Kulturmagazin «Saiten», Doppelnummer Juli/August 2006


Hirschfeld, Strauss, Malinsky

Im Juni ist Sabine Schreibers Dissertation zum jüdischen Leben in St.Gallen von 1803 bis 1933 erschienen. Die St.Galler Historikerin gibt darin Einblick in ein bisher unbekanntes Stück Stadtgeschichte und weckt damit nicht nur das Interesse der Wissenschaft. Ein Spaziergang entlang der Stationen ihrer Arbeit.

«Flora schöne Nachbarin» heisst ein Gedicht von Ivo Ledergerber. Ledergerber beschreibt darin den alten jüdischen Friedhof an der Hagenbuchstrasse in St.Gallen, den er vom Fenster seines Arbeitszimmers aus sieht. «Hirschfeld, Strauss, Malinsky» lautet der Titel eines umfangreichen Buchs von Sabine Schreiber, das vor kurzem beim Zürcher Verlag Chronos erschienen ist. Schreiber schildert darin das jüdische Leben in St.Gallen in der Zeit von 1803 bis 1933. Wenige Stunden vor der Buchvernissage von «Hirschfeld, Strauss, Malinsky» besucht die Historikerin Sabine Schreiber den Lyriker Ivo Ledergerber in seinem «Gedichteladen» am Gallusplatz in St.Gallen. Ledergerber, der abends an die Vernissage gehen wird, liest ihr sein Gedicht vor, das sie zwar gekannt, aber nie in seiner ganzen Länge gehört hatte.

Dabei gibt es kaum mehr ein Detail der jüdischen Geschichte St.Gallens, das Sabine Schreiber nicht kennt. Ledergerbers Gedicht handelt vom Grab der im Jahr 1885 im Alter von 27 Jahren verstorbenen Flora Schönfeld-Loeb. Und Sabine Schreiber, die die Geschichte des alten Friedhofs so gut kennt wie sonst niemand, weiss sofort Bescheid, wo Floras Grab steht und wer Flora war. Als Ledergerber jene Stelle vorliest, in der es heisst, dass die Quartierbewohner vor über hundert Jahren eine Schliessung des Friedhofs verlangt hätten, weiss er nicht, dass Sabine Schreiber jenen Widerstand von 1875 in ihrem Buch genau beschreibt: Ein auswärtiges wissenschaftliches Gutachten musste damals nachweisen, dass den Bewohnern im Umfeld des Friedhofs kein Schaden durch die Nähe der Gräber erwachse. Nachdem im Friedhof fast ein Jahr lang keine Bestattungen vorgenommen werden konnten, durften die Juden St.Gallens wieder ihre Toten im Friedhof begraben.

Schlüssel zum Archiv

Die Geschichte der Familien Hirschfeld, Strauss und Malinsky beschreibt die Historikerin in ihrem Buch ebenso wie diejenige anderer Juden, die von auswärts nach St.Gallen gekommen sind. Jüdinnen und Juden in St.Gallen haben in der einst für St.Gallen prägenden Textilbranche zahlreiche Betriebe gegründet und im Textilhandel eine wichtige Rolle gespielt. Sieben Jahre lang hat sich Sabine Schreiber intensiv mit der Geschichte der Juden St.Gallens beschäftigt. Und sie zeigt, dass es in St. Gallen ebenso arme und begüterte jüdische Familien gegeben hat, orthodoxe und liberale. Zunächst war es eine Lizentiatsarbeit, welche sie zu einer 400 Buchseiten starken Dissertation entwickelt hat. Der Vorstand der Jüdischen Gemeinde St. Gallen liess sich von der Qualität ihrer ersten Arbeit überzeugen. So erhielt Sabine Schreiber einen Schlüssel zu den Gemeinderäumen neben Synagoge, wo sie ein- und ausgehen konnte, um ihre Forschungsarbeit im Archiv der Gemeinde vorzunehmen.

