«Die Presse» (Wien) 5. Juni 2004


Draußen war Österreich

«Nicht mehr da.» Vom Leben der türkischen Familien im ehemaligen Judenviertel in Hohenems: eine Reportage aus dem Textilland Vorarlberg.

«Wie haben Sie mich gefunden, ich versteh' das nicht.» Das ist Ahmet Korkmaz' Stimme am Handy. Zehn Minuten später treffen wir uns vor dem Schlosscafé in Hohenems. Ahmet Korkmaz muss eine jener Personen sein, die ich suche. Wir setzen uns an einem der freien Tische hin, ich hole meine Unterlagen aus dem Rucksack hervor, lege ihm die Fotografie hin, auf der ein junges Elternpaar hinter einem Kinderwagen zu sehen ist. Das Paar ist aus der Türkei, die junge Frau trägt ein Kopftuch. «Der Säugling im Kinderwagen müssen Sie gewesen sein. Und das junge Paar sind Ihre Eltern», sage ich. Ahmet Korkmaz schaut das Bild kurz an, dann mich und lacht: «Ich kenne diese Leute nicht, das sind nicht meine Eltern. Aber der Ort stimmt, das Haus kenne ich gut.» Über dem Hauseingang ist auf der Fotografie das Schild «Schul-Gasse 1» zu sehen. In diesem Haus hat Ahmet Korkmaz seine Kindheit und Jugend verbracht.

Mittwoch, der 12. Mai 2004. Die Fotografien, die ich vor Ahmet Korkmaz im Hohenemser Schlosscafé auf dem Tisch ausgebreitet habe, wurden im Juli 1977 aufgenommen; sie sind also 27 Jahre alt, und ich bin auf der Suche nach den Menschen von damals. Ich habe die Häuser aufgesucht, die auf meinen alten Fotos zu sehen sind: die ehemalige jüdische Schule, das einstige jüdische Armenhaus, das stattliche Gebäude mit der Aufschrift «Feuerwehr Hohenems» – die frühere Synagoge –, die Bürgerhäuser auf der gegenüberliegenden Straßenseite, in denen einst jüdische Familien wohnten. Ich fotografiere die Häuser wieder. Und ich staune darüber, dass einige dieser Häuser immer noch in einem sehr schlechten Zustand sind. Keiner, dem ich in Hohenems die Bilder zeige, kann mir weiterhelfen, niemand erinnert sich an diese Menschen von früher. Weder die türkischen Frauen in den Häusern an der Harrachgasse noch die Männer im Klubcafé des türkischen Fußballvereins erkennen jene Personen, die ich vor langer Zeit fotografiert habe. «Sie sind wie Türken gekleidet, aber die leben nicht mehr hier.»

Immerhin war ich bei meiner Ankunft in Hohenems im Besitz von Ahmet Korkmaz' Handynummer, die ich von einem Mitarbeiter des Rathauses bekommen hatte: Korkmaz wurde 1977 in Hohenems geboren und wohnte mit seinen Eltern in der ehemaligen jüdischen Schule, Schul-Gasse 1. Er lebt immer noch in Hohenems.

