Erschienen in «Hochachtend heiter» – Jost Hochuli zum 75. Geburtstag
Verlagsgemeinschaft St.Gallen / VGS, Juni 2008


Sie werden gern geklaut
Jost Hochuli, Gestalter einer Publikationsreihe mit 400 000 Exemplaren

«Die Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia gibt im Rahmen ihrer Informationstätigkeit für das Ausland eine Broschürenreihe heraus, die in knapper Form Grundlageninformationen über das soziale, politische und kulturelle Leben in der Schweiz vermittelt». Dieser Satz steht zu Beginn jedes der 70 Titel der Bücher der Reihe «Information», in denen Pro Helvetia während vielen Jahren über Aspekte des Lebens in der Schweiz orientiert hat. 46 Seiten umfasst die dünnste dieser Publikationen, 220 Seiten die umfangreichste. Gestaltet hat sie Jost Hochuli.

«Wenn wir nach der Frankfurter Buchmesse oder nach dem Salon du livre et de la presse in Genf unseren Bücherstand wieder zusammenräumten, stellten wir immer dasselbe fest: Wieder waren Bücher, die Jost Hochuli gestaltet hat, gezielt geklaut worden. Und keine Publikation so häufig wie das von ihm verfasste und gestaltete Band 'Buchgestaltung in der Schweiz'. Die von Hochuli gestalteten Bücher waren stets so begehrt», sagt, Andreas Langenbacher, langjähriger Lektor und Redaktor bei der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia in Zürich. Fast zwanzig Jahre dauerte die Zusammenarbeit von Buchgestalter Jost Hochuli mit Pro Helvetia. Der St.Galler Kantonsbibliothekar Peter Wegelin, in den späten 1980er Jahren Mitglied des Stiftungsrates von Pro Helvetia, war es, der Jost Hochuli bei der Kulturstiftung einführte. Siebzig einzelne Buchtitel mit einer Gesamtauflage von gegen 400 000 Exemplaren hat Jost Hochuli in den Jahren bis 2005 im Auftrag von Pro Helvetia gestaltet. Die gefragteste und dünnste Publikation war «Dialect and High German in German-Speaking Switzerland» verfasst von Beat Siebenhaar und Alfred Wyler, für die sich insbesondere Engländer und Amerikaner interessierten. Die umfangreichste und am aufwendigsten produzierte Publikation war «Designland Schweiz – Gebrauchskultur im 20. Jahrhundert» von Lotte Schilder Bär und Norbert Wild.

Die Publikationsreihe der Stiftung, mit der in acht Sprachen über die Kulturlandschaft der Schweiz informiert wurde, bedurfte 1987 eines neuen grafischen Auftritts. So umfassen gewissermassen die von Jost Hochuli für Pro Helvetia gestalteten Publikationen zwei Generationen: Die Buchumschläge der ersten Generation waren in eigelber Farbe gehalten, was europäische Buchgestalter seinerzeit als vornehm-zurückhaltend und sehr schick empfanden, so schön, dass die Broschüre «Buchgestaltung in der Schweiz» im Rahmen des Gestaltungswettbewerbs «Schönste Bücher der Schweiz» eine Auszeichnung erhielt. Als jedoch aus Ländern in Asien, Afrika und Lateinamerika vermehrt Reaktionen kamen, die Pro Helvetia Publikationen sähen leicht vergilbt aus, arbeitete Hochuli im Auftrag von Pro Helvetia Mitte der 90er Jahre neue Einbände aus, die mit einer farbigen Umrandung peppiger daherkamen. Die Neugestaltung der Pro-Helvetia-Bücher honorierte die Jury des Wettbewerbs «Schönste Schweizer Bücher» wieder mit einer Auszeichnung. «Jost Hochuli gehört zu jenen wenigen Buchgestaltern, die jedes von ihnen gestaltete Buch Seite für Seite auch lesen, ganz genau wissen, wovon das von ihnen bearbeitete Buch handelt. Manchmal kam es vor, dass Jost Hochuli beim Lesen einer unserer Publikationen auf Sachfehler stiess, die weder der betreffende Buchautor noch das Lektorat bemerkt hatten», erinnert sich Andreas Langenbacher. Er und Marielle Larré, damals Produktionsleiterin bei Pro Helvetia, erinnern sich, wie jeweils an der Frankfurter Buchmesse renommierte und junge Buchgestalter am Stand von Pro Helvetia vorbeischauten, um sich die von Jost Hochuli gestaltete Buchreihe genau anzusehen. Weil das Interesse so gross war, wurde der Stand der Schweizer Kulturstiftung jeweils grosszügig mit Publikationen ausgestattet, um den zahlreichen Fachinteressenten aus den Kunstakademien Publikationen unentgeltlich abzugeben. Dennoch kam es jedes Jahr zu Diebstählen, so sehr begehrt waren die Publikationen des in Deutschland bekannten Buchgestalters aus St.Gallen.

