Erschienen in Gian Haene – WIE WU WIE, hg. von Luciano Fasciati,
edescha art verlag, chur, Oktober 2012


Gian Häne – Naturbilder im Industrieviertel
Schwarz ist seine Farbe, schroff sind seine Berge, hart ist sein Material
Von Michael Guggenheimer

Die Gegensätze könnten nicht krasser sein. Wenn Gian Häne zu den Fenstern seines Ateliers in Emmenbrücke hinausschaut, dann sieht er graue Industriebauten. Monosuisse-Areal heisst das Gelände, in dem er an seinen Bildobjekten arbeitet. Ein Industrieareal grösser als die Luzerner Altstadt, ein Gelände, aus dem sich die Herstellerin von Industriegarn nach und nach zurückzieht, ist die seine Wirkstätte. Architekturstudios, Planerbüros, grafische Ateliers, einzelne Abteilungen der Luzerner Hochschule der Künste sowie Künstler ziehen hier in frei gewordene Räume ein. Die renommierte Architektengemeinschaft EM2N hat für das weite Gelände ein Konzept entwickelt, das Industrie, Gewerbe, Büros, Wohnungen, Bildung und Kultur sowie Natur zu neuen Nachbarschaften verhelfen wird. In Gian Hänes Einraum-Atelier ist jene Natur eingezogen, die im Schatten der hohen Bauten des Betriebsgeländes nicht vorkommt: Kantige Berggipfel, steile Berghänge, tosende Wasserfälle, waldige Bergtäler, weite Landschaften, baumbestandene Flussufer, Wiesenblumen, Astwerk und Baumlandschaften lehnen an den Wänden des Ateliers. Die Höhen des Bündnerlandes, aus dem er stammt, das Massiv der Churfirsten, in dessen Schatten er gewohnt hat, stehen hier. Naturbilder in Pressholz geschnitzt. Der erste Eindruck erinnert an eine Druckwerkstatt, in der Holzschnitte entstehen. Nur fehlt der Druckstock, auch wenn Farbtuben in Schachteln und Druckroller auf dem Boden liegen. Und obschon die Farbe Schwarz in seinen Werken dominiert, wirken Hänes Berglandschaften niemals depressiv, höchstens schwer.

Häne wohnt in einem Jahrhundertwende Quartier in Luzern. Auf der täglichen Busfahrt von seiner Wohnung nahe beim Bahnhof zum Arbeitsort im Entwicklungsgebiet Monosuisse kann er bei schönem Wetter die Berge der Innerschweiz kurz erblicken, den kantig schroffen Pilatus, den steil in den Vierwaldstättersee abfallenden Bürgenstock, die wie eine Rampe in die Landschaft aufragende Rigi, den Gutsch mit seinem Hotelschlösschen und das reissende Wasser der Reuss. Es sind Anhöhen in seiner Nähe, die in seiner Bergebilderwelt nicht vorkommen. Vielleicht weil sie zu nahe sind, erst die geografische und zeitliche Distanz die Möglichkeit zur Auseinandersetzung mit der Nähe bietet. Die Buslinie nach Emmenbrücke führt nicht zu einem Stadtteil, in dem Villenbesitzer leben. Ganz im Gegenteil. Fremde Sprachen sind im Bus zu hören. Zugezogene Menschen, denen man ansieht, dass sie von weither stammen, fahren hier mit, sie arbeiten und wohnen in Emmenbrücke, der zweitgrössten Gemeinde der Zentralschweiz. Gian Häne vereint jene Gegensätze in sich, in denen er lebt und arbeitet. Der Mann mit der sanften Stimme, dessen Aussprache trotz der Verbundenheit zu Davos den Bündner Einschlag nicht mehr anhört, dem man in der kalten Jahreszeit nicht ansieht, dass er an Waden, Rücken und Brust kunstvoll, dicht und farbig tätowiert ist, hat im fernen Westen Kanadas Autos und schwere Motorräder mit der Spritzpistole bemalt. Die Airbrush-Maltechnik von damals mag den tätowierten Naturbildern ähneln, die an seinen Beinen in leuchtenden Farben rangen. Die Schweiz ist seine Bilderheimat, der Ferne gilt seine Reisesehnsucht. Er hat in Paris und in Canberra in Australien in einem Atelier gearbeitet. Arbeiten aus jener Zeit tragen auch Farben, die seit geraumer Zeit in seinem Werk nicht mehr vorkommen. Reisen durch Australien während einer Zeit als Kunststipendiat galten dem Erkunden der Landschaften. Landschaften sind sein Thema geblieben. Es zieht ihn regelmässig nach Japan. Auch hier sind es die Berge, die ihn faszinieren, aber auch Kunst und Architektur des Inselreichs. Ferne und Nähe, Berge und Stadtlandschaften berühren sich in Hänes Biografie. Die Weite, das Meer und die schroffe Berglandschaft Kanadas haben ihn ebenso zu berühren vermocht wie die Berge in Japan. Berge waren es, die er während seinen Davoser Kindheits- und Jugendjahren von den Fenstern des elterlichen Hauses gesehen hat. Im Atelier im dicht bebauten und so urbanen Industrieareal schnitzt er auf mitteldicken Faserplatten keine Stadtlandschaften, sondern Berglandschaften, keine Phantasieberge sind da zu sehen, es sind vielmehr Berggipfel, die er kennt, die er vielfach gesehen, fotografiert und skizziert hat, man erkennt sie wieder, auch wenn sie nicht präzis der Natur nachgebildet sind.

