Sächsische Zeitung, 27. 02. 2006


Das Konzept ist nicht mehr großkotzig
Gespräch: Frank Seibel, Peter Chemnitz

Gute Chancen für Görlitz/Zgorzelec im Kulturhauptstadt-Finale.
Michael Guggenheimer im Montagsgespräch mit der SZ


Herr Guggenheimer, Sie waren bei der Klausur des Kulturhauptstadtbüros in Berlin dabei, bei der die Präsentation der Görlitzer Bewerbung in Brüssel vorbereitet wurde. Haben Sie ein gutes Gefühl für den 15. März?

Ich habe ein sehr gutes Gefühl. Ich glaube, dass die Bewerbung sehr gut ist und dass die Präsentation sehr, sehr gut sein wird. Ich glaube auch, dass die Chancen für Görlitz und Zgorzelec ausgezeichnet sind.

Trotz des frühen Termins?

Ich bin immer davon ausgegangen, dass die Präsentation erst im Mai oder sogar im Juni sein würde. Ich war zunächst ganz kurz erschrocken, als der 15. März als Termin benannt wurde. Dann dachte ich aber doch: Super, man kann nicht andauernd warten und warten und warten. Egal, wann diese Präsentation ist, sie kommt immer so plötzlich. Und jetzt kommt es alles viel schneller, aber dann weiß man wenigstens, ob Görlitz es ist oder nicht. Ich glaube, dass ganz viel für Görlitz und Zgorzelc spricht.

Nun hat sich die politische Großwetterlage verändert. Statt über die EU-Osterweiterung und den Rechtsruck in Polen diskutieren wir vor allem über das Verhältnis des Westes zum Islam.

Viele Türken oder Moslems gibt es fast überall in Westdeutschland, nicht nur in Essen. Für Görlitz und Zgorzelec spricht diese ganz besondere Lage an der Grenze, die Nähe von zwei Sprachen, zwei Gesellschaften, die vollkommen anders erlebt werden. Die Erinnerungen gehen zwar von einem gemeinsamen großen Erlebnis aus, das ist der Zweite Weltkrieg und das Ende des Zweiten Weltkrieges, aber der Inhalt der Erinnerungen ist so anders. Hier treffen zwei Gesellschaftsformen, zwei Erfahrungen aufeinander, hier passiert im Kleinen etwas, das im Großen in Europa stattfinden muss. Hier wird es absolut modellhaft erlebt. Es ist keine Theorie.

Der Prozess der Annäherung zwischen Deutschen und Polen in Görlitz/Zgorzelec ist nicht immer rasant gewesen. Sind wir zu wenig vorbildlich?

Ich glaube, das Tempo spielt keine Rolle, nein. Das Tempo ist eben langsam. Es ist nicht einfach, sich gegenseitig zu verstehen.

Manchmal ist die Politik in diesen Fragen weiter als der größte Teil der Bevölkerung. In Frankfurt/Oder haben die Bürger sich gegen eine grenzüberschreitende Straßenbahn entschieden.

Frankfurt/Oder ist nicht Görlitz/Zgorzelec, wo wirklich langsam gute Beispiele für eine Annäherung gelebt werden: Ich denke an die polnisch-deutschen Kindergärten, an die so vorbildliche grenzüberschreitende Arbeit des Theaters, an ein Projekt wie Stella Pfeiffers zweisprachige Publikation, in der Polen und Deutsche ihr Leben erzählen. Es ist sicherlich so, dass so ein Prozess wie die Kulturhauptstadt-Bewerbung eine Sogwirkung entfaltet und die Menschen mitzieht. Aber das ist ja gerade gut so.

Am Mittwoch ist es fünf Jahre her, seit der Stadtrat sich zur Bewerbung entschlossen hat. Wie steht es um die Wahrnehmung von Görlitz in anderen Ländern?

In diesem Zusammenhang fällt mir eine riesige Ausstellung ein, die derzeit in Frankreich und Spanien für das Jahr 2007 vorbereitet wird. Das Thema heißt: Landschaftsveränderungen in Europa, und eines der zwölf Beispiele wird der Berzdorfer See sein. Das hat damit zu tun, dass die Ausstellungsmacherin im vorigen Sommer nach Görlitz gekommen ist und hier auf den Berzdorfer See aufmerksam wurde. Sie wäre nicht gekommen, wenn sie nicht von der Kulturhauptstadt-Bewerbung gehört hätte. Und sie fand die Stadt, von der sie ein Jahr zuvor noch nie gehört hatte, unglaublich interessant. Die Görlitzer Bewerbung hat bereits Partner gefunden, die zum Teil sehr weit außerhalb der Stadt leben.

Tickt eine internationale Jury anders als die nationale, die vor einem Jahr Görlitz und Essen als Favoriten ausgewählt hat?

