Erschienen in der Sächsischen Zeitung (Dresden) vom 23.02.2010


Es geht nicht mit den Deutschen – und nicht ohne sie

Immer mehr Deutsche ziehen in die Schweiz, um dort zu leben und zu arbeiten. Aber der Widerstand der Schweizer gegen diese mittlerweile größte Ausländergruppe wächst. Unser Autor Michael Guggenheimer beleuchtet die Hintergründe der Diskussion.

Rund 240000 Deutsche leben in der Schweiz – die Jungfreisinnigen aus Zürich suchen aber nur die Bundeskanzlerin und den Finanzminister «wegen Bankraubs und dem Verstecken gestohlener Ware». Foto: dpa
Wenn es um berühmte Landsleute geht, dann nennen die Schweizer gerne auch drei Nobelpreisträger sowie drei Gründer international tätiger Schweizer Erfolgsfirmen. Der deutsche Physiker Albert Einstein gehört zu diesen Vorzeigeschweizern ebenso wie der Swatchgründer Nicolas Hayek aus dem Libanon, der Frankfurter Heinrich Nestle, der den größten Lebensmittelkonzerns der Welt gründete, der Italienier Julius Maggi, nach dem Gewürzwürfel und Beutelsuppen benannt sind, oder Charles Brown und Walter Boveri, die Gründer des Elektromaschinenkonzerns BBC/ABB.

Was ihnen sowie Hermann Hesse und Paul Klee gemeinsam ist? Sie sind alle aus dem Ausland in die Schweiz gezogen, haben es hier zum Erfolg gebracht. Im Schweizerischen Landesmuseum in Zürich sind sie in einer Galerie berühmter Ausländer zu sehen, die sich in der Schweiz niedergelassen und gewirkt haben. Am Erfolg der Eidgenossenschaft waren Zugezogene schon immer maßgeblich beteiligt.

Nicht anders heute. Ohne Arbeitskräfte aus dem Ausland wäre die Schweiz nicht jenes wirtschaftlich erfolgreiche Land, das es seit dem Zweiten Weltkrieg ist. Insbesondere Deutsche ziehen her: Hier werden gut ausgebildete Arbeitskräfte gesucht. Die Nähe zu Deutschland, die guten Bahnverbindungen, die vergleichsweise hohen Löhne, die tiefen Steuern, die Landessprache: Alles spricht für die Schweiz. Vergessen wird dabei manchmal, dass Lebenshaltungskosten, vor allem Mieten und Krankenversicherungsgebühren, deutlich höher sind.

Deutscher Filz bemängelt

Die Schweiz war jahrhundertelang ein Aus-, ist aber heute ein Einwanderungsland. Kein Krankenhaus in der deutschsprachigen Schweiz könnte ohne deutsche Ärzte und Pflegefachpersonen seinen Betrieb aufrechterhalten. Sachsen oder Bayern überbrücken Engpässe in Gastronomie und Hotellerie, deutsche Manager sind in allen Bereichen der Wirtschaft, in Großkonzernen und mittleren Unternehmen zu finden. Der Chef von Swiss, der Schweizer Airline, stammt aus Deutschland, der Mann an der Spitze der UBS, der die Bank aus ihrer schwierigen Situation herausziehen soll, ist Deutscher, der oberste Manager der Swisscom hat einen deutschen Pass. Als die Verkehrsbetriebe von Luzern und Zürich keine Busfahrer mehr im eigenen Land rekrutieren konnten, lancierten sie Werbekampagnen in Leipzig, Halle und Dresden: Heute lenken nicht wenige Deutsche Straßenbahnen und Busse in Schweizer Städten.

Immer mehr deutsche Arbeitnehmer zieht es ins Nachbarland. Doch nicht alle Schweizer mögen das. Der Medizinhistoriker Christoph Mörgeli, Vertreter der Schweizerischen Volkspartei (SVP) im Nationalrat, dem Schweizer Parlament, gehört mit anderen Mitgliedern seiner Partei zu den lautesten Kritikern an der Zuwanderung aus Deutschland. Er, der bei der Ausschreibung einer Professur an der Zürcher Universität nicht berücksichtigt wurde, beklagt die starke Präsenz deutscher Professoren und Assistenten an den Universitäten der Schweiz als «deutschen Filz». Die Boulevardzeitung «Blick» und der Zürcher «Tages-Anzeiger» haben sich eine Zeit lang gerne daran beteiligt, die Präsenz der Deutschen in der Schweiz als Aufhänger für unfreundliche Artikel zu benutzen. Da nahmen die Deutschen den Schweizern gute Stellen, Wohnungen oder die deutschen Frauen den Schweizerinnen die Männer weg.

