Education Permanente, April 2004


Erworbene Fähigkeiten erkennen und neu einsetzen
Neben der Magistralvorlesung gibt es auch andere Lernformen für Ältere

An mehreren Senioren Unis der Schweiz folgen ältere Zuhörende Vorlesungen, die eigens für sie gehalten werden. Daneben finden sich noch andere Kursformen, die sich an ältere Menschen richten.

Wer durch Amsterdams Stadtteil ‹Jordan› zu Fuss unterwegs ist, entdeckt in einer der Gassen, die zwei Grachten verbinden, einen Laden, der sich an ältere Bewohnerinnen und Bewohner der Stadt richtet. Weil nicht jede und jeder weiss, wie eigene Kompetenzen auch nach der Pensionierung umgesetzt werden könnten, organisiert der Laden Gesprächskreise und Kurse, in denen Entdeckungen am eigenen Selbst erfolgen. Hier werden Menschen ab 55 dazu ermuntert, ihr Wissen und ihre Fähigkeiten anderen Menschen und Institutionen als Kollegen oder auch als Experten zur Verfügung zu stellen. Nicht ehrenamtlich und kostenlos, aber zu fairen Preisen.

Wer nicht in Holland aufgewachsen ist, aber erleben will, was Menschen im Bereich 55 plus u.a. anbieten, der begebe sich in Amsterdams Historische Museum gleich hinter dem Beginenhof am Singel. Hier warten jeden Morgen an einem speziell gekennzeichneten Tisch in der Cafeteria mehrere Damen und Herren auf Klienten. Ein Stadtrundgang in englischer Sprache gefällig? Kein Problem: Mies Koopmanns steht zur Verfügung. Eine Führung durch die Sammlung des Reichsmuseums mit besonderer Berücksichtigung von Hollands «Goldenem Zeitalter»? Dr. Adriaan Steen, ehemaliger Gynäkologe, führt gerne auch in französischer Sprache. Eine Übersetzungshilfe für einen Text von Augustinus ins Niederländische? Weshalb nicht? Der ehemalige Gymnasiallehrer Fritz Maria Kramer stellt sich gerne zur Verfügung. Hilfe beim Ausfüllen der Steuererklärung? Klar, der ehemalige Buchhalter Boudewijn Godvliet steht mit Rat zur Seite.

«time!» als Türöffner

Ähnliche Angebote könnten demnächst zwischen Winterthur und Chur, dem Wirkungsgebiet der Klubschule Migros Ostschweiz, offeriert werden. «time!» heisst hier der Türöffner. Der englische Begriff weist einen Ausrufzeichen auf. «time!» ist ein neues Angebot in der Palette der Kurse des Kulturprozents der regionalen Migrosgenossenschaft. Ein Kurs auf der Wartebank noch. Im Januar dieses Jahres hätte er erstmals erprobt werden sollen. «Die Werbemassnahmen waren zugegebermassen wohl zu knapp bemessen, weshalb wir den Start auf den Herbst verschieben mussten», erklärt Monika Rutz vom Sekretariat des grössten Kursanbieters im Bereich der Erwachsenenbildung in der Ostschweiz. «time!» richtet sich an Menschen, die neu Zeit haben. Endlich Zeit für sich, Zeit zum Nachdenken, Zeit für Neues und Unerwartetes.

Zwar trifft man ältere Menschen in fast allen Kursbereichen der Klubschule Migros. Manche erlernen noch mit 57 das Autofahren, weil ihr Partner an Parkinson erkrankt ist und das Gehen zu einem Problem geworden ist. Andere entschliessen sich mit sechzig, endlich Italienisch zu lernen, weil sie seit langem ein Rustico im Tessin besitzen. Wiederum andere nehmen seit Jahren an einem Malkurs teil und sind mit der Kursleiterin und mit den anderen Kursteilnehmenden älter geworden. Auch wenn ältere Kursteilnehmende in zahlreichen Kursen anzutreffen sind, bieten die Klubschulen in der ganzen Schweiz auch gezielt Kurse für ältere Menschen an: Zum Beispiel Sprachkurse für Senioren oder Einführungen in die Informatik oder in den Umgang mit dem Internet für Ältere. «time!» fährt persönlicher, es richtet sich gezielt an «lebenserfahrene Menschen mit Zeit und Lust auf Engagement». So bezeichnet man freundlich Menschen vor der Pensionierung oder bereits nach erfolgtem Rückzug aus dem Berufsleben

