erschienen im vbz online magazin im august 2015


Der Gruss mit dem Daumenn

Von Michael Guggenheimer

Auswendiglernen war in der Schule nichts für mich. Ich hätte nie Schauspieler werden können. Eher zufällig habe ich aber entdeckt, dass ich die Namen der Haltestellen mehrerer Tramlinien in Zürich in der richtigen Reihenfolge von einer Endhaltestelle bis zur anderen vorwärts und rückwärts nennen kann. Zum Beispiel beim 3er Tram. Es ist mir schon mehrmals passiert, dass mich Touristen mit Koffer und Rucksack am Bahnhofplatz gefragt haben, wie weit es bis zum Hotel am Albisriederplatz oder am Hottingerplatz sei. Ich begann dann die Namen der Haltestellen leise aufzusagen und sie mit den Fingern der rechten Hand abzuzählen, Für den Albisriederplatz musste die linke auch noch zum Zug kommen.

Ich bin fest davon überzeugt, dass ich an jeder einzelnen Haltestelle der Tramlinie 3 schon ausgestiegen oder eingestiegen bin. Am Klusplatz bin ich in den Bus zu Heinz nach Witikon umgestiegen. Den Römerhof kenne ich vom Umsteigen auf die Dolderbahn. Lieber komme ich nämlich beim Hotel Dolder Grand zu Fuss an als mit einem Kleinwagen. Das ist stilvoller, behaupte ich. Am Hottingerplatz kaufe ich regelmässig Brot und Bücher. Muss ich für die Haltestelle Kunsthaus ein Aussteigeziel angeben? Ja genau: Das Schauspielhaus! Vom Neumarkt aus steche ich in die Altstadt. Am Central steige ich um, wenn ich den Berg hinauf zur Uniklinik auf Krankenbesuch gehe. Unterwegs mit der SBB nach St.Gallen? Gleis 9 oder 10: Aussteigen am Bahnhofplatz. Besorgungen an der Bahnhofstrasse? Haltestelle Löwenstrasse! Ein Theater- oder Restaurantbesuch in der Gessnerallee? Haltestelle Sihlpost. Am Stauffacher steige ich häufig um. Mensch, hat das lange gedauert, bis ich gemerkt habe, dass der 9er vom Bellevue her auf den 3er nach Albisrieden getaktet ist und der 2er vom Paradeplatz auf das 14er Tram! Am Bezirksgebäude steige ich mittags aus, um beim „Kleinen Libanesen“ einen Zwischenhalt zu machen. Ich kann wirklich zu jeder Haltestelle einen Grund angeben, weshalb ich dort ein- oder ausgestiegen bin. Weshalb ich die Haltestelle Fellenbergstrasse kenne, bleibt mein Geheimnis. Meine Frau sagt zwar, ich könne Geheimnisse nicht gut für mich bewahren. Aber diesmal bleibt’s dabei.

Manche Haltestellennamen habe ich für mich privat umbenannt. Meinen Freunden kann ich sagen, sie sollen an der Haltstelle Blochergut aussteigen. Oder ich sei gerade am Staubfacher. Wenn die Lautsprecheransage Sihlpost ertönt, dann höre ich immer „Viel Post“. Und wenn die Lautsprecherstimme die Haltestelle Krematorium Sihlfeld ankündigt, dann denke ich jedesmal an meine kanadische Bekannte Muriel, die eine günstige Dreizimmer-Wohnung nebenan an der Brahmsstrasse hätte haben können und sie dann doch nicht nahm, weil die nicht für den Rest ihres Lebens an einer Haltestelle mit dem Namen Krematorium aussteigen wollte. Man könnte die Haltestelle ja in Brahmsstrasse umbenennen, denke ich, wo das Krematorium doch vor Jahrzehnten schon stillgelegt wurde. Die Männer vom Club Deportivo Espanol nebenan, die auf dem Balkon am Wochenende abends stehen und bei einem Bier über die Resultate der spanischen Fussballmeisterschaften diskutieren, sehen es anders: Man solle doch die Haltestelle nach ihrem Lieblingsklub in Barça umbenennen. Mir ist der Satz eines Spaniers haften geblieben: „Por qué los suizos tienen que ser siempre tan terriblemente puntuales?“, „Warum sind die Schweizer so unmöglich pünktlich?“ sagte er und schaute auf seine Uhr als der 3er vorbeifuhr. Sofort entspann sich auf dem Balkon ein Gespräch über die Zürcher Tramchauffeure, bei dem festgestellt wurde, dass sie so höflich seien, sie grüssten nämlich jeden Chauffeur eines entgegenfahrenden Trams mit  der rechten Hand, manchmal ganz diskret, wenn sie bloss den Zeigefinger zum Kollegengruss erheben. So etwas würde einem Tramfahrer in Barcelona wohl zu anstrengend sein, meinte ein Anhänger des Klubs.
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