am See. Und seit geraumer Zeit ein handliches Buch. Es ist das im Verlag hier+jetzt in Baden erschienene «Vom Letten bis Rimini, Geschichte und Gegenwart der Zürcher See- und Flussbäder». Ein raffinierter Umschlag aus mehrfach gefaltetem transparentem Wachspapier suggeriert wasserabstossende Wirkung und verschiedene Tiefen im Wasser und kommt so dem schön bebilderten Buchthema nahe. Verspielt werden die Farbfotos von Peter Tillessen als eine Story von einem etwas zögerlichen Schwimmer (dargestellt von Michael Hürsch) im ersten Teil eingesetzt; sie machen neugierig auf den Inhalt. Die architektonischen Sachaufnahmen sind in Schwarz-Weiss gehalten, sie begleiten das Planmaterial und die tabellenartige Aufbereitung des Informationsmaterials in der zweiten Buchhälfte. Die Typografie wirkt luftig, ihre Farbe wechselt mehrfach, das Blau gehört den Texten in englischer Sprache, die deutschen Angaben variieren farblich. Werbung fürs Baden und für das Wasser in bester Manier, die gleich zweifach prämiert wurde: Zuerst im Rahmen des vom Bundesamt für Kultur durchgeführten Wettbewerbs «Schönste Schweizer Bücher 2004» und anschliessend beim Wettbewerb «Schönste Bücher aus aller Welt» an der Leipziger Buchmesse, wo das Buch dieses Frühjahr an einer Feier mit einer Bronzemedaille ausgezeichnet wurde. Gestaltet hat den Bäderführer Thomas Bruggisser. Die Idee lieferte Architektin Nina Chen aus Chicago, die im Jahr 2002 während eines Praktikums in Zürich an einem heissen Sommer von den vielen verschiedenartigen See- und Flussbädern Zürichs fasziniert war. Eine Stiftung am renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT) ermöglichte Nina Chen die Recherchenarbeit über die Bäder in Zürich.

Thomas Bruggisser, dessen Atelier sich in einer Gewerbeliegenschaft beim Zürcher Bahnhof Hardbrücke befindet, ist im Jahr 2000 erstmals (gemeinsam mit Michel Fries) mit dem - von Lars Müller Publishers vertriebenen - Buch «Benzin- (Young Swiss Graphic Design) Junge Schweizer Grafik» aufgefallen; diese Publikation wurde in einer Auflage von insgesamt 10000 Exemplaren vertrieben. Wer «Benzin» heute durchblättert, staunt über das Gespür der beiden Gestalter, die bereits damals als Kuratoren die Namen der neuen Grafikergeneration präsentierten. Weil «Benzin» gerade an ausländischen Fachhochschulen ein starkes Echo erfuhr, entschlossen sich Bruggisser und Fries, ein weiteres Buch für Graphic Designer herauszugeben: «Super. Welcome to Graphic Wonderland», eine Sammlung von «Cartes Blanches» europäischer Designer, erschien 2003 und wurde vor einem Jahr ebenfalls von der Jury «Schönste Schweizer Bücher» ausgezeichnet.

Erstmals ein «Book on Demand» ausgezeichnet

Gleich mehrfach für ihre im Jahr 2004 gestalteten Bücher ausgezeichnet wurde die in Basel arbeitende Dorothea Weishaupt. Im Rahmen des internationalen Wettbewerbs «Schönste Bücher aus aller Welt» wurde das von ihr und von ihrem Berliner Kollegen Michael Heimann für das Kunstmuseum im dänischen Aarhus gestaltete Buch «Olafur Eliasson. Minding the World» mit einem Ehrendiplom ausgezeichnet. Dieses Buch wurde anlässlich der ersten grossen Ausstellung Eliassons in seiner Heimat in einer englischen und in einer dänischen Ausgabe herausgegeben und gilt als eine der umfassendsten Dokumentationen des Schaffens des renommierten Künstlers.