Die Erstauflagen der neuen Titel der Buchreihe «Information» von Pro Helvetia betrugen jeweils je nach behandeltem Thema 2000 bis 5000 Exemplare, erschienen sind sie in Deutsch, Französisch, Englisch, Italienisch Spanisch, Polnisch, Arabisch und Chinesisch, wobei die Gestaltung der Broschüren in den aussereuropäischen Sprachen jeweils in den betreffenden Ländern erfolgte und die dortigen Gestalter sich in etwas freier Manier an Hochulis Gestaltung anlehnten. Nicht wenige der von Pro Helvetia edierten Publikationen, die Jost Hochuli gestalterisch betreut hat, sind an Gymnasien in der Deutschschweiz und in der Westschweiz als Lehrmittel eingesetzt worden. So etwa die Publikationen «Schweizer Geschichte» von Dieter Fahrni, «Philosophie in der Schweiz» von Christoph Dejung oder «Die Schweiz im Zweiten Weltkrieg» von Georg Kreis. An ausländischen Universitäten sehr gefragt, war der Buchtitel «Die vier Literaturen der Schweiz», herausgegeben von sechs Literaturexperten aus den vier Sprachregionen der Schweiz. Und mehrere Generationen von angehenden Schweizer Diplomaten haben sich auf die Aufnahmeprüfungen des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten (EDA) in den Kulturfächern mit Hilfe der Pro-Helvetia- Kulturpublikationen vorbereitet!

Merkmal der Buchreihe von Pro Helvetia war das Bestreben, in jeder Publikation das Kulturschaffen in der entsprechenden Sparte in allen vier Sprachregionen der Schweiz zu beleuchten. Darin unterschied sich die Publikationsreihe von Pro Helvetia stark von anderen Büchern, denn Deutschschweizer Verlage pflegen ebenso wie Verlage der französischsprachigen Schweiz auf kulturelle Gegebenheiten ihres eigenen Landesteils aufmerksam zu machen, die italienischsprachige Schweiz riskiert dabei stets vergessen zu gehen, die rätoromanische Schweiz nicht minder. Im Jahr 2005 wurde die Produktion der Pro Helvetia Bücher eingestellt. Nicht etwa weil man mit Jost Hochulis Gestaltung nicht mehr zufrieden gewesen wäre. Hinter der Einstellung der Bücherreihe, die in der Schweiz im Buchhandel und im Ausland bei den diplomatischen Vertretungen der Schweiz erhältlich war, stand eine Richtungsänderung: Pro Helvetia verlagerte ihre Tätigkeit weg von der gedruckten Information zur Veranstaltung von Kulturevents und zur Information im Internet, wobei aber die Basis-Informationstätigkeit über die kulturellen Aktivitäten und Eigenheiten des Landes auf der Strecke blieben. Noch sind einzelne Bücher aus dem langjährigen Informationsprogramm von Pro Helvetia im Buchhandel erhältlich, die Reihe aber findet keine Fortsetzung. Jost Hochuli wurde als Vertreter einer hochstehenden Schweizer Design-Tradition für die Gestaltung der Buchpublikationen ausgewählt. Damals war Pro Helvetia der Meinung, dass Bücher nicht nur über die Kultur der Schweiz berichten, sondern in ihrem Auftritt auch selbst diese Kultur verkörpern sollten. Dass die Wahl auf Jost Hochuli fiel, war nicht zufällig: Sie war eine Hommage an seine Kunst.


Michael Guggenheimer gehörte zu den Gründern der Verlagsgemeinschaft St.Gallen (VGS), er war von 1989 bis 2003 Leiter der Abteilung Kommunikation der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia. Er lebt als Autor und Publizist in Zürich.
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