Hohenems war ein Zufallsfund im Sommer 1977. Ich hatte die 14.000-Einwohner-Stadt an der österreichisch-schweizerischen Grenze nicht gekannt. Aber ich hatte gelesen, dass Juden aus Hohenems die Gründer der jüdischen Gemeinde von St. Gallen waren. Auf der Suche nach Literatur über die Juden in St. Gallen fand sich damals in der Stadtbibliothek Vadiana in St. Gallen ein dickes, schwarz eingebundenes Buch mit dem Titel «Die Geschichte der Juden in Hohenems und im übrigen Vorarlberg», das im Jahr 1905 in Meran erschienen ist. In Hohenems, so las ich in Aron Tänzers Geschichtsbuch, lebte vom frühen 17. Jahrhundert bis zum Zweiten Weltkrieg die bedeutendste jüdische Gemeinde Westösterreichs, deren Handels- und Verwandtschaftsbeziehungen sich bis nach Oberitalien und Süddeutschland und in die Schweiz erstreckten. Unter dem Schutz des Grafen von Hohenems konnten sie sich hier niederlassen. Als ich 1977 Hohenems erstmals besuchte, lebten dort keine Juden mehr. St. Gallens Rabbiner Hermann Schmelzer jedoch wusste, dass von dem einst blühenden Hohenemser Gemeindeleben immer noch das jüdische Viertel mit seinem Schul- und Armenhaus, den Fabrikantenvillen, den eng aneinander gebauten Häusern der Händler sowie der ehemaligen Synagoge zeugten, auch wenn nirgends mehr eine Aufschrift zu sehen sei. Einzig der erhaltene Friedhof am Südausgang der kleinen Stadt sei ein direkter Beweis für die einstige jüdische Gemeinde, denn hier trügen die Gräber hebräische Inschriften. – Ich weiß noch, wie spannend es war, nach der Lektüre dieses Buches zum ersten Mal durch Hohenems zu gehen, um zu erkunden, ob in der Gemeinde, die einst über 500 Juden beherbergt hatte, noch Spuren jüdischen Lebens zu finden seien. Ich fand die im Buch beschriebenen Häuser, die meisten in einem desolaten Zustand, Häuser, die nach den Familien benannt waren, die einst hier gewohnt hatten: das große Elkanhaus, die Villa Iwan Rosenthal im Stil der Gründerzeit, das Brunnerhaus, das Bernheimerhaus, das Sulzerhaus, das Brettauerhaus, das ehemalige jüdische Gasthaus «Zur frohen Aussicht», die Arbeiterwohnhäuser, die der jüdische Textilindustrielle Rosenthal im Ortsteil Schwefel für seine Belegschaft erbaut hatte.

Ich traf 1977 in diesen Häusern oder in den Gärten dieser Häuser immer wieder türkische Frauen und Männer an, manchmal auch jugoslawische. Frauen mit Kopftüchern und langen Röcken, dunkel gekleidet. Sie wussten, dass hier lange vor ihnen die Juden gewohnt hatten. Und sie ließen sich gern fotografieren. Unterhalten konnten wir uns nicht wirklich, denn ich spreche nicht Türkisch, und nur wenige konnten mehr erzählen als etwa «Ich komme aus der Türkei».

In den ehemaligen Judenhäusern, in die nach dem Krieg kein Hohenemser Jude mehr aus den Vernichtungslagern zurückgekehrt war, lebten nun wieder Fremde: Gastarbeiter, in der Vorarlberger Textilindustrie beschäftigt. Die Gründe, weshalb Türken, Jugoslawen und Juden in Hohenems eine vorübergehende Bleibe finden konnten, sind sich trotz der Jahrhunderte, die zwischen der Präsenz der einen und der anderen liegen, nicht unähnlich: Die einen hat man als Hilfskräfte für die Textilindustrie geholt; für die Erteilung des Wohnrechts an die anderen hatten seinerzeit nicht minder wirtschaftliche Überlegungen eine Rolle gespielt.

«In all diesen Häusern wohnten vom Beginn der Siebzigerjahre an fast ausschließlich nur noch türkische Gastarbeiterfamilien», sagt Bruno Winkler, früher Museumspädagoge in Hohenems und heute Leiter von Kulturprojekten in Vorarlberg und Tirol. «Für die leer stehenden Judenhäuser hat sich sonst niemand interessiert, weshalb sie langsam verfielen. Die früheren Bewohner und Besitzer dieser Häuser zogen in die Neubaugebiete.» So bildete sich im ehemaligen Judenviertel von Hohenems ein türkisches Quartier.

Was ist aus diesen Menschen geworden? Sind sie in Hohenems geblieben? Würde ich sie nun, im Mai 2004, wieder finden? 960 türkische Staatsangehörige leben heute in Hohenems. Nicht wenige Türken haben zudem mittlerweile die österreichische Staatsbürgerschaft erhalten. Wie viele Österreicher türkischer Abstammung in Hohenems leben, konnte die Schalterbeamtin im Rathaus nicht eruieren. Heute wohnen die Türken über ganz Hohenems verteilt.