Die Schweizer Jury prämierte im Rahmen des Wettbewerbs «Schönste Schweizer Bücher 2004» ebenfalls das Buch über Eliasson sowie zusätzlich das von Dorothea Weishaupt und Michael Heimann gestaltete Buch «Buchstaben, Bilder, Bytes. Das Projekt Wahrnehmung». Mit «Buchstaben, Bilder, Bilder, Bytes» wurde erstmals ein Buch ausgezeichnet, das als «Book on Demand» hergestellt wird. Das bedeutet, dass von diesem Buch keine fest definierte Auflage gedruckt wurde: Jede Bestellung löst die Herstellung eines Exemplars aus. Die Höhe der Auflage dieses Buches - die ersten 100 Exemplare sind innert weniger Monate bestellt worden - werden somit Nachfrage und Markt bestimmen. Als es Ende 2004 darum ging, das Buch beim Wettbewerb einzureichen, war sich Dorothea Weishaupt nicht sicher, ob sie ein derart billig und normiert produziertes Buch einschicken dürfe. Anders als im herkömmlichen Prozess der Buchherstellung verkehrte sie bei der Vorbereitung dieses Buchs mit der Druckerei in Deutschland einzig per Email und Telefon. Zur Auswahl waren aus Kostengründen von Seiten der Druckerei bloss vier Formate und vier Papiersorten gestanden. Die Herstellung des Buches, es handelt sich um Referate zu einem Basler Symposium, musste mit einem sehr schmalen Budget operieren, weshalb die Wahl auf das «Print-on-Demand-Verfahren» gefallen war. Herausgekommen ist ein Buchobjekt, das sich durch einen ebenso hochprofessionellen und spielerischen Umgang mit der Typographie unter Verwendung verschiedener Schriften auszeichnet. Auch den kleinen Details wurde Aufmerksamkeit geschenkt. Entstanden ist ein Buch, das trotz der Einhaltung niedriger Herstellungskosten im Laserprintverfahren einen eleganten Auftritt hat. Wie in ihrem ein Jahr zuvor prämierten Buch «Dramensatz» setzt Dorothea Weishaupt auch in diesem Buch einen so genannten «Zeilenzähler» ein. Mit diesem Zeilenzähler, den man eher von der Gestaltung von Bühnenstücken her kennt, lässt sich jeweils eine Aussage ganz präzis platzieren und zitieren.

Mit dem Werk des dänisch-isländischen bildenden Künstlers Olafur Eliasson hatten sich Weishaupt und Heimann bereits in der Publikation «Movement Meter for Lernacken» befasst, die im Jahr 2002 im Rahmen des Wettbewerbs «Schönste Schweizer Bücher» gleich als «Buch der Jury» eine spezielle Auszeichnung erhalten hatte. Im Jahr 2002 und zwei Jahre später tragen die beiden Bücher über Eliasson eine Buchbinde. Dazu die Jury im Jahr 2004 über das Buch, in dem Olafur Eliassons wichtigste Ausstellungen dokumentiert sind: «Buchbinde, Bucheinband und Vorsatzpapier harmonieren mit dem Inhalt des klar aufgebauten Buchs. Textbeiträge und Bildteile wechseln sich ab, die Navigation ist im Inhaltsverzeichnis bereits gut angelegt. Mit einer grossen Frische und in hervorragendem Druck kommt das Werk Olafur Eliassons zur Geltung. Dank der Grösse der Schrift bleiben die sehr langen Textzeilen lesbar. Das vielfältige Bildmaterial, das auf bestehende Dokumentationen zurückgreift, lädt in Kombination mit dem Text zu Entdeckungen ein». Auffallend an Dorothea Weishaupts Büchern ist, dass die aus dem Appenzellerland stammende Absolventin der Hochschule für Gestaltung in La Chaux-de-Fonds immer wieder mehrsprachige Bücher gestaltet.

