So einfach war das – Jüdische Kindheiten und Jugend seit 1945 in Österreich, der Schweiz und Deutschland


David und Tell

In Amsterdam, wo die Deutschen in den Kriegsjahren gründliche Arbeit geleistet hatten, waren wir mehrere jüdische Jugendliche in der Schule, in meiner Klasse waren wir sogar zu dritt: ich und Pim Acohen und Michiel Cohen de Lara, beide sephardische Juden. In Zug in der Schweiz, wo kein Krieg geherrscht hatte, war ich im Gymnasium unter 600 Schülern der einzige Jude. Zwei Schüler waren vom Religionsunterricht befreit, ein Altkatholik und ich. Wie langweilig diese Freistunden waren – durften wir doch während dieser Stunden gewissermaßen zur Strafe für unser Anderssein das Schulhaus nicht verlassen und mussten jeweils in einem Aufgabenzimmer bleiben «Hitler hat leider nicht ganze Arbeit geleistet» sagte mir eines Tages ein Mitschüler, dessen Eltern aus Italien zugezogen waren. Ich ging zum Rektor, der uns beide zwei Tage später zu sich bat. Jetzt wollte der andere seinen Satz nie gesagt haben.

Immer wieder musste ich im Gymnasium als Auskunftsperson herhalten, wenn es um Judentum, Altes Testament, um jüdische Autoren wie Zweig und Kafka oder um den Zweiten Weltkrieg ging. Dabei bin ich trotz meiner Bar Mitzwa in einem Milieu aufgewachsen, wo Weihnachtsoratorium und Nussschinken zum Festessen am 24. Dezember gehörten. Ich gebe zu, dass ich damals manchmal Antworten erfunden habe. Ich wollte doch nicht als der ahnungslose Jude dastehen. Im Geschichtsunterricht faszinierte mich damals der Jesuitenorden. Wie gerne wäre ich doch als Katholik zur Welt gekommen, um Jesuit werden zu können. Stattdessen wurde ich immer mit Israel gleichgesetzt, was mir in jenen Jahren noch Pluspunkte einbrachte, weil sich Israel so klein und wehrhaft einer Übermacht von Gegnern mit Erfolg widersetzte. Die Schweiz wurde damals noch häufig mit Israel verglichen. David und Tell müssen wohl Freunde gewesen sein.

Während der Studienzeit in Zürich hatte ich Kollegen, die für sechs und noch mehr Monate nach Israel in ein Kibbuz fuhren, um dort im Hühnerstall oder in der Zitrusplantage beim Aufbau mitzuhelfen. Heute muss ich manchmal erläutern, dass ich gegen Sharons Politik und für den Rückzug aus den besetzten Gebieten bin. Dass ich Tel Aviv mag, diese pulsierende Stadt am Meer, in der ich geboren wurde, und dass ich gerne dorthin fahre, einfach um mich in Hebräisch unterhalten zu können, will mir keiner glauben. Mitte der neunziger Jahre, als die Schweiz die Geschichte des Zweiten Weltkrieges unter amerikanischem Druck aufzuarbeiten begann, sagte mir eine Kollegin am Arbeitsplatz: «So, jetzt hast du von uns das Geld bekommen! Seid Ihr endlich zufrieden?» Meine Großeltern väterlicherseits sind  im Krieg umgekommen und die Eltern meiner Mutter mittellos aus Europa geflohen. Doch nie hatten meine Eltern auch nur einen Rappen von der Schweiz verlangt.


Aus «So einfach war das – Jüdische Kindheiten und Jugend seit 1945 in Österreich, der Schweiz und Deutschland». 40 Texte, herausgegeben vom Jüdischen Museum Hohenems (Vbg/A) anlässlich der gleichnamigen Ausstellung 21.3. bis 23.5.2004.

ISBN 3-901168-08-7

Siehe auch www.jm-hohenems.at
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