Der St.Galler Rabbiner Hermann Schmelzer ist des Lobes voll für Schreibers «Hirschfeld, Strauss, Malinsky». So sehr, dass er am Samstag, vier Tage vor der Buchvernissage, in seiner Predigt in der Synagoge an der Frongartenstrasse die Gemeindemitglieder dazu auffordert, das Buch zu kaufen und zu lesen: «Das Buch zeigt, wie die Juden in St.Gallen lebten, es entreisst ein Stück Geschichte aus der Vergessenheit», sagt der Rabbiner einer Gemeinde, die heute bloss noch 82 Mitglieder zählt. Sabine Schreiber beschreibt das Leben einer Minderheit, die in ihrer Blütezeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts rund tausend Menschen zählte, die sich samstags jeweils in mehreren Betlokalen zum Gottesdienst einfanden. Heute fällt es Rabbiner Schmelzer nicht leicht, an einem Samstag jene zehn Männer zu finden, die für das Abhalten eines jüdischen Gottesdiensts erforderlich sind.

Auf Umwegen

Zum Thema ihrer Forschungsarbeit ist Sabine Schreiber auf Umwegen gekommen. Eliane und Teddy Kaufmann waren die ersten Juden, die sie als Gymnasiastin im Alter von sechzehn Jahren in Frauenfeld kennen gelernt hat. «Kaufmanns waren nicht anders als die anderen in Frauenfeld», erinnert sie sich. Nach der Matur hat Sabine Schreiber an der Hochschule St.Gallen zunächst die Ausbildung zur Bibliothekarin absolviert. 1985 arbeitete sie in der mittlerweile abgerissenen alternativen Kulturbeiz «Bündnerhof» gegenüber der St.Galler Synagoge, ohne zu wissen, dass sie eines Tages die Geschichte dieses markanten Baus genauestens studieren würde.

Vor der Synagoge, die heute im neuen St.Gallen Bankenquartier als architekturhistorisches Solitär eingepfercht zwischen modernen Bauten liegt, erzählt Rabbiner Hermann Schmelzer, dass bei der Planung des Finanzquartiers auch ein Abbruch des in neo-maurischen Stils erbauten Gotteshauses erwogen worden sein. Der Rabbiner öffnet zwei Schränke in einem Gang im Gebäude der Jüdischen Gemeinde: Aktenordner, dicke Umschläge, lose Papiere, Sichtmappen lagern hier. Als Sabine Schreiber zu Beginn ihrer Forschungsarbeit diese Schränke erstmals geöffnet hatte, lagen die Gründungsdokumente der Jüdischen Gemeinde, Gemeindeprotokolle und Korrespondenz ungeordnet und ungeschützt in den Schränken. Sie sei damals sehr betroffen gewesen: «Die Gemeinde schien sich nicht für ihre Geschichte zu interessieren», erinnert sie sich. Sabine Schreiber hat die Dokumente gesichtet, geordnet, in säurefreien Korrespondenzschachteln gelegt. Sie hat sie analysiert und in ihrem Buch zu einer Geschichte der jüdischen Bevölkerung St.Gallens verarbeitet.

Marcel Meyer, Stadtarchivar in St.Gallen, der an der Buchvernissage einleitende Worte spricht, weiss um die enorme Arbeit, die hinter «Hirschfeld, Strauss, Malinsky» steckt. «Um einen Ausgangspunkt für ihre Arbeit zu erhalten, hat Sabine Schreiber im Stadtarchiv die Niederlassungsregister der Stadt durchgearbeitet: Das ist eine enorme Kärrnerarbeit, wenn man bedenkt, dass es sich dabei um 116 Bände handelt, die je 9 Kilogramm schwer sind. Sabine Schreiber hat minutiös die jüdische Bevölkerung der Stadt für den Zeitraum ihrer Forschungsarbeit aufgenommen».