Aura, Glamour, Mode

Aus Tramelan in den Freibergen stammt die in Zürich arbeitende Buchgestalterin Aude Lehmann, Absolventin der Schule für Gestaltung in Biel und Dozentin an der Ecole cantonale d'art de Lausanne (Ecal). Sie ist die Gestalterin des Buchs «Accept the Expected», mit dem das Centre d'Art Contemporain in Genf derzeit eine grosse Ausstellung der aus dem Iran stammenden Fotografin Shirana Shahbazi begleitet. Im Jahr 2003 hat Aude Lehmann erstmals eigene Arbeiten im Rahmen des Wettbewerbs «Schönste Schweizer Bücher» eingereicht. Die beiden prämierten Bücher 'Aura' und 'Glamour', die sie gemeinsam mit dem Linguisten Tan Wälchli konzipiert hat, bilden Teil einer Trilogie, deren dritter Band mit dem Titel 'Mode' in Arbeit ist. Beide Bände wurden von der Jury als Teil einer Reihe ausgezeichnet: Eine gescheit ausgedachte Reihe mit konzentrierten theoretischen Texten und hervorragenden Illustrationen. Im Band 'Aura' sind bekannte Werke der Malerei, auf ihr Wesentliches reduziert, gezeichnet wiedergegeben. 'Aura' ist als Broschüre, 'Glamour' als Buch konzipiert worden, beide Publikationen weisen dasselbe Format auf. 'Glamour' besticht durch die schönen Collagen in Senfgelb und Pink: Mit zwei Farben ist eine grosse Skala von Bildern gesetzt worden, eine Variationsbreite, die beeindruckt. Die parallele Führung von zwei Texten verleiht dem Buch eine zusätzliche Spannkraft. Mit ihrer Trilogie versuchen Aude Lehmann und Tan Wälchli die Begriffe «Aura», «Glamour» und «Mode» in verschiedenen Zusammenhängen und aus unterschiedlichen Blickwinkeln theoretisch und bildnerisch zu erläutern.

Ebenfalls ausgezeichnet wurde das von Aude Lehmann gestaltete Buch «Oh, no, no ...- The Crystal Series» mit Bildern der Künstlerin Setareh Shahbazi, Schwester der Fotografin Shirana Shahbazi. Am Projekt gearbeitet hat Aude Lehmann mit der Künstlerin im libanesischen Beirut. Entstanden ist ein Künstlerbuch, dessen Bilder von bemerkenswerten Farbkombinationen gekennzeichnet sind. Die Bilder auf gelblichem Buchdruckpapier sind mit einer Farbpalette, welche sich aus den vier Druckfarben (CMYK) ergeben hat, umgefärbt worden, was der Publikationen einen patchworkartigen und manchmal fast dreidimensionalen Charakter verleiht. Die Zweisprachigkeit der Publikation wird auf den Seiten deutlich gemacht durch deren separate Führung oben und unten. An einer anderen Publikation, die vom Bundesamt für Kultur im Rahmen des Wettbewerbs «Schönste Schweizer Bücher» prämiert wurde, war Aude Lehmann als Zeichnerin beteiligt. Es ist die Publikation «Silex No. 20 - This is the End»: Sieben miteinander befreundete Absolventinnen und Absolventen der Bieler Schule für Gestaltung, alle mittlerweile in Zürich an der Arbeit, trafen sich seit 1993 regelmässig, um gemeinsam unter dem Namen «Silex» gezeichnete Publikationen zu gestalten und zu produzieren. Die Illustrationen haben sie nicht signiert; nur sie wissen, wer welche Bilder gemacht hat. Für die zwanzigste Publikation unter dem Titel 'Silex - This is the End' kamen sie für die Dauer einer Woche in Frankreich zusammen. In 'Silex Nr. 20' erzählen sie die Geschichte des Films «Apocalypse Now» nach. Die Illustrationen in Tusche, Bleistift und Filzstift sind alle fotokopiert. Entstanden ist eine voluminöse Gemeinschaftspublikation mit schwarzem Seitenschnitt und ungewohnter Schraubenbindung, wie man sie von Teppich- oder Stoffmusterbüchern her kennt. Das Buch tritt als eine Blackbox auf, es präsentiert sich im ersten Moment schwer und wuchtig und passt so zum Thema, das es sich vorgenommen hat: das endgültige Ende des Silex-Projekts. Eine Sammlung von Zeichnungen sehr unterschiedlicher Stile, die Endzeitstimmung verbreiten: Die letzte Publikation einer Gruppe von sieben Zeichnern kommt ohne Texte aus.