Im Zuge der Minarettabstimmung, bei der die Schweizer sich mehrheitlich dafür entschieden, den Bau von Minaretten in Zukunft zu verbieten, ist das mediale Lamentieren über die starke Präsenz der Deutschen etwas in den Hintergrund getreten.

Wer den schweizerischen Alltag beobachtet, stellt immerhin fest, dass es hier keine wirklichen Reibungen zwischen Schweizern und Deutschen gibt. Dass es dennoch Unsicherheiten im Kontakt gibt, dürfte mit dem seit geraumer Zeit spürbaren Wandel des Selbstbildes der Schweizer zu tun haben. Ein in beiden Weltkriegen verschontes neutrales Land, das es gerade in dieser Zeit zum Wohlstand gebracht hat, wacht auf und merkt, dass es den viel beschworenen «helvetischen Sonderfall» gar nicht mehr gibt: Die Neutralität in einem friedlichen Europa hat ihre frühere Bedeutung verloren. Die Swissair, einst nationaler Stolz des Landes, gehört nach einer harten Landung heute zur deutschen Lufthansa. Die UBS, einst größte Vermögensverwalterin der Welt, ist an allen Fronten im Clinch mit ausländischen Gerichten und Regierungen. Private ausländische Vermögen in Milliardenhöhe wurden von der Schweiz abgezogen. Das Bankgeheimnis, eine heilige Kuh der Finanzindustrie, ist im freien Fall. Libyen behandelt die Schweiz wie einen Hampelmann. Die Schweizer Außenministerin passt sich bei einem Besuch im Iran so sehr an, dass sie Spott und Hohn treffen. Zuvor schon hatten die USA die Schweiz zur Herausgabe von Vermögenswerten von Verfolgten aus der Zeit des Dritten Reichs gezwungen, und es bröckelte der Mythos der heldenhaften Landesverteidigung im Zweiten Weltkrieg. Die Schweiz, umringt von Ländern der EU, muss sich anpassen, will sie wirtschaftlich erfolgreich bleiben. Sollen sich Schweizer in Europa niederlassen können, so muss sich die Schweiz ebenfalls öffnen.

Streitlustige Schnellsprecher

Da verunsichert es, wenn zudem zahlreiche Deutsche in die Schweiz kommen, um in einem Land, in dem es an qualifizierten Arbeitskräften mangelt, zu leben und zu arbeiten. Die Deutschen seien schneller, die Schweizer hätten Mühe, sich den sprachlich wendigeren Deutschen anzupassen, während sich die Deutschen die schweizerische Art des Kompromisses und des Konsenses nur schwer aneignen könnten, heißt es immer wieder. Von der SVP angestachelt, der wählerstärksten Partei des Landes, die aber in der Landesregierung nicht vertreten ist, haben die Medien das Thema der Verunsicherung der Schweizer aufgenommen und aufgebauscht. Zahlreich sind die Buchpublikationen, mit denen Deutsche auf die Schweiz vorbereitet werden. In einem äußerst erfolgreichen Blog (www.blogwiese.ch) werden Deutsche auf Verhaltensweisen der Schweizer und deren Vorurteile hingewiesen. Leiser auftreten, sich etwas zurückhaltender verhalten, so lauten die Ratschläge.

Dass die Schweiz gerade deshalb ein so lebenswertes und spannendes Land ist, weil hier vier Sprachen gesprochen werden, weil bei einem Ausländeranteil, der mit 22Prozent höher ist als in jedem anderen europäischen Land, ein so gutes Miteinander herrscht, wird dabei ausgeblendet. Doch ganz im Gegensatz zu den lautstarken Voten sehen die Schweizer die Einwanderung offenbar viel entspannter. Dies zeigt eine repräsentative Umfrage im Auftrag des «Tages-Anzeigers». Auf die Frage, welche Staatsbürger als Arbeitnehmer ein Vorteil für die Schweiz seien, wurden am häufigsten die Deutschen genannt.
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