Erschienen in ph|akzente (Zürich), November 2005


Nach dem grossen Krieg

Erinnern an Ereignisse, die man selbst nie erlebt hat.
Die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg wird zu einer indirekten Erinnerung, weil die Zeitzeugen sterben. Weshalb noch an den Krieg und an die systematische Ermordung der Juden erinnern? Erinnern, um die Verfolgung Andersdenkender in der Zukunft abzuwenden.


«Nicht schon wieder.» «Ich mag dieses Wort nicht mehr hören.» «Ach, das ist schon so lange vorbei, bitte nicht nochmals». Es sind deutsche Freunde, die das sagen. Sie sind um die Sechzig und etwas darüber. Und sie meinen den Zweiten Weltkrieg. Oder noch genauer: Holocaust und Shoah. Sie sind in der jungen Bundesrepublik aufgewachsen, ihre Väter waren in den Jahren des Dritten Reichs Soldaten, die an der Ostfront oder am Westwall gedient haben. Die nach dem Krieg gross Gewordenen kennen alle die Schlüsselbegriffe wie Auschwitz und Zyklon B, Judenstern und Reichskristallnacht. Jetzt ist genug, finden sie, sie sind des Erinnertwerdens überdrüssig, denn es wird da nicht ihrer Zeit gedacht, sondern einer Zeit, die nicht ihre war. Den grossen Krieg und die Vernichtung des deutschen und europäischen Judentums in den vom Dritten Reich besetzten Gebieten kennen sie vom Unterricht her, vom Fernsehen, von zahlreichen Ausstellungen, von Büchern und von vielen Zeitungsartikeln. Ihre Kinder sind zwischen 25 und 40. Diese mittlerweile erwachsenen Kinder wurden zwanzig und vierzig Jahre nach dem Kriegsende geboren. Zweiter Weltkrieg, Kalter Krieg und Vietnamkrieg: Für die dritte Generation sind das bereits historische Begriffe. Sie sind in einer Republik aufgewachsen, in der Shoah und Holocaust nicht stattgefunden haben. Noch eine Generation später ist mancherorts in Deutschland allerdings eine Trendwende zu beobachten: Junge Menschen in Augsburg wollen wissen, was dem Apotheker passiert ist, der nach 1940 verschleppt wurde, oder jenem Rechtsanwalt, der irgendwann zwischen 1933 und 1939 aus Deutschland verschwunden ist. Geschichte beginnt zu interessieren. Sie erstellen kommentierte Ortspläne, denen zu entnehmen ist, wo einst ein Geschäft stand, das einem Juden gehörte, der vertrieben worden ist. Schulklassen am Gymnasium in Görlitz gehen während Monaten in den Archiven der Geschichte jüdischer Schülerinnen nach, die vor 1935 ihre Schule besuchten, von denen heute keine Spuren mehr zu finden sind. In kleineren Ortschaften unweit der Schweizer Grenze in Deutschland werden jüdische Friedhöfe, in denen seit Jahrzehnten kein Jude mehr begraben wurde, inventarisiert. Und der alljährlich stattfindende «Europäische Tag der jüdischen Kultur» findet im süddeutschen Raum ein reges Interesse: In so kleinen Ortschaften wie Buttenwiesen, Hainsfarth oder Ichenhausen finden Führungen statt, bei denen der jüdischen Präsenz vor der grossen Vernichtung nachgegangen wird.

