Erschienen in der Sächsischen Zeitung (Dresden), 28. 07. 2012


Über Görlitz wird wieder gesprochen
Die Enkel der vertriebenen Grosseltern zu Besuch in Görlitz

Es sind unglaubliche Geschichten. Da treffen sich diese Woche am Marienplatz die 70-jährige Michal Porat aus Israel und ihre 74-jährige Cousine Liselotte Barochel aus Brasilien zum allerersten Mal im Leben. Michal Porat zieht ein Bild der jungen Liselotte Barochel aus ihrer Handtasche, das Liselotte auch in ihrem Fotoalbum in Rio de Janeiro hat. Wie sehr sich die Cousine verändert hat!

Stolpersteine als Grabsteine

Das Bild hat Michal in den Unterlagen ihrer verstorbenen Mutter gefunden. Beide, Michal und Liselotte, sind zum ersten Mal in Görlitz. Beide verbindet eine Görlitzer Geschichte: Liselotte Barochels Vater Hans Jacobsohn stammt aus Görlitz, Michal Porats Mutter war dessen Schwester Eva. Der Jude Hans Jacobsohn hat Deutschland zwar rechtzeitig verlassen können, wurde aber in Holland von den Deutschen geschnappt und im Konzentrationslager Auschwitz ermordet.

Nach dem Krieg ist Liselottes Mutter mit ihrer Tochter nach Brasilien ausgewandert, um dort ein neues Leben zu beginnen. Über Deutschland wurde in Brasilien nicht gesprochen, Görlitz war für Liselottes Mutter kein Thema mehr. Zu schmerzhaft waren die Erinnerungen an jene Jahre der Verfolgung. Michals Mutter Eva konnte nach Palästina fliehen und hat den Krieg überlebt. Auch sie hat über die Görlitzer Zeit, über die Jahre der Erniedrigung, mit ihrer Tochter nicht sprechen mögen.

Wie gut ich das kenne: Auch mein aus Görlitz stammender Großvater und meine Mutter, die hier zur Schule gegangen ist, haben in meiner Kindheit und Jugend nicht über die Stadt gesprochen, aus der sie fliehen mussten.

Sechs Nachkommen von Görlitzer Juden und ihre Angehörigen treffen sich an einem Abend am Marienplatz und tauschen Geschichten aus. Gekommen sind sie, weil Günter Demnig, Künstler aus Köln, in Görlitz wieder Stolpersteine setzt. Stolpersteine zur Erinnerung an Menschen, die hier nur deshalb verfolgt wurden, weil sie Juden waren. Die Christlich-Jüdische Gesellschaft und der Förderverein Synagoge haben die Nachfahren eingeladen. Auch ich gehöre zu denjenigen, die gekommen sind, um einer Steinsetzung beizuwohnen: Meine Großeltern Fritz und Käthe Warschawski haben mit ihren Kindern Kurt und Ellen bis zum Frühling 1933 am Postplatz 10 gewohnt. Wie andere Juden aus Görlitz, haben sie ihre Stadt verlassen, weil sie hier bedrängt wurden.

Wir sitzen beisammen. Nachkommen von Görlitzer Juden, die aus Israel, den USA, Brasilien und der Schweiz gekommen sind. Keiner von uns ist hier aufgewachsen. Wir sind fasziniert von der Schönheit der Stadt unserer Vorfahren. Wir bleiben vor den Häusern, in denen unsere Großeltern und Eltern gelebt haben, und erzählen uns Geschichten. Es sind Fluchtgeschichten. Wir hören die Geschichte der Liselotte Barochel-Jacobsohn, die als dreijähriges Kind im von Deutschen besetzten Holland bei einer christlichen Familie versteckt wurde, wie ihre Mutter an einem anderen Ort untergetaucht war und wie der ebenfalls untergetauchte Vater Hans Jacobsohn am 31. Mai 1943 von den Nazischergen geschnappt und in den Tod geschickt wurde.

Ich erzähle, wie meine Großeltern heimlich Görlitz verlassen haben, nachdem mein Großvater mehrfach auf offener Straße von Nazis gedemütigt wurde. Ich berichte von meiner Großmutter Käthe Warschawski, die in Palästina nicht heimisch wurde: Das heiße Klima, die neue Sprache, die fehlenden Freunde, die Entwurzelung haben sie in den Tod getrieben.

Es gibt keinen Grabstein für den ermordeten Hans Jacobsohn. Es gibt keinen Grabstein für die verzweifelte Käthe Warschawski, die Hand an sich gelegt hat. Aber auch für Werner Oppenheimer, den Sohn des Görlitzer Arztes Erich Oppenheimer, der in Lublin ermordet wurde, weil er Jude war, gibt es kein Grab. Auch für seine Eltern, die beide in einem Zwangsarbeitslager waren, wurde nie ein Grabstein errichtet. Im Gespräch stellen wir fest, dass jetzt zum ersten Mal überhaupt an Vorfahren von uns, an die niemals ein Grabstein erinnert hat, mit den Stolpersteinen in Görlitz sichtbar erinnert wird. Stolpersteine gewissermaßen als Ersatz für die Grabsteine, die es nie gegeben hat. Und wir stellen fest, wie stark uns die Stadt Görlitz miteinander verbindet.

Ich sehe Günter Demnigs roten Lieferwagen, in dessen Laderaum über vierzig Stolpersteine glänzen. Und ich bin ganz kurz skeptisch: Hier fährt einer von Ort zu Ort, hier transportiert jemand Erinnerungssteine, auf denen Namen von Vertriebenen und Ermordeten stehen sowie ihre Geburts- und Sterbedaten. Hat hier jemand eine Marktlücke entdeckt? Ist hier jemand daran, mit der Suche nach Erinnerungsorten der einen und mit dem schlechten Gewissen der anderen zu hantieren? Nur kurz beschäftigt mich diese Frage.

Nachfahren sind dankbar

Denn dann sehe ich die Namen meiner beiden Großeltern im Gehsteig vor dem Hauseingang leuchten. Dort, wie sie tagein tagaus ein- und ausgegangen sind, vor dem Haus, aus dem sie vertrieben wurden und wo sie all ihren Besitz haben stehen lassen, in der Stadt, in der sie heimisch waren und nicht bleiben durften, sind jetzt ihre Namen sichtbar. Ich gehe abends nochmals am Haus meiner Großeltern vorbei, ich suche das Haus der Jacobsohns in der Bismarckstraße auf und das der Familie Oppenheimer an der Jakobstraße. Görlitz vergisst die ehemaligen entrechteten Bürger nicht! Der neue Oberbürgermeister ist vorbeigekommen, um zu zeigen, dass Geschichte bis heute nachwirkt. Etwa 100 Menschen haben an den Zeremonien teilgenommen. Erstaunlich viele junge Menschen, denen die Geschichte ihrer Stadt und dieses Landes nicht gleichgültig ist, waren dabei. Gunter Demnig, der Mann, der die Stolpersteine erfunden hat und sie einsetzt, ist weitergezogen, er ist wieder unterwegs mit seinen Stolpersteinen in die nächste Stadt. Ein Erinnerungs-Künstler, den das Land auch noch fast siebzig Jahre nach dem Ende des Krieges braucht, auf dessen Arbeit man stolz sein darf. Es ist gut zu wissen, dass Görlitz auch einer Zeit gedenkt, die man leicht vergessen könnte. Und es ist wichtig für uns Nachkommen, dass wir über unsere Vorfahren, über ihre Geschichte und über ihre Stadt endlich sprechen können.
› nach oben › zurück zur «texte»-übersicht