St. Galler Tagblatt, 26. Juni 2002


Erinnerungsstücke und Marketingstrategie

Martin Walsers «Tod eines Kritikers» existiert vielleicht in zwei Versionen. Eine ist über Internet bei mir angekommen, ungefragt im Rahmen einer Rundsendung. Die andere liegt ab heute in den Buchhandlungen auf. Wenige Tage vor der Auslieferung heisst es, das von Suhrkamp herausgegebene Buch unterscheide sich von der Version, die so viele als Mailanlage ausgedruckt haben und welche die FAZ abgewiesen hat. Der Ton sei antisemitisch, hatte die Zeitung den Autor wissen lassen. Und weil das Blatt die Rückweisung des Textes öffentlich gemacht hat, ist die Neugierde gross.

Ein sensibler Bereich

Noch besser hätte der Zeitpunkt nicht gewählt werden können: Eben lagen sich der deutsche FDP-Politiker Jürgen Möllemann und TV-Moderator und Jude Michel Friedmann in den Haaren, und nun prallen Autor Martin Walser und TV-Star und Jude Marcel Reich-Ranicki aufeinander. Wir merken es: Wir leben im Medienzeitalter. Literatur ist Ware, ist Teil des Marktes, sie folgt heute Marketingstrategien. Die FAZ hat Suhrkamp das Verkaufsgelände vorgeebnet. Der aus historischen Gründen nicht einfache Umgang mit Juden ist in Deutschland und anderswo in Europa im Rahmen der Debatte um Israel, Palästina, um den Zweiten Weltkrieg und Juden ein sensibler Bereich. Erst wenige Monate sind es her, da ein Schweizer Autor verdächtigt wurde, einen Text mit antisemitischen Einsprengseln geschrieben zu haben. Thomas Hürlimanns «Fräulein Stark» habe ich mit einem Stift in der Hand gelesen. Die Geschichte von einem Jungen, der erwachsen wird. Antisemitische Passagen? Ich habe keine gefunden. Ich habe das Buch gerne gelesen. Und ich habe es mehrfach Freunden geschenkt.

Antisemitisch? Wo denn?

Ich habe den Computerausdruck gelesen. Und ich werde Walsers Buch nicht verschenken. Auch nicht empfehlen. Nicht weil es etwa antisemitisch ist. Ich habe Bücher von Walser gelesen, die ich gemocht habe. Diesen Text fand ich langweilig. Antisemitisch? Wo denn? Nur weil der dargestellte jüdische Grosskritiker André Ehrl-König eine Aussprache hat, die an Marcel Reich-Ranickis Deutsch mit polnischem Akzent erinnert? Reich-Ranickis Aussprache und Gesten sind Medien-Markenzeichen. Der Schweizer Emil und der Holländer Rudi Carrell werden ebenso häufig im deutschen Sprachraum nachgeahmt. Walsers Imitationen von Sätzen des Marcel Reich-Ranicki antisemitisch wegen des einen von Hitler ausgesprochenen Satzes? Zu wenig, meine ich. Und dabei bin ich in diesem Bereich sehr empfindlich. Wer intensiv in der Medienlandschaft auftritt, muss damit rechnen, karikiert zu werden. Und jede Karikatur bedient sich jener Züge, die speziell auffallend sind. Bei MRR sind es Aussprache und Gestik.

Walser und Bubis

Hätte sich Walser nicht seit geraumer Zeit in eine deutschnationale Polemik hineingesteigert, niemand hätte ihn des Antisemitismus bezichtigt. Aber da bleibt uns seine Paulskirchenrede in Erinnerung und seine rückwärtsgewandte These der Alleinverantwortung von Versailles für den Aufstieg der Nationalsozialisten. Wenn er nach seinem langen - und öffentlich ausgetragenen - Streit mit Ignatz Bubis ein Buch auflegt, dessen Hauptfigur so nah an den Juden Marcel Reich-Ranicki kommt, und in dem Namen von real existierenden Autoren vorkommen, kann und darf er sich nicht wundern, wenn ihm unterstellt wird, er habe eine Erzählung geschrieben, in der er den Juden nicht mag. Soll Walser den Grosskritiker nicht mögen. Auch ich bin hin- und hergerissen, wenn ich mich mit Marcel Reich-Ranicki auseinandersetze. Grossartig seine Lebenserinnerungen. Gross seine Verdienste um die Literaturvermittlung. Ein manchmal ungerechter und zorniger Selbstdarsteller. Lange Zeit beeindruckend in seiner Arbeit. Manchmal ein Ekel. Ein Jude. Nicht anders als ein Nicht-Jude. Angesichts des Vernichtungsfeldzugs gegen das europäische Judentum im Zweiten Weltkrieg ist Wachsamkeit gegen jede Form des Rassismus angesagt und Sensibilität von Juden gegen antisemitische Äusserungen verständlich. Walsers Text antisemitisch? Nein, seien wir nicht so empfindlich angesichts der Aussprache, der Gestik oder wegen eines Satzes. Erinnerung an andere Sätze Walsers und ein gutes Stück Marketingstrategie stecken hinter dem Antisemitismusvorwurf
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