Erschienen in der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ) vom 25. 04. 2009


Kleine Fläche, grosse Wirkung
Mit den Inhabern der «besten Buchhandlung Deutschlands»
unterwegs in Zürich


Was macht eine Buchhandlung zu einer guten Buchhandlung? Susanne Dagen und Michael Bormann sollten es wissen, denn ihr Geschäft in Dresden wurde als «beste unabhängige Sortimentsbuchhandlung Deutschlands» ausgezeichnet. Jetzt haben sie Zürich besucht.

«Unsere Buchhandlung ist an Sonntagen immer geöffnet. Das ist doch der Tag, an dem man Zeit hat, um sich in aller Ruhe in einer Buchhandlung umzuschauen», sagt Michael Bormann. Dabei führen er und seine Partnerin Susanne Dagen keine Bahnhofsbuchhandlung. Ihre Buchhandlung «BuchHaus Loschwitz» im gleichnamigen Dresdner Stadtteil befindet sich mitten in einer literarischen Landschaft: Uwe Tellkamps preisgekrönter Roman «Der Turm» spielt in diesem Stadtteil. Wer das 1000 Seiten lange Buch gelesen hat und sich rechtzeitig anmeldet, den begleitet ein Freund der Buchhändler auf einen literarischen Spaziergang durch Tellkamps Villenwelt. Vor vierzehn Jahren haben die beiden in den Räumen einer ehemaligen Änderungsschneiderei ihr Geschäft eröffnet, vor vier Jahren ist ein Veranstaltungsraum mit Namen «KulturHaus Loschwitz» in einem angrenzenden Nebenhaus hinzugekommen, wo mittlerweile rund hundert Veranstaltungen im Jahr, Lesungen und Konzerte ebenso wie Diskussionsrunden, durchgeführt werden, die einen festen Platz im kulturellen Gefüge der Stadt Dresden einnehmen.

Mehr als eine Buchhandlung

«Wir sind Leser und Buchhändler, und wir sind auf unsere Autoren so neugierig, dass wir sie gerne zu uns einladen», sagt Susanne Dagen. Kaum ist der Buchladen abends geschlossen, sind die beiden mindestens zweimal wöchentlich an der Karten-Kasse tätig, führen ihre Autoren ein, schenken vor und nach der Veranstaltung Getränke aus und verkaufen die Bücher des Gastautors. Es sind nicht nur Lesungen aus Neuerscheinungen, die hier stattfinden, denn die beiden erfinden immer wieder neue Veranstaltungsreihen zu Themen, die sie interessieren: «Rückzugsgebiete. Erkundungen im postsowjetischen Raum», «Klassik verstehen», «Hanglage» oder «20 Jahre friedliche Revolution» lauten Titel aktueller Reihen. Juri Andruchowytsch, Jorge Semprun, der verstorbene Walter Kempowski, Gila Lustiger, Sarah Kirsch, Monika Maron, Volker Braun, Marcel Beyer, Ruth Klüger, Ljudmila Ulitzkaja, Ingo Schulze, F. C. Delius, Edgar Hilsenrath oder Julia Franck gehören zu den Freunden des Hauses, von denen hier viele auch übernachtet haben, weil es Stil des Kulturhauses ist, die Gäste mehr als bloss zur Lesung einzuladen.

«Susanne Dagen und Michael Bormann zeigen mit ihrem Konzept, dass man nicht die grosse Fläche braucht, um Wirkung zu erzielen. Es hängt von der Persönlichkeit ab. Das ‹BuchHaus Loschwitz› gewinnt eine Reise nach Zürich - auf Einladung des Diogenes-Verlages.» So lautete an der letzten Frankfurter Buchmesse ein Satz aus der Laudatio für die kleine Dresdner Buchhandlung im Stadtteil Loschwitz. Den Wettbewerb zum sechsten Mal durchgeführt hat das Branchenmagazin «Buchmarkt».