Peter Russenberger, Bereichsleiter Sport, Fitness, Wellness der Klubschule Migros Ostschweiz gehört jenem Team an, das «time!» ausgearbeitet hat. «Wer heute irgendwann zwischen 57 und 65 seine berufliche Tätigkeit aufgibt, hat häufig Tatkraft, will sich nicht hinter die Zeitung zurückziehen, nimmt rege Anteil am gesellschaftlichen Leben. Da gibt es noch viel verstecktes Potenzial, das sich im Laufe des Lebens und der Berufsjahre angesammelt hat. Unser Angebot mit dem Namen ‹time!› will Entdeckungen möglich machen». Nicht immer müssen diese Entdeckungen zu wirtschaftlich umsetzbaren Projekten führen. «Jemand kann entdecken, dass künstlerische Fähigkeiten ihm eigen sind, die er bis anhin nicht ausgeschöpft hat. Ein anderer hat sich in einem bestimmten Bereich soviel Fachwissen angeeignet, dass er in diesem Sektor Vorträge halten kann. Menschen mit Lebenserfahrung haben psycho-soziale Kompetenzen, sie können neu über ihre Zeit bestimmen, sie können Neues anpacken, noch lange aktiv sein».


«Mit 66 Jahren da fängt das Leben an»

Wirtschaftliche Umsetzung solcher Fähigkeiten soll keinesfalls ausgeschlossen bleiben: Jemand könne auch mit über 60 eine Künstleragentur aufmachen oder erstmals im Leben eine eigene Firma gründen, die eine Spezialität anbiete. Wie singt doch Udo Jürgens: «Mit 66 Jahren da fängt das Leben an» «Viele Menschen haben Zeit ihres Lebens die meisten Kontakte im beruflichen Umfeld gepflegt. Jetzt sind Kollegen im Betrieb weiter an der Arbeit, denen man nicht mehr regelmässig begegnet. ‹time!› will auch zeigen, wie man zu Kontakten kommt, wenn man nicht mehr Tag für Tag morgens die Wohnung verlässt, um an den Arbeitsplatz zu gehen», erläutert Monika Rutz. ‹time!› ist als Tageskurs entwickelt worden und dauert 12 Tage, wobei die Arbeit an eigenen Projekten zwar innerhalb des Kurses initiiert wird, aber ausserhalb der Unterrichtszeit fortgesetzt werden soll. Begleitet wird der Kurs von einem Lehrgangscoach, der medizinischer Masseur und selbständiger Unternehmer ist.  «Das Echo auf die erste Ankündigung war noch nicht sehr gross, in Fachkreisen aber kam das Angebot sehr gut an», sagt Russenberger. Der in St.Gallen entwickelte Kurs soll bald von den anderen Klubschulen der Schweiz unter der Ägide der Koordinationsstelle der Klubschulen übernommen werden.

Zuhören an der Uni

«SeniorenUni» nennt sich ein Heft der Volkshochschule beider Basel, in dem 43 Vorträge angeboten werden, die sich an Ältere richten. Dr. Peter Luder an der Volkshochschule für diesen Bereich zuständig, weiss um den Erfolg dieses Angebots: Angesichts des Andrangs von bis zu 1500 Interessenten müssen die Vorträge stets gleich zweifach durchgeführt werden. Ähnliche Angebote der in der «Schweizerischen Vereinigung der Seniorenuniversitäten» zusammengeschlossenen Institute werden auch in Zürich, Luzern, Bern, Genf, Neuenburg und Lausanne durchgeführt. Und was den Senioren in Basel seit 25 Jahren Recht ist, führen jetzt die Unis in St.Gallen und Basel neuerdings für Kinder an: Unithemen in Vortragsform light an den beiden Zipfeln der Lebensalter. Johannes Krempels, Studienleiter Alters- und Generationenfragen im Evangelischen Bildungszentrum Boldern in Männedorf (ZH), zeigt sich skeptisch angesichts der Darbietungsform, bei der die Aufnahme von Gehörtem dominiert, eine eigene Beteiligung im Gespräch oder in Diskussionsform angesichts der Masse der Zuhörenden nicht stattfinden kann. Boldern geht da anders vor mit seinen Angeboten im Rahmen eines Projektes 55+. «Auf der Suche nach Ressourcen des Alterns» heisst ein Angebot, das sich durch Referate und Gespräche auszeichnet. Das «Projekt 55+» trägt den Untertitel «Für neue Erlebnisse offen» und ist verwandt mit dem Angebot «time!».

Einen Mittelweg begeht die Volkshochschule des Kantons Zürich. Ähnlich wie bei der Klubschule Migros finden sich ältere Kursteilnehmende in zahlreichen Kursen, kommt es zu einer Durchmischung, die Fotokursleiter Adrian Keller als anregend empfindet. Dennoch bietet die Volkshochschule auch Kurse an, die speziell Älteren vorbehalten sind: Englisch für Seniorinnen und Senioren, Gedächtnistraining, PC- und Macintoshkurse für Seniorinnen und Senioren. Hinten im Programmheft sind die Kurse für Ältere nochmals in einer Liste gemeinsam aufgeführt.
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