Einsatz für Minderheiten

Heute leitet Sabine Schreiber die Bibliothek der Hochschule Liechtenstein in Vaduz. Dass sie eines Tages Expertin der jüdischen Geschichte St.Gallens werden könnte, erstaunt nicht, wenn man ihr zuhört: Sie gehörte zu den Begründerinnen der Frauenbibliothek Wyborada in St.Gallen. Als Mitglied der seinerzeitigen Palästinagruppe St.Gallen besuchte sie 1991 Israel und die besetzten Gebiete. Was die Ausgrenzung von Menschen bewirkt, interessiert sie schon seit langem. Ebenso das Thema Minderheiten und der Umgang mit ihnen. Als sie 1996 nach einer längeren Berufsphase im Buchhandel das Studium wieder aufnahm, beschäftigte gerade die Golddebatte die Schweizer Öffentlichkeit. «Ich wollte mich in meiner Lizentiatsarbeit mit der Stadt, in der ich lebe, auseinandersetzen, ich wollte vor Ort arbeiten. Zudem wollte ich ein Thema genauer anschauen, ohne eine rein theoretische Arbeit zu schreiben. Mit dem Thema der jüdischen Geschichte St.Gallens hatte ich eine übersichtliche Menschengruppe gefunden, die sich arbeitsmässig gut eingrenzen liess und von der in der Stadt auch sichtbare Spuren vorhanden sind».

Über fünf Artikel, die im St.Galler Tagblatt erschienen sind, sind Pia Graf und Gabrielle Rosenstein vom Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund (SIG) auf Sabine Schreibers Forschungsarbeit aufmerksam geworden. Der SIG hat die Publikation von Sabine Schreibers Dissertation beim Chronos Verlag im Rahmen einer Schriftenreihe, in welcher der Geschichte der Juden in der Schweiz wissenschaftlich nachgegangen wird, ermöglicht. Dass Schreibers «Hirschfeld, Strauss, Malinsky» ein wissenschaftlich minutiös erarbeitetes Buch ist, versichert auch Jacques Picard, Professor an der Universität Basel und dort Leiter des Instituts für Jüdische Studien, in seinem Vorwort zum Buch. Dass sich Schreibers Buch aber auch dann leicht liest, wenn man nicht Historikerin oder Historiker ist, zeigten die Reaktionen der wohl 150 Zuhörenden an der Buchvernissage in St.Gallen. Wenn Sabine Schreiber von der Liebe des Synagogenchors zu Opern- und Operettenliedern schreibt, wenn sie die Tätigkeit des jüdischen Architekten Moritz Hauser und die Baugeschichte der von ihm geplanten beiden St.Galler Kinos Palace und Tiffany schildert oder wenn sie vom Verkauf der ostjüdischen Synagoge an der Kapellenstrasse und vom Verlust des Archivs dieser Gemeinde erzählt, dann liest sich ihr Buch ebenso spannend wie in jenen Teilen, in denen es um Zuwanderung von Juden aus dem Vorarlberger Hohenems, aus Süddeutschland, Polen, Russland und den USA handelt. Und dass ihr Buch trotz der detaillierten Schilderung der Geschichte und der Organisation sowie der sozialen und ökonomischen Struktur der jüdischen Gemeinschaft auch den Alltag der Juden jener Zeit beschreibt, hat mit ihrer Beschreibung der jüdischen Familien Reichenbach, Hirschfeld, Iklé, Teitler, Hauser und Malinsky zu tun. Allesamt spannende Geschichten.

Arbeit ohne Ende

Ob mit «Hirschfeld, Strauss, Malinsky» alle Arbeit an der jüdischen Geschichte St.Gallens ausgereizt ist? Nein, meint die Spezialistin. Es lägen noch genügend Akten in den Archivschränken für weitere Arbeiten und thematische Vertiefungen. Einzel- und Sammelbiografien wären sehr reizvoll oder die Rekonstruktion von Unternehmensgeschichten. Spannend müsse auch die Geschichte der Zionistischen Bewegung in St.Gallen sein.


«Hirschfeld, Strauss, Malinsky. Jüdisches Leben in St.Gallen» von Sabine Schreiber ist im Chronos Verlag, Zürich, erschienen.
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