«Erstaunlich, was diese Buchhändler aus dieser kleinen Fläche machen!», so die Jury über das «BuchHaus Loschwitz». Die beiden haben ihre 1995 gegründete, 50 Quadratmeter grosse Buchhandlung von Anfang an als kulturellen Begegnungsort verstanden. Klar, dass sie sich bei ihrer Ankunft für die Buchhandlungen in Zürich interessieren. Ihr Stadtrundgang beginnt mit einem unliterarischen Besuch bei einem Schweizer Autor: einer Begehung des Schwimmbads Letzigraben, eines der wenigen Bauwerke des Architekten Max Frisch, welches das Sportamt der Stadt Zürich eigens für die beiden Gäste öffnet. «Und weil Architektur», wie Michael Bormann meint, «natürlich auch mit Kultur zu tun hat», gehört ein Besuch des Stadions Letzigrund dazu. Dass gerade dort der Schriftsteller Bruno Steiger zweimal mit prallgefüllten Säcken an den beiden Buchhändlern zum Entsorgungstram vorbeizieht, werten sie lachend als kleine Inszenierung einer Kurzgeschichte, der sie beiwohnen können.

«Schöne, aber etwas eingeschränkte Auswahl, ein guter Ort für Veranstaltungen und ein tolles Café», lautet das Urteil über die Buchhandlung «Sphères» an der Hardturmstrasse. «Eine wunderbare Auswahl an Kunstbüchern und Künstlerbüchern», finden sie im Löwenbräu-Areal bei der Buchhandlung «Kunstgriff». Und als sie in der Buchhandlung «sec 52» auf den Buchhändler und Verleger Ricco Bilger treffen, stockt der Besuch und lebt gleich auf: Weder sie noch Bilger wissen, wie die Bücher seines Verlags ihren Weg in die Dresdner Buchhandlung gefunden haben. Denn der Verlag beschäftigt keinen Vertreter in Deutschland. «Ihr müsst meine Bücher in einem Katalog gesehen und bestellt haben, anders kann es nicht sein», meint Bilger. Auch das bezeugt das Engagement der Buchhändler aus Dresden.

Wissen trotz Distanz

Schnell ist man sich einig, dass nur wenige Zeitungen hüben wie drüben noch ein wirkliches Feuilleton bieten. Anne Cuneos vor kurzem bei Bilger erschienener Roman «Zaida» wird jetzt in Dresden genau gelesen, Pedro Lenz' «Kleines Lexikon der Provinzliteratur» hat seinen Weg bereits vor längerer Zeit nach Dresden gefunden, Daniel Goetsch, Schweizer Autor mit Wohnsitz in Berlin, könnte demnächst nach Dresden zu einer Lesung eingeladen werden. Und im Rahmen einer literarischen Schweizer Woche soll mit Hilfe von Pro Helvetia und der Schweizer Schriftstellerorganisation AdS ein Programm mit Autoren aus der Schweiz zusammengestellt werden: Man spricht und erlebt, wie vieles man voneinander trotz der Distanz weiss und wie wenig zeitgenössische Schweizer Autoren im Osten Deutschlands bekannt sind, es sei denn, es handle sich um die beiden «Grossen» von früher, um Frisch und Dürrenmatt, oder um Urs Widmer und Martin Suter.

Dass sich der aus Köln stammende Michael Bormann und die in Dresden aufgewachsene Susanne Dagen in Schweizer Literatur gut auskennen, beweist ein Blick in ihre unweit des «Blauen Wunders», der berühmten blauen Stahlbrücke über der Elbe, gelegene Buchhandlung: Pascal Mercier, Lukas Bärfuss, Hermann Burger, Urs Faes, Christian Haller, Thomas Hürlimann, Charles Lewinsky, Klaus Merz, Adolf Muschg: Sie liegen alle da. Und immer wieder laden sie Autoren aus der Schweiz in ihr 80 Plätze fassendes «KulturHaus» neben der Buchhandlung ein: Helen Meier, Catalin Dorian Florescu, Irena Brezna, Gret Haller, Peter Bichsel und Peter Stamm waren schon da. Demnächst werden weitere hinzukommen. Denn die drei Tage in der Schweiz, die Gespräche und der Besuch bei den Verlegern des Diogenes-Verlags, mit Carlo Bernasconi, dem Redaktor des «Schweizer Buchhandels», und mit Ricco Bilger haben gezeigt: «Wir sind geschafft, wir haben wunderbare Gespräche geführt. Die drei Tage werden uns noch lange in bester Erinnerung bleiben. Und: Unser diesjähriger Länderschwerpunkt im Herbstprogramm wird natürlich die Schweiz sein.»
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