Martin Dreyfus ist der «Büchermensch des Jahres 2014»
erschienen im st.galler tagblatt vom 10. 6. 2014


Von der Türkei bis Shanghai

Buchhändler und Verleger, Büchersammler und Ausbildner, Antiquar, Leiter literarischer Reisen und Spaziergänge, Herausgeber und Autor: Martin Dreyfus’ Leben ist voll von Büchern

Von Michael Guggenheimer

Zum «Büchermensch des Jahres» wurde er ernannt. Bestimmt haben ihn die neun Mitglieder des Zentralvorstands des Schweizerischen Buchhändler- und Verlegerverbands (SBVV). Während die Buchhandlung des Jahres und der Verlag des Jahres je Fr. 5000.- als Preissumme erhalten haben, bestand sein Preis aus einer Bücherstütze aus Metall, in der sein Name und sein neuer Titel eingraviert sind. Zur Preisverleihung gab es eine Laudatio, Verpflichtungen entstehen dem «Büchermenschen des Jahres» keine.

Er ist der fünfte «Büchermensch des Jahres». Ein Verleger, eine Literaturvermittlerin, ein Bibliothekar und ein Diplomat waren seine Vorgänger. Martin Dreyfus ist kein Diplomat. Er war Buchhändler und Verleger, er ist Literaturvermittler. Und er nennt eine grosse und einzigartige private Bibliothek sein eigen. Er ist all das und noch viel mehr. Doch der Reihe nach. Nach einer Lehre als Buchhändler bei Robert Krauthammer in Zürich, einem Volontariat beim Buchzentrum in Olten und der Tätigkeit als Buchhändler bei Orell Füssli in Zürich übernimmt er die Leitung des Taschenbuchladens der Fehr’schen Buchhandlung im St.Galler Neumarkt, führt anschliessend die Buchhandlung Balmer in Zug, wechselt ins Verlagswesen zu Huber nach Frauenfeld, arbeitet im Verlag von Egon Ammann, um später während neun Jahren beim Zürcher Pendo Verlag zu arbeiten, bevor er für die Dauer von zwei Jahren in einem Antiquariat eine Teilzeitstelle annimmt.


Bücher, Bücher und nochmals Bücher

Bücher prägen seinen Alltag aber auch sonst noch. Als Ausbildner an den Buchhandelsschulen in Winterthur und Luzern und als Leiter von literarischen Tramfahrten und Spaziergängen durch Zürich. Seit zehn Jahren führt er Literaturbegeisterte durch Städte und Landschaften: Prag, Dresden, Triest, Riga, das Engadin und das Bergell, Ascona und der Monte Verita, Meran und Bozen stehen auf dem Programm dieser Reisen, bei denen er jeweils Texte vorstellt und an Schauplätze der Literatur führt. Die Biografien und Ausschnitte aus Werken von Autoren wie Thomas Mann, Kafka, Rilke oder Elias Canetti, Italo Svevo, James Joyce oder Erich Kästner werden hier an ihren Wirkungsorten vorgestellt. Woran es aber dem literarischen Guide besonders liegt, ist die Präsentation von weniger bekannten Autoren, die im Laufe der Jahre in Vergessenheit geraten sind, zu ihrer Lebenszeit aber nicht minder wichtig waren. Führungen durch Literaturausstellungen im Museum Strauhof und in der Zentralbibliothek in Zürich gehören ebenso zu seinen Beschäftigungen mit Literatur wie Vorträge über Verlage und Autoren. Zudem umgeben ihn in seinem Alltag Bücher, Bücher und nochmals Bücher, etwa 40 000 Bücher.