Ahmet Korkmaz, von dem ich überzeugt war, er sei der Säugling im Kinderwagen, will mir bei der Suche helfen. Wir müssten bloß ältere frühere Bewohner der Schul-Gasse 1 treffen. Ihm fällt das Ehepaar Ünlü ein, beide mittlerweile um die 60 Jahre alt. Als wir eine halbe Stunde später ankommen, sitzt die ganze Familie im Wohnzimmer. Der Fernseher läuft, es ist ein türkisches Programm, kleine Tassen mit Tee stehen auf dem Tisch. Ayse Unlü und ihr Mann Tarik, frühere Bewohner der Schul-Gasse 1, schauen sich meine Bilder an und kommen nicht aus dem Staunen heraus: Ja, da haben sie wirklich gewohnt. Ayse Ünlü ist es, die nach 27 Jahren nach und nach alle Personen, die auf den Bildern zu sehen sind, nennen kann. Jetzt ist klar, dass das Paar auf dem Bild Recep Kara und seine Frau Sevim sein müssen. «Beide sind nicht mehr da», sagt Ayse Unlü in gebrochenem Deutsch. «Im Kinderwagen ist Tochter Nilgün.» Auf einer anderen Fotografie erkennt sie ihre eigene Kusine Emine Balli. Die sei auf dem Foto gerade dabei, mit ihren Koffern Hohenems nach einem Streit unter den Bewohnern der Schul-Gasse 1 zu verlassen, um in die Türkei zurückzukehren.

Ali Cakmak, seine Frau Gülüzar und ihre Tochter Sevgi waren die letzten türkischen Bewohner der Schul-Gasse 1. Ihnen begegne ich am selben Tag gegen Abend hinter der ehemaligen Schule. Mutter und Kind arbeiten im Garten, der Vater hat eben sein Auto geparkt und schaut den beiden zu. Zwölf Jahre haben sie hier gewohnt. Vor zwei Jahren sind sie aus dem baufälligen Haus ausgezogen, das seither verriegelt ist. Und noch immer sind sie dem Haus verbunden. Im Garten auf der Rückseite der Liegenschaft haben sie erst vor kurzem wieder Stangenbohnen angepflanzt, jede Woche schauen sie mehrmals vorbei, irgendwann im August oder im September werden sie zum letzten Mal im Garten arbeiten können, denn das Gebäude wird dann saniert, um die Volkshochschule aufnehmen zu können. Ahmet Korkmaz kann sich noch daran erinnern, wie sich die Familien im Vorgarten der Schul-Gasse 1 an warmen Abenden getroffen haben. Und er und sein Freund Yahiya Ünlü erzählen, dass sie an der Mauer zur benachbarten ehemaligen Fabrikantenvilla Ball gespielt haben. War ein Ball aus Versehen im Garten der Villa gelandet, flog er irgendwann beschädigt zurück, so beschädigt, dass er sich nicht wieder aufpumpen ließ. «Aber wir Kinder haben uns hier wohl gefühlt, wir waren unter uns, im Quartier lebten nur türkische Kinder. Nur manchmal gab es Streit unter den Familien. Im ehemaligen Ritualbad der Juden nebenan lagerten wir unser Heizholz, und da war nicht immer klar, welches Holz wem gehört.»

Das Haus Schul-Gasse 1 war 1977 in einem sehr schlechten Zustand. Kurt Schebesta, der in der alten Industriellenvilla von Iwan Rosenthal nebenan aufgewachsen ist und hier bis 1996 eine Zahnarztpraxis betrieben hat, kann sich noch genau an jene Jahre erinnern, da hier und in allen anderen benachbarten Häusern Türken gewohnt haben. "Die Fassade der ehemaligen Judenschule wurde irgendwann neu gestrichen, sonst ist hier nie richtig renoviert worden." In Wohnungsinseraten in den Vorarlberger Zeitungen wurden Wohnungen an «Österreicher» zur Vermietung angeboten. «Mittlerweile gehören Türken auch zu den Hausbesitzern in Hohenems», sagt Ervant Karapekmez, Wirt im türkischen Fußball-Vereinslokal; er zeigt stolz auf Häuser in der Marktgasse, die von Türken aufgekauft wurden. Doch noch immer erscheinen Zeitungsanzeigen «Vermiete an Inländer».

Ingenieur Markus Schadenbauer von der Baufirma Lacha & Partner hat den Schlüssel zur ehemaligen Judenschule. Wer das Haus betreten will, schaut bei ihm in einem sanierten Haus in unmittelbarer Nachbarschaft der alten Schule vorbei, in dem bis vor wenigen Jahren auch noch Türken gewohnt haben. Ahmet Korkmaz kommt mit auf Besuch in das Haus, in dem er einst gewohnt hat. Er erinnert sich: «Wenn meine älteste Schwester das Schulhaus verließ, dann trug sie ein Kopftuch, das gehörte sich so, das haben unsere Eltern verlangt. Aber kaum war sie hinter diesem Haus an der Harrachgasse angelangt, verschwand das Kopftuch, denn als Mädchen wollte man nicht auffallen, wollte es mit den anderen Jugendlichen hier gut haben.»