Ich bezweifle, dass die Juroren die Region kennen. Adolf Muschg, der vor einem Jahr in der Jury war, wusste ganz genau, wer Jakob Böhme war, und er wusste vieles von Görlitz, ohne je da gewesen zu sein. Auch György Konrad war die Region bekannt, ohne je vorher in Görlitz gewesen zu sein. Aber wenn nun ein Juror aus Barcelona, einer aus London und vielleicht einer aus dem Süden Europas entscheidet – für die ist Görlitz vermutlich sehr sehr weit weg.

Am 15. März hat das Görlitzer Team eine Stunde Zeit, die Bewerbung zu präsentieren. Kann man in dieser kurzen Zeit in einem Brüsseler Konferenzraum Punkte machen?

Die Juroren haben ja eine ausführliche Dokumentation bekommen, die sie hoffentlich genau studieren werden. Darüber hinaus muss die Görlitzer Delegation mit großer Begeisterung und so großem Elan antreten, dass in der halbstündigen Präsentation und der anschließenden Fragerunde der Funke überspringt. Ich erinnere mich an jene Präsentation vor der deutschen Jury vor einem Jahr, bei der Kulturbürgermeister Ulf Großmann und Geschäftsführer Peter Baumgardt mit einem unglaublichen Feuer geantwortet haben, dass sie ihre Zuhörer begeistern konnten.

Wie begeistert man die Jury?

Man muss wirklich das ganze Potenzial dieser Stadt und der Region aufzeigen. Dazu gehört auch die Natur: Die Neiße, der Berzdorfer See, die Königshainer Berge, das sind wunderbare Landschaften. Aber auch Facetten, die oft ausgeblendet werden, auch in dem neuen Image-Film mit der roten Frau. Dort taucht die Jahrhundertwende-Stadt gar nicht auf, auch die Stadthalle, der wunderbare Bahnhof, die prachtvollen Straßenzüge in der Südstadt, die Synagoge. Das alles sind Facetten, die man neben der Zweisprachigkeit und Zweistaatlichkeit deutlich machen muss. Der Film zeigt leider nur den Touristen-Blick auf die Altstadt. Aber Adolf Muschg hat einmal sinngemäß gesagt: Schöne Altstädte gibt es genug. Einzigartig aber ist die Mischung aus Gotik, Renaissance, Barock auf der einen Seite, Gründerzeit und Jugendstil auf der anderen.

Bei der Bewerbung steht aber der Brückenpark im Mittelpunkt.

Ja, und der umfasst im Grunde all diese Bereiche. Für Außenstehende ist der Brückenpark viel faszinierender, als man in Görlitz ahnt. Dabei ist er gar nicht großkotzig. Die ganze Bewerbung ist nicht großkotzig. Man geht von Vorhandenem aus, von Objekten, die darauf warten, wachgeküsst und mit neuen Inhalten gefüllt zu werden.

Im ersten Entwurf der Bewerbung vor zweieinhalb Jahren wirkte manches noch ziemlich gigantisch und vermessen.

Das ist die Bewerbung nicht mehr. Sie ist ist realistisch. Da wird kein Guggenheim-Museum wie in Bilbao gebaut. Die Bewerbung nimmt die Potenziale der Region auf. Es ist ganz normal, dass man erst einmal von der Maximalvariante ausgeht und sie dann langsam der Realität anpasst. Es bringt wenig, zuerst zu fragen: Was kostet das? Man muss zuerst der Phantasie freien Lauf lassen, dann kommt die realistische Prüfung der Möglichkeien. Das ist bei Konzepten doch häufig der Fall.

Hat Essen durch seine Größe einen Vorteil gegenüber Görlitz?


Ich finde, nein. In Görlitz kann man die Entwicklung einer urbanen Gesellschaft gut nachvollziehen und verstehen. Das kann man in einer Großregion wie dem Ruhrgebiet nicht so gut. Wenn ich Bekannte durch die Stadt führe, gehe ich oft zur ehemaligen Brücke in Weinhübel neben der Auferstehungskirche und anschließend zur neuen Altstadtbrücke. Oder wir gehen erst zum Postplatz, wo ich das ehemalige Viktoria-Hotel zeige. Und dann nach Zgorzelec zur Villa direkt neben der Stadtbrücke – in beiden Gebäuden sitzen die Mitarbeiter der Firma Twenty4help. Auf den Kanaldeckeln in Zgorzelec steht meist noch: «Stadtwerke Görlitz». Aus den Häusern aber kommen Menschen, die polnisch sprechen. Europäische Geschichte ist hier wirklich zum Greifen nah, man kann sie begehen. Görlitz ist für mich eine Lehrstätte europäischer Geschichte und Entwicklung.

Das Gespräch führten Frank Seibel und Peter Chemnitz
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