Verschonte Schweiz

Und in der Schweiz? Ein Begriff wie «Aktivdienst», ein Satz wie «Das Boot ist voll», eine Persönlichkeit wie Hauptmann Paul Grüninger? Sind sie noch vertraut? Der Zweite Weltkrieg und das Los der Flüchtlinge, welche die Schweiz abgewiesen oder aufgenommen hat, sind in der umfangreichen Publikationsreihe der Bergier-Historikerkommission verpackt. Unter Druck aus den Vereinigten Staaten war jene Zeit Mitte der 90er Jahre nochmals in der öffentlichen Diskussion aufgeflackert, vorübergehend ein Medien- und Politikthema. Doch diese Zeit der Auseinandersetzung und der Debatten ist vorbei. Und wo gibt es im schweizerischen Alltag Hinweise auf jenen Krieg, auf jene Zeit der Wegweisungen, in der die Schweiz vom Kriegsgeschehen betroffen war? Keine Denkmäler wie an jedem Dorfplatz in Frankreich, wo die Namen der Gefallenen aufgelistet sind. Kein Stelenfeld wie in Berlin, kein grosses Monument für die Geächteten und Ermordeten wie mitten in Wien, keine Gedenktafel an einer Hauswand für einen hingerichteten Gegner des Faschismus, kein KZ-Tourismus wie in Mauthausen, Gross Rosen oder Auschwitz. Der Krieg hat in der Schweiz nicht stattgefunden. Auschwitz lag eben wirklich nicht in der Schweiz. Die Vernichtung des europäischen Judentums muss in der Schweiz kein Thema sein. Die Schweiz habe mit der schrecklichsten Manifestation des Judenhasses nichts zu tun, könnte man meinen.

Dennoch ist die Geschichte des europäischen Judentums auch ein Schweizer Thema. Forschungsarbeiten, Bücher und Filme über zahlreiche Menschen, die an der Schweizer Grenze abgewiesen und in den sicheren Tod zurückgeschickt wurden, zeigen es. Gleichzeitig weisen Erhebungen darauf hin, dass heute nicht wenige Schweizer die Juden nicht mögen. Sie mögen sie nicht, obschon es kaum Juden in diesem Land gibt. Sie mögen sie nicht, auch wenn sie keine Juden persönlich kennen. Sie unterschieben Juden Eigenschaften, die sie bei sich nicht mögen. Und sie überschätzen die Zahl und den Einfluss der Juden. Wenn in Lugano ein jüdisches Gotteshaus angezündet oder das Geschäft eines Juden zerstört wird, wenn im jüdischen Friedhof von Baden Gräber umgeworfen werden, dann gilt dies als eine Randerscheinung, sprechen die Medien beschwichtigend von einem Einzelphänomen. Auch dann wenn diese einzelnen Übergriffe gehäuft auftreten. Erst wenn die Erstaugustfeier auf dem Rütli von Hunderten von Neonazis, die mit nationalsozialistischen Symbolen und dem Hitlergruss gestört wird, kommt Besorgnis auf. Über Vorurteile gegen Juden spricht man nicht. Man hat sie, man äussert sie hinter vorgehaltener Hand. Selten ist in der Schweiz von jener Zeit die Rede, in der Juden in den Nachbarländern aufgegriffen, deportiert und ermordet wurden. Diejenigen, die sich erinnern können, Verfolgte, die sich in die Schweiz haben retten können, die Überlebenden der Konzentrationslager, sterben langsam aus. Heute kann kaum jemand mehr aus eigener Erfahrung von damals erzählen.

