Erschienen im st.galler Tagblatt vom 7.8. 2012


Die Deutsche im Dorf
Zeitgenössische Kunst inmitten einheimischer Tradition

Als ein Heimatmuseum gegründet, hat sich das Museum Chasa Jaura in Valchava im Val Müstair zu einem besonderen Kulturort entwickelt, an dem zeitgenössische Kunst auf ländliche Tradition trifft. Hinter dem erfolgreichen Konzept steht eine Zugezogene.

Vom Val Müstair hinter dem Ofenpass hatten weder Schriftsteller Wilhelm Genazino noch Peter Kurzeck zuvor gehört. Und auch Peter Bichsel und der Bündner Autor Arno Camenisch waren noch nie dort. Dass sie und zahlreiche andere Künstler das Bündner Tal heute kennen, ist Inge Blaschke zu verdanken. Der früheren Suchttherapeutin, die vor 24 Jahren in Müstair als Betreuerin einer Gruppe von Jugendlichen in den Ferien weilte, wurde damals die Stelle als vorübergehende Kuratorin des Museums Chasa Jaura im 300 Einwohner zählenden Dorf Valchava angeboten. Dass sie heute noch heute im Tal lebt und das Kulturprogramm des Hauses prägt, ist nicht selbstverständlich.

Angetreten hatte die aus Deutschland stammende Museumsleiterin eine Stelle im ehemaligen Bauernhaus, in dem ländliche Gerätschaften aus vergangenen Zeiten genauso ausgestellt wurden wie in zahlreichen anderen Heimatmuseen der Schweiz. Dass heute viele Besucher aus dem In- und Ausland den Weg ins kleine Museum finden, ist einem ganz besonderen Konzept zu verdanken: Regelmässig werden hier Maler, Schriftsteller und Schauspieler eingeladen, um ihre Werke zu präsentieren. Während der fünf Monate dauernden Ausstellungssaison findet im Museum alle zwei Wochen eine kulturelle Veranstaltung statt: Vom Film bis zur Lesung, vom Konzert bis zur Theateraufführung. Und erstaunlich ist, wie gegenseitig bereichernd Zusammenspiel von heutigem Kunstschaffen und früherem Handwerk funktioniert.

Noch bevor er im New Yorker MoMa seine Videoarbeiten zeigen konnte, war der Schweizer Yves Netzhammer mit einer Ausstellung in Valchava zu Gast. Beat Zoderer zeigte hier seine Bilder bevor er sie im Zürcher Haus Konstruktiv oder in der Badener Villa Langmatt präsentieren konnte. Fotokünstlerin Annelies Strba, der deutsche Maler Jürgen Partenheimer und der St.Galler Hans Krüsi konnten ebenso in Einzelausstellungen ihre Werke ausstellen. Dass dabei Künstler aus Graubünden in Valchava nicht vergessen werden, zeigt ein Blick in die Liste der eingeladenen Künstler: Die Maler Matthias Spescha und Jacques Guidon sowie der Fotograf Guido Baselgia haben im Museum ausgestellt, Clo Duri Bezzola, Iso Camartin und Leo Tuor haben hier ihre Bücher vorgestellt.

In den Wintermonaten, in denen das Museum geschlossen ist, begibt sich Inge Blaschke auf Reisen, die sie in Galerien und Museen, zu Lesungen in Buchhandlungen und Literaturhäusern führen. «Ich lese ab und zu ein Buch» gibt sie lachend in ihrem Büro zu verstehen, wo sich belletristische Literatur stapelt. Rund vierzig Lesungen besucht sie pro Jahr im «Unterland» und sucht sich so jene Autoren aus, die sie zu Veranstaltungen ins Val Müstair einlädt. Die Ostschweizerin Helen Meier war ebenso schon da wie Erica Pedretti, der St.Galler Autor Christoph Keller, der Lyriker Werner Lutz, Franz Hohler, Christian Haller, Yusuf Yesilöz, Ulrich Knellwolf oder Herbert Rosendorfer. Als Lukas Hartmann seinen Roman «Die Deutsche im Dorf» im Museum vorstellte, kamen nicht wenige Leute aus dem Tal zur Lesung in der Meinung, Hartmann habe einen Roman über Inge Blaschke geschrieben.