Ahmet Korkmaz zeigt die einzelnen Räume. Das leer stehende Haus ist in einem noch schlechteren Zustand als vor 27 Jahren. Ahmet ist zum ersten Mal seit Jahren wieder da: Im Eckraum haben seine Eltern mit ihren fünf Kindern gewohnt. Der Raum war gleichzeitig Küche, Bad, Elternschlafzimmer und Kinderzimmer. Wenn ein Kind baden sollte, wurde eine Plastikwanne mit Wasser gefüllt, das vorher in Pfannen auf dem Herd gekocht wurde. Erst als Ahmet zehn Jahre alt war, konnten die Korkmazs einen zweiten Schulraum hinzumieten. 30 Jahre haben die Eltern hier gewohnt. Ahmets Vater, ein Tischler, hatte die Türkei 1970 verlassen. Vor fünf Jahren sind Ahmets Eltern in die Türkei zurückgekehrt. Ahmet schaut zum Fenster hinaus und sagt: «Wir lebten in zwei Kulturen, zu Hause in der türkischen, und draußen war Österreich. Unsere Eltern sprachen kaum Deutsch, wir aber sprachen zu Hause Türkisch und in der Schule und mit den Kollegen Deutsch.»

Das ist heute häufig immer noch so. Da gibt es die jungen Türken, deren Alemannisch sich in nichts von der Aussprache ihrer österreichischen Kollegen unterscheidet. Sie treffen sich ebenso wie ihre jungen Kollegen mit Familiennamen wie Ammann und Fenkart oder Mathis vor dem Hohenemser Cineplexx, dem größten Kino Vorarlbergs. Nur dass viele von ihnen mit ihren Eltern sehr eng verbunden sind, deren Vertrautheit mit den Lebensgewohnheiten der Österreicher schwach ist. Die Spannungen zwischen den zwei Welten gibt es immer noch. Elizabet Hintner-Çaliskan kennt sie aus ihrer Arbeit. Sie selbst kam als 13-Jährige aus der Türkei nach Österreich, heute ist sie Jugendarbeiterin in Dornbirn, wo sie hauptsächlich mit türkischstämmigen Jugendlichen zu tun hat.

Drei Generationen von Türken gibt es mittlerweile in Vorarlberg: die zugewanderten Eltern, ihre in Vorarlberg geborenen Kinder sowie die Enkel. Türken, die vor 30 oder 40 Jahren nach Vorarlberg gekommen sind, möchten nach ihrer Pensionierung zurück in die Türkei. Viele bleiben dann aber doch in Österreich, weil ihre Familien hier leben. Diejenigen, die zurück in die Türkei sind, besuchen ihre Kinder jedes Jahr in Österreich, sie bleiben dann drei Monate. So pendeln sie zwischen zwei Heimaten. In Österreich haben sie den Großteil ihres Lebens verbracht, sind aber trotzdem nicht wirklich heimisch geworden. In der Türkei haben sie ein Haus gebaut oder erworben, sprechen ihre Sprache dort, sind aber auch dort fremd, weil sie Jahrzehnte ihres Lebens im Ausland verbracht haben.

Wenn sie bei ihren Kindern in Vorarlberg zu Gast sind, schauen sie türkisches Fernsehen, das sie über Satellit oder Kabel empfangen. Bis zu 50 türkische Fernsehstationen lassen sich mit einer Satellitenschüssel empfangen, acht Sender aus der Türkei kommen per Kabel ins Haus. Wenn sie eine Zeitung am Kiosk kaufen, dann ist es eine der türkischen, die in Deutschland erscheinen. Nicht wenige haben bloß eine kurze Schulzeit absolviert. Als sie in Österreich ankamen, gab es keine Deutschkurse. Die Männer lernten nur so viel Deutsch, wie sie für ihre Arbeit in der Fabrik brauchten. Und viele Frauen, die zu Hause die Kinder betreuten, verkehrten nur mit anderen türkischen Frauen.