«Ich war schon immer ein Sammer. In einer Schnitzelbank in Basel machte sich Jurist Ignaz Herzfeld lustig über mich als Kind, das leidenschaftlich sammelt. Noch vor Beginn der Lehre habe ich damit begonnen, Bücher gezielt zu sammeln. Schon früh waren es Bücher zur Geschichte des Dritten Reichs und der Judenverfolgung, die mich interessierten.» Bücher sammelt Dreyfus seit dem Jahr 1969, als er in einem Basler Antiquariat, damals noch als Schüler, aus seinem Taschengeld ein erstes besonderes Buch für Fr. 45.- erwarb, das den Grundstock für eine Sammlung legte, wie es sie in der Schweiz nicht nochmals gibt. «Der gelbe Stern» lautete der Titel dieses ersten Buchs, das im Jahr 1936 in Paris verlegt wurde und sich mit der Ausgrenzung der Juden im Dritten Reich befasste. Exilliteratur der Jahre 1933 bis 1950 in Originalausgaben bildet das Kerngebiet seiner Sammlung, die in einem Gewerberaum in Thalwil steht. Weitere Bücherräume stehen in Kilchberg und in Basel. Wie breit sein Horizont zum Thema Exilliteratur ist, wird deutlich, wenn man weiss, dass er sich mit der Türkei als Zufluchtort von Künstlern und Wissenschaftlern im Zweiten Weltkrieg ebenso befasst wie mit Shanghai und Lateinamerika, wohin deutsche und österreichische Autoren, Verleger und Buchhändler geflohen sind. An der Preisverleihung des SBVV sagte der Autor und Psychoanalytiker Jürg Acklin: «Keiner kennt sich so aus in der Zwischenkriegs-und Emigrantenliteratur wie er. Sein Überblick und gleichzeitig seine Detailgenauigkeit verblüffen einen immer wieder. Dabei versteht er es, einen für Autoren und Autorinnen zu begeistern, von denen man bis anhin kaum oder noch gar nichts gehört hat.»


Die Bücher im Kopf

Martin Dreyfus’ Bücherwelt ist mit den Jahren gewachsen. Immer wieder melden sich bei ihm Leute an, die über Exilliteratur forschen. Katalogisiert ist sein grosser Bücherbestand nicht. Ein Experte, der sich mit dem Bibliothekswesen in St.Gallen befasste, hat ausgerechnet, dass man für diese Aufgabe eine Fachperson anstellen müsste, die drei «Mannjahre» Arbeit investieren müsste, um den Bestand der Privatbibliothek aufzunehmen. Dass Martin Dreyfus die Übersicht über sein Bücherreich auch ohne Katalog hat, erlebt, wer ihn in seinen Bibliotheksräumen aufsucht. Man muss nur den Namen eines Verlags, eines Autors oder einer Stadt nennen und schon steht er auf, um zielsicher zum Tablar schreitet, in dem die Bücher so wichtiger Exilverlage wie Allert de Lange und Querido in Amsterdam, Malik in London, Berman Fischer in Wien und Stockholm oder Dr. Oprecht in Zürich stehen. Nicht anders bei der Nennung von Namen von Exilautoren. Immer wieder veröffentlicht Martin Dreyfus Artikel über exilierte Autoren und über Verleger im Exil, sei es in Zeitschriften und in Büchern.

Ein zweites Thema bildet einen weiteren Grundstein von Martin Dreyfus’ Bücherreich: Es sind rund 6000 Bücher zum Thema Buchwesen und Buchhandel. Es ist die frühere Bibliothek des «Schweizerischen Buchhandlungsgehilfen- und Angestelltenvereins», der im Jahr 1920 mit dem Aufbau einer eigenen Bibliothek begonnen hat. Dieser Bestand, bekannt unter dem Namen «Bibliothek des Schweizer Buchhandels», reicht thematisch von der Schaufenstergestaltung von Buchhandlungen bis hin zur Verlagsgeschichte. In den 1970er Jahren ist die Bibliothek nach der Schliessung der Luzerner Buchhandelsschule zunächst heimatlos geworden, Martin Dreyfus hat ihr Asylrecht in seinem Bücherreich gewährt, wo auch Bücher des früheren Artemis Verlegers Bruno Mariacher zum Thema Buch stehen, womit der Gesamtbestand der buchhandelsrelevanten Literatur bei Sammler Martin Dreyfus etwa gegen 9000 Bücher ausmacht.

Zwei Literaturzirkel leitet der «Büchermensch des Jahres» auch noch, in denen gemeinsam ausgewählte Bücher gelesen und besprochen werden. Zudem ist er im Auftrag einer Stiftung Nachlassverwalter des Schriftstellers Walter Mehring. Und wenn er Zeit findet, durchstreift er regelmässig mit seinen Bücherfreunden Manfred Papst von der NZZ am Sonntag, mit dem Literaturwissenschaftler Werner Morlang, mit Thomas Ehrsam, dem Leiter der Bibliothek der Museumsgesellschaft, mit Lektor Franz Cavigelli und mit dem Maler Kaspar Toggenburger Zürcher Buchantiquariate auf der Suche nach Büchern, die in seine 40 000 Bücher fassende Bibliothek noch passen könnten.
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