Die Kraft der Erinnerung

Geht uns die systematische Vernichtung eines Grossteils des jüdischen Volks in Europa heute noch etwas an? Die mit Akribie erfolgte Vernichtung von 6 Millionen Juden in Europa, die grösste systematische Vernichtung einer Menschengruppe in der Geschichte der Menschheit, kann kaum mehr nachvollzogen werden. Augenzeugenberichte, Erinnerungen an jene Jahre, die literarisch verarbeitet wurden, zeugen vom Unvorstellbaren. Primo Levi, ein italienischer Chemiker, der im KZ Auschwitz als Sklave eingesetzt wurde, hat in seinen Erinnerungen, die unter dem Titel «Ist das ein Mensch?» erschienen sind, Zeugnis von jener schrecklichen Zeit abgelegt. Anne Frank, das jüdische Mädchen aus Amsterdam, das in einem KZ ermordet (Anmerkung: soviel ich weiss, starb sie an Thyphus) wurde, hat in ihrem Tagebuch jene Welt geschildert, in welcher der Lebensraum einer Bevölkerungsgruppe immer enger wird, bis nur noch die Vernichtung auf sie wartet. Claudine Vegh hat in ihren Gesprächsprotokollen in ihrem Buch «Ich habe ihnen nicht auf Wiedersehen gesagt» aufgezeigt, wie tief die psychischen Wunden jener Kinder sind, deren Eltern deportiert wurden und die den Krieg überlebt haben. Der Holländer Jeroen Brouwers hat in seinem Buch «Versunkenes Rot» aufgezeigt, dass Aussonderung und Erniedrigung Jahrzehnte später bei Überlebenden, bei deren Kindern und Kindeskindern, psychische Folgen hinterlassen. Die Erinnerung daran hochhalten, dass Menschen des Menschen ärgster Feind werden können, ist wichtig. Die Schweiz ist zwar vor Verfolgungen verschont geblieben. In der Schweiz, dem mehrsprachigen Land, in dem die Konfessionsgrenzen nicht mit den Sprachgrenzen übereinstimmen, herrscht wohl eine Balance, die Vorkommnisse, wie es sie im ehemaligen Jugoslawien gab, nicht einmal denkbar machen. Und trotzdem kommt es immer wieder zu Übergriffen. Wohnstätten von Asylsuchenden werden angezündet, Menschen anderer Hautfarbe werden auf offener Strasse von Gruppen Jugendlicher gehetzt und tätlich angegriffen, politische Abstimmungspropaganda bedient sich in den letzten Jahren immer häufiger und immer ungehemmter übler Vorurteile. Ausländerhetze, Rassenhass und Diskriminierung Andersgläubiger haben in einem Land, in dem mehrere Kulturen gelebt werden, nichts zu suchen. Die Erinnerung an die Verfolgung von Juden, Jenischen und Homosexuellen in Europa muss wach gehalten werden, damit sie zu keinem Zeitpunkt eine Chance haben, salonfähig zu werden. Das Unvorstellbare hat nämlich nach dem Zweiten Weltkrieg seine Fortsetzungen erlebt. Kein Land, keine Bevölkerungsgruppe ist gefeit vor Hass.

In der Synagoge von La Chaux-de-Fonds sind in einer Glasvitrine verrostete Löffel und andere Gegenstände zu sehen, die Jugendliche aus dem Kanton Neuenburg bei einem Besuch eines ehemaligen Vernichtungslagers in Polen mitgebracht haben: In Chelmno, heisst es, kann man an gewissen Stellen mit blosser Hand die Erde umgraben und findet letzte Gegenstände jener Menschen, die nach einer langen Reise in Viehwaggons an einem Ort ausgestiegen sind, um dort systematisch getötet zu werden. Ihre wenigen Habseligkeiten haben sie liegenlassen müssen: Letzte Spuren ihres Lebens. Die Löffel sollen daran erinnern, dass es in der Geschichte der Menschheit immer wieder zur systematischen Verfolgung Anderer gekommen ist und kommen kann.

Sechzig Jahre nach Kriegsende sind der Überdruss und die Erinnerungsmüdigkeit sowie die Forderung, doch endlich die Shoah Shoah sein zu lassen, nicht angebracht. Aufgrund der Tatsache, dass sich die Schweiz in Europa nie unter Naziherrschaft befand, ist die Erinnerung in den Nachfolgegenerationen in diesem Land eine noch indirektere als anderswo. Erinnern in der dritten und vierten Generation? Erinnern an Dinge, an Ereignisse, die man selbst nie erlebt hat? Ist das möglich? Erinnern kann Bedingung für ein wacheres Bewusstsein sein. Kommende Generationen sollen Toleranz und Mitgefühl an den Tag legen, sollen eine bessere Welt aufbauen, sollen Verfolgungen nicht zulassen. Wer ein Plädoyer für das Erinnern sechzig Jahre nach Ende des Zweiten Krieges hält, will etwas bewirken. Der Gedenktag an die Shoah soll mit dem geschichtlichen Wissen in eine humane und tolerante Zukunft weisen.


Literaturhinweise

Brouwers, Jeroen: Versunkenes Rot. Nagel & Kimche 1984, Serie Piper, 1988, (Originaltitel: Bezonken rood, Amsterdam, 1981)

Levi, Primo: Ist das ein Mensch (Originaltitel: Se questo è un uomo),1947, Hanser, München 2002

Vegh, Claudine: Ich habe ihnen nicht auf Wiedersehen gesagt. Gespräche mit Kindern von Deportierten. Kiepenheuer & Witsch, 1981. (Originaltitel: Je ne lui ai pas dit au revoir. Des enfants de déportés parlent, 1979)
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