An die Juden aus der Zeit vor 1938 erinnert sich heute kaum jemand in Hohenems. Kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs lebten hier nur noch acht Juden. Nach dem Zweiten Weltkrieg lebten bis 1954 jüdische Flüchtlinge aus dem Osten Europas, Überlebende der Konzentrationslager, in Hohenems. «DP's» lautete die amtliche Abkürzung, «Displaced Persons». Kurt Schebesta kann sich noch gut an sie erinnern. Sie lebten in den Häusern, die später die Türken bewohnen sollten. Und auf einer großen Wiese hatten sie ein Zelt aufgeschlagen, in dem sie sich zu ihren Gebeten einfanden. Man sah ihnen zu, war misstrauisch, weil man sie nicht kannte, und munkelte – zu einer Zeit, als Unzählige in Europa, vom Bauern bis zum Bürgermeister, vom Schwarzhandel lebten – über dunkle Geschäfte, die dank der Präsenz der alliierten Truppen möglich seien. Wohl nicht anders als heute, da man in Hohenems den Türken zuschaut, ihre Sprache nicht versteht und meint, dass der Handel mit Cannabis über die nahe Grenze größtenteils in den Händen der Zugezogenen liege. – Otto Amann, langjähriger Bürgermeister von Hohenems, sagt: «Heute treffen sich am Bahnhof die jungen Türken. Vor dem Krieg, in meiner Kindheit, trafen sich unten am Bahnhof die Juden. Man sagte, sie würden dort auf die Ankunft des Messias warten. So redete man damals.»

Die Jugendarbeiterin Elizabet Hintner-Çaliskan beobachtet, dass für viele junge Türken die Türkei zu einem Ferienland geworden ist. Man fährt im Sommer in die Heimat der Eltern, genießt die Zeit dort und kehrt zurück in das Land, in dem man aufgewachsen ist – und wo heute die Arbeit fehlt. Der Druck der Elterngeneration ist bei den in Österreich Geborenen spürbar. Da kommt es vor, dass der Vater bestimmt, wen die Tochter heiraten soll. Gehorcht sie nicht, kann es passieren, dass sie den Kontakt zu ihrer Familie für immer aufgeben muss. «Für meinen Vater war meine Schwester gestorben, als sie einen anderen Mann heiratete, als von ihm bestimmt», sagt einer, der nicht genannt werden will. Er weiß, dass die Schwester, die aus Vorarlberg weggezogen ist, manchmal heimlich ihre Mutter trifft. «Wenn mein Vater das erfährt, könnte nur noch Schlimmeres passieren.» Wie ähnlich, denke ich, klingt das, wenn ich an manche jüdische Familiengeschichte von früher denke, wo es Töchtern untersagt war, einen nichtjüdischen Mann als Freund zu haben oder gar zu heiraten. – Am 16. Mai bin ich wieder in Hohenems, diesmal begebe ich mich in den jüdischen Friedhof im Ortsteil Schwefel. Gegen 50 Personen sind hier versammelt. Rabbiner Hermann Schmelzer von St. Gallen ist zu zwei Steinsetzungen eingetroffen. In dem Friedhof aus der Barockzeit sind vor kurzem ein Jude aus dem benachbarten schweizerischen Widnau und ein Jude aus Bregenz beigesetzt worden. Einen eigenen Friedhof wünschen sich auch die Vorarlberger Moslems. Je nach Gesprächspartner leben in Vorarlberg 23.000 bis 26.000 Türken, die meisten von ihnen sind Moslems. Stirbt ein muslimischer Türke in Vorarlberg, wird die Leiche in einem Spezialsarg über Zürich in die Türkei geflogen. Noch haben die Moslems keinen Friedhof in der Region, Gebetshäuser hingegen sind heute in jeder Ortschaft zu finden, in der Türken leben. Allein Hohenems zählt zwei Moscheen. Ein Minarett hat man bisher freilich nicht gebaut, noch haftet den moslemischen Gotteshäusern etwas Provisorisches an. Aus Vorsicht?

«Für die älteren Türken ist das Leben in Vorarlberg mit unangenehmen Ernüchterungen verbunden», sagt die Jugendarbeiterin Elizabet Hintner-Çaliskan. Viele hätten in den letzten Jahren im Rahmen der Firmenschließungen ihre Stelle verloren und fänden keine Arbeit mehr. Sie blieben in Österreich, weil ihre Kinder hier seien, aber diese Kinder seien in ihren Augen häufig «verwestlicht», was den Alten nicht behage. Ernüchterung auch bei nicht wenigen der in Österreich geborenen Türken, weil nicht wenige von ihnen keine Arbeit finden.