In der Schweiz und in Deutschland ausgezeichnet

In der Schweiz sowie gleichzeitig in Deutschland wurden vor kurzem je zwei Mal Bücher von Leander Eisenmann prämiert; er ist Buchgestalter in Zürich und Dozent der Fachklasse Grafik an der Hochschule für Gestaltung in Basel. Seit fünf Jahren gestaltet Eisenmann die Buchumschläge der Belletristikreihe des C.H. Beck-Verlags in München. Nachdem er zunächst alle Buchumschläge dieser Reihe betreut hat, konzentriert sich Eisenmann in letzter Zeit auf die Gestaltung einzelner Covers: denn seitdem sich auch die Buchvertreter des Verlags in die Präsentation der Reihe einmischen, betreut Eisenmann die Gestaltung ausgewählter Bände. «In Deutschland leben» lautet der Titel eines Buchs dieser Reihe, das im Frühling dieses Jahres von der deutschen Stiftung Buchkunst prämiert wurde. In diesem Buch unterhält sich der in Deutschland lebende iranische Dichter SAID mit Wieland Freund. «Mit seinem ungewöhnlichen, um 90 Grad gedrehten Umschlagbild wird sehr überzeugend der Inhalt des Buches, der andere Blick auf Deutschland, visualisiert», kommentierte die deutsche Jury. Das Umschlagbild zeigt eine von Eisenmann selber fotografierte deutsche Eiche. Eisenmann versucht jeweils bei der Gestaltung der Covers der Belletristikreihe, den Erzählinhalt bildnerisch umzusetzen, zu deuten. Anhand der ihm zugestellten Manuskripte dringt er zum Kern der Texte vor.

Von zwei verschiedenen Jurys in Deutschland und in der Schweiz wurde ein weiteres Buch prämiert, das Eisenmann gestaltet hat: «Design und Architektur: Studium und Beruf - Fakten, Positionen, Perspektiven», erschienen bei Birkhäuser in Basel, ist ein ganz neuartiges Nachschlagewerk für Studierende über Ausbildungen im gestalterischen Bereich. «Eine hervorragende typografische Arbeit. Eindrucksvoll sind die innovative Tabellengestaltung und der Farbeinsatz, welche die Ästhetik und Funktion des Buches bestimmen», befand die deutsche Jury. Und ihre Schweizer Kollegen lobten auch im Hinblick auf den gelben Farbschnitt des Buchs: «Ein Handbuch von delikater Anmut, das sich auf der Lesefläche schön öffnet. Der tabellarische Teil in schwarzen, der Textteil in olivefarbenen Lettern, die sich aus der (nicht mathematischen, aber gefühlsmässigen) Mischung von Gelb und Schwarz ergaben. Die Paginierung in feiner Weise spielerisch dekoriert, das Buchcover ornamental auf den Inhalt bezogen, die Klammern hier als Gefässe verstanden, verweisen mehrfach auf die Tatsache, dass in den Begriffen Design und Architektur so vieles liegt. Ein vergleichsweise trockener Inhalt schön verpackt.»

Dass ein weiteres prämiertes Werk, für dessen Gestaltung Eisenmann zeichnet, unter grossem zeitlichem Druck erstellt werden musste, merkt man dem Objekt mit dem Titel «Frische Schriften» nicht an. Bloss dreieinhalb Wochen standen Eisenmann zur Verfügung, um dieses Buch, das eigentlich ein anderer Gestalter hätte bearbeiten sollen, zu verfertigen. Weil das schwervolumige Papier für dieses Projekt bereits eingekauft war, musste sich Eisenmann an Vorgaben halten, die andere vorbestimmt hatten. Eisenmann wählte die vom Lausanner Typgrafen weiter entwickelte Schrift Didot, von der Kollegen behaupteten, sie würde sich nicht auf dem bestellten Papier einsetzen lassen. Dazu die Jury des Wettbewerbs «Schönste Schweizer Bücher»: «Die Publikation begleitete eine Ausstellung zum Thema und wirkt wegen der Wahl des Papiers in der Hand umfangreicher, dicker. Die sehr sorgfältig gedruckte Publikation, die sich an visuelle Gestalter richtet, vereinigt auf knappem Raum unterschiedliches typografisches Material und Beispiele für die Verwendung unterschiedlicher Schriften. Die so sehr verschiedenen Materialien wurden in einer guten und ruhigen Weise in dieser Publikation vereint. Der einfache Auftritt überzeugt.»
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