Zu Inge Blaschkes Vorgehen gehört, dass kein Künstler in ihr Museum eingeladen wird, den sie nicht vorher erlebt, gesprochen, manchmal auch besucht hat. Das war bei Hans Krüsi so, in dessen St.Galler Wohnung sie die auszustellenden Bilder ausgesucht hat. Oder bei Eugen Bollin, Prior des Klosters in Engelberg. Nachdem sie Gedichte von ihm gelesen hatte, erfuhr sie, dass der Ordensmann auch noch malt. Drei Tage lang hat sie im Dachgeschoss des Klosters Bilder für eine Ausstellung ausgesucht und 80 Werke mit nach Valchava genommen. Oder vor kurzem beim deutschen Autor Peter Kurzeck, in dessen Schreibwohnung im südfranzösischen Uzès sie drei Tage lang weilte, um mit ihm eine Ausstellung, eine literarische Toninstallation und eine Lesung zu vereinbaren.

Das Resultat lässt sich hören: Ob in der alten Küche des ehemaligen Bauernhauses, im Keller, im Schlafzimmer oder im Dachgeschoss in jedem Raum ist Peter Kurzecks Stimme zu hören. Aus seinen CD’s mit dem Titel «Ein Sommer, der bleibt» hat Inge Blaschke zu den einzelnen Räumen passende Textpassagen ausgewählt und sie auf Chips kopieren lassen, mit denen die Hörstationen bestückt sind. Jene Passage, in der eine Schlittenfahrt im Winter in Hessen schildert, ist neben den Bündner Schlitten zu hören. Der Text, in dem es um das Backen von Mohnkuchen geht, lässt sich in der dunklen Küche hören. Und blickt Peter Kurzeck in seinem Heimatdorf Staufenberg bei Giessen zum Fenster hinaus, dann schweift der Blick des Museumsbesuchers unwillkürlich auf die Dächerlandschaft von Valchava hinaus. Kurzecks Texte, die zumeist im ländlichen Hessen spielen, lassen sich beim Zuhören und Lesen gut übertragen, weil sie alltägich Erfahrbares schildern, das man genauso anderswo erlebt haben könnte.

Die bis zu zwanzig Mal überarbeiteten Typoskripte von Peter Kurzeck, seine Notizbücher sowie seine Beobachtungen, die er bei seinen Erkundungen auf die Hüllen von Teebeuteltüten schreibt, sind Bestandteil der derzeitigen Ausstellung im Münstertaler Museum. «Das ist das allererste Mal, dass Manuskripte von mir ausgestellt werden und dass ‚Ein Sommer, der bleibt’ in dieser Art präsentiert wird», sagt der sichtlich beeindruckte Kurzeck.

Dass die Einbettung zeitgenössischen Kunstschaffens in eine Ausstellung heimischer Alltagsgegegenstände aus vergangenen Zeiten im Tal nicht unumstritten war, ist nachvollziehbar. Manchen Bewohner des Münstertals stiess es zunächst einmal auf, dass eine Fremde, die zudem nur ein wenig Rätoromanisch spricht, Fremdes mit Einheimischem vermischt. Inge Blaschke erinnert sich noch an einen Tag, an dem die Hinweisschilder des Museums von Unbekannten abmontiert und versteckt worden sind. Oder an so unfreundliche Sätze, die im Tal kursiert haben, wonach das Museum seit ihrem Einzug so sonderbar rieche. Entmutigen hat sie sich nicht lassen: «Ich lebe sehr gerne in diesem schönen Tal und schätze die Menschen, mit denen ich zu tun habe». Heute, da Feriengäste aus dem Engadin, Besucher aus dem nahen Südtirol und zahlreiche «Unterländer» regelmässig den Weg ins Museum und zu seinen Veranstaltungen finden, ist die Bedeutung des Museum und dessen Konzepts auch im 1600 Einwohner zählenden Tal anerkannt. Dass manche Museumsbesucher, die eine Ausstellung im Museum Chasa Jaura besuchen, immer wieder meinen, die ausgestellten Bilder seien eigens für die Ausstellung gemalt worden, quittiert die Ausstellungsmacherin mit einem Lächeln. «Wenn die wüssten, mit welcher Scheu ich manchmal die Künstler kontaktiere, die hier ausstellen, sie würden staunen», sagt sie.


(Die Installation «Ein Sommer, der bleibt» – Peter Kurzeck erzählt das Dorf seiner Kindheit dauert bis 18. Oktober 2012.
www.museumchasajaura.ch
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