«Die Industrie zieht weg aus Westeuropa.» Der dies sagt, ist hier geblieben und leitet eine Firma im Bereich der Spitzentechnologie in Hohenems. Er weiß genau Bescheid über die Arbeitslosigkeit in Hohenems, die Türken stärker betrifft als Österreicher. Die große Textilfirma Otten in Hohenems hat «dicht gemacht»; die Skifabrik Kästle gibt es nicht mehr; die Herrenbekleidungsfirma Bäumler lässt die Kleider jetzt in Ungarn herstellen. An die tausend Arbeitsplätze hat Hohenems in den vergangenen Jahren verloren. Plätze, für die man ursprünglich – nach dem 1964 unterzeichneten Anwerbeabkommen zwischen der Türkei und Österreich – Arbeitskräfte aus der Türkei geholt hatte. Das «Textilland» Vorarlberg, an dessen Nähmaschinen Frauen aus der Türkei saßen, existiert nur noch in der Erinnerung. «Die Abwanderung der Industrie nach Bulgarien, Rumänien, in die baltischen Staaten und in die Ukraine nimmt die Öffentlichkeit kaum wahr», sagt Johannes Lusser von der Firma Collini Beschichtungstechnik. Collini, das war einst ein Messerschleifer aus dem Trentino, der als Migrant nach Hohenems kam, Ende des 19. Jahrhunderts, als die «Türkenavenue» im Ortsteil Schwefel noch «Polentagasse» genannt wurde.

Da die meisten Firmen sich nur wenig um die Schulung der Zweitgenerations-Ausländer bemüht hätten, seien viele dieser jungen Leute heute arbeitslos. «Hier entsteht unter den 15- bis 25-Jährigen ein soziales Spannungsspotenzial», sagt Lusser. Neue Jobs gebe es in der Nähe kaum. Und die Arbeit an der Kasse im Einkaufszentrum oder am Popcorn-Stand im großen Kino sei weder eine Herausforderung noch lukrativ.

Viele Türken sind in Hohenems geblieben. Andere jedoch sind innerhalb Europas weitergezogen. Sadiye Ünlü, die Frau, die sich an die Namen aller Personen auf meinen bald 30 Jahre alten Fotografien erinnert, weiß, dass das Ehepaar Recep und Sevim Kara vor langer Zeit Hohenems verlassen hat. Heute leben die beiden in der Schweiz.

Die Geschichte von Recep und Sevim Kara zeigt, dass es auch andere Wege gibt als die gängigen: Anders als die meisten Türkinnen, die in den Siebzigerjahren nach Hohenems gekommen sind, stammt Sevim Kara aus der Millionenstadt Istanbul und nicht aus einem Dorf oder aus einer Kleinstadt in Anatolien. Über die Telefonauskunft finde ich das Ehepaar Kara in der Schweiz. Sevim Kara erinnert sich nicht gern an ihre Jahre in Vorarlberg. Drei Jahre hat sie es dort ausgehalten, dann ist sie mit ihrer kleinen Tochter, Nilgün, in die Türkei zurückgekehrt, während ihr Mann in der Schweizer Machinenindustrie Arbeit gefunden hat. In Hohenems hatte sie Deutsch lernen wollen. Aber damals gab es hier keine Deutschkurse für Ausländer. Ohne Deutschkenntnisse jedoch konnte sie trotz ihrer türkischen Matura in Österreich keine weiterführende Ausbildung antreten.

In Istanbul hat sie nach dem Wegzug aus Hohenems Geschichte studiert. Zwischendurch hat sie immer wieder einmal ihren Mann in der Schweiz besucht. Nach 13 Jahren zog sie mit Nilgün, der gemeinsamen Tochter, zu ihm. Heute studiert Nilgün an der Universität Basel Biologie.


Im Jüdischen Museum Hohenems ist von 6. Juni bis 3. Oktober die Ausstellung «…lange Zeit in Österreich. 40 Jahre Arbeitsmigration» zu sehen.
Geöffnet Dienstag bis Sonntag 10 bis 17 Uhr.
› nach oben › zurück zur «texte»-übersicht