Gian Hänes Bündner Bergwelt entsteht in Luzern nochmals, sie lässt ihn nicht los, sie bewegt und umgibt ihn, auch wenn er die hälfte seines Lebens mittlerweile nicht mehr im Bündnerland verbracht hat. Clavadel, Dischma, Parsenn, Stafelalp und Keschgletscher – die Titel seiner Arbeiten verweisen auf seine Verbundenheit mit der Landschaft seiner Heimat. «Körpergefühl» ist ein Wort, das er gerne benutzt. Und wirklich: Schaut man ihm zu, wie er sich bewegt, wie er übers Areal der Monosuisse gemessenen Schrittes zu seinem Atelier geht, dann versteht man angesichts seiner bedächtigen Bewegungen diesen Ausdruck eines körperbewussten Menschen, der ihn beim Schnitzen, beim Freilegen der Landschaften auf den schweren Holzfaserplatten mit den Holzschnitzbeiteln begleiten muss. „Körpergefühl“ ist spürbar auch bei der Arbeit am Holz, bei der er die Bewegung in der Natur nochmals spüren kann. Der Mann, der auf Wunsch seiner Eltern zunächst einen Brotberuf erlernen musste, bevor ihm der Weg in die ersehnte Kunstausbildung erlaubt wurde, hat ursprünglich den Beruf des Autolackierers erlernt. Kein Traumberuf zwar. Aber eine Lehre war das, die ihm im Gegensatz zu einer Ausbildung im Bürobereich die Möglichkeit geben konnte, sich mit Farben zu beschäftigen. Die Farben, die er an Kotflügeln, Autotüren und ganzen Karosserien gespritzt hat, sind in seinen Werken nicht mehr zu sehen. Schwarz ist seine Farbe. Schwere schwarze Platten sind es, die er mit Holzschnitzmessern unterschiedlicher Breite bearbeitet. Der Boden in seinem Atelier ist bedeckt von länglichen, sich kringelnden schwarzen Spänen. Selten ist eine Platte rot- oder blaugefärbt. Häne zeichnet zunächst mit Tusche jene Landschaft auf eine Faserplatte, dann beginnt die Arbeit mit den Schnitzwerkzeugen, zum Schluss zieht er jene Stellen nach, die nach dem Schnitzen höher liegen mit schwarzer Farbe.

Dass der Mann, in dessen Atelier Bündner Berge dominieren, in Luzern lebt, hängt mit dem Studienort zusammen. Zwar hatte er nach der Berufslehre die Aufnahmeprüfungen der Schulen für Gestaltung in Zürich und in Luzern bestanden. Doch die Ateliers an der Luzerner Ausbildungsstätten sowie die dort arbeitenden Künstler gefielen ihm besser. So ist er hier hängengeblieben, auch weil befreundete Künstler mit ihm die Weiterbildung auf Masterstufe an der Hochschule der Künste im Bereich «Kunst im öffentlichen Raum» belegt haben. Kunst im öffentlichen Raum bewegt ihn derzeit im Rahmen eines grossen Auftrags: Am neu zu gestaltendem Luzerner Schwanenplatz soll er 33 Bodenreliefs in Bronze, Glas, rostfreiem Stahl und in verschiedenen Steinsorten gestalten, was eine Herausforderung für den Künstler bedeutet, der sich bis anhin mehrheitlich mit Holzfaserwerkstoff auseinandergesetzt hat. Für das neue Hiltonhotel in Davos entsteht eine Berglandschaft im Eingangsbereich. Häne bleibt der Bergwelt ebenso treu wie dem gepressten Holzmaterial auch wenn sein Weg zwischendurch zu neuen Materialien und zur Auseinandersetzung mit Icons führt.
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