Education Permanente, März 2000


Das Reisen als Form des informellen Lernens
Lernen auf Spaziergängen, in Archiven und in Gesprächen

Görlitz: die östlichste Stadt Deutschlands. Michael Guggenheimer hat sie oft besucht und dabei entdeckt, wie seine persönliche Geschichte sich mit der Stadtgeschichte vermischt. Sein Beitrag gibt Einblick in eine Kunst der Spurensuche, die Neugier und wache Sinne verlangt.

Mein Lernort heisst Görlitz. Eine in der Schweiz kaum bekannte Stadt. 70 000 Einwohner, östlichste Stadt Deutschlands, an der Lausitzer Neisse gelegen, eine geteilte Stadt, Zgorzelec heisst der polnisch gewordene Teil, ein Eisenbahnviadukt und eine Strassenbrücke verbinden beide Teile der Stadt und beide Länder. Früher gab es hier noch weitere Brücken, sie wurden aber in den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges gesprengt, die Fussgängerbrücke über den Fluss, seit langem geplant, ist aber immer noch nicht wieder gebaut, noch ist trotz allen Freundschaftsbekundungen der beiden Bürgermeister die gegenseitige Angst zu gross, soll die Nähe nicht allzu nah ausfallen.

Ich habe in Görlitz noch nie Kurse besucht. Und doch lerne ich hier. Lerne meine Art des Umgangs mit fremden Städten kennen. Lerne auch, wie meine persönliche Geschichte und Stadtgeschichte sich miteinander verbinden. Neugierde gehört dazu, lange Märsche durch die Stadt und ihre Quartiere. Und zahlreiche Gespräche. Görlitz ist für mich Reiseziel und Recherchenort zugleich. Im Jahr 1991 habe ich die Stadt zum ersten Mal besucht. Seither war ich achtmal dort, manchmal länger als zwei Wochen, ein anderes Mal bloss während vier Tagen. Ich kenne die Stadt mittlerweile so gut, dass ich hier problemlos Stadtführungen leiten und Einheimischen und Fremden mein Görlitz zeigen könnte, ein anderes Görlitz vielleicht, als es die Bewohner der Stadt erleben. In Görlitz ist meine Mutter aufgewachsen. Als 13-Jährige hat sie die Stadt für immer verlassen müssen. Sechzig Jahre später ist sie erstmals wieder zurückgekommen, für wenige Stunden nur. Ich war dabei, als sie die Stadt, aus der sie vertrieben wurde, wieder besuchte. Und seither lässt mich die Stadt nicht mehr los.

Vor dem Zweiten Weltkrieg zählte Görlitz rund 100 000 Bewohnerinnen und Bewohner. Damals gehörte sie mit Wiesbaden zu den wohlhabendsten Städten des Deutschen Reichs. Die Altstadt weist einen grossen Bestand von Bauten aus der Renaissance und Gotik auf. Keine andere Stadt Deutschlands ist überdies so reich an Gebäuden aus der Zeit der Jahrhundertwende. Meissen, Stralsund und Görlitz werden stets in einem Atemzug genannt. Ich kenne mittlerweile alle drei. Drei sehenswerte Orte. Meissen und Görlitz sind eine Reise wert. Die Stadt an der Neisse wurde im Krieg verschont, hier wurde nicht gekämpft, hier fielen keine Bomben, keine Verwüstungen hier ausser der Sprengung der Neissebrücken. Erst während der DDR-Zeit verkam der Stadtkern, weil mit dem Bau der neuen Plattensiedlungen am Stadtrand immer mehr Menschen die Innenstadt verliessen, um in die moderneren Wohnungen der «Platte» zu ziehen, wobei als Folge davon die Wohnungen im Zentrum nicht mehr renoviert wurden. Nach der Wiedervereinigung hat westliches Kapital die Stadt entdeckt, Wohnbauten werden renoviert, die Stadt, die lange verwahrlost wirkte, ist eine Baustelle, noch stehen aber Hunderte von sanierten Wohnungen leer, weil im äussersten Osten der Republik attraktive Arbeitsplätze fehlen.

Ich lerne Görlitz. Ich lese die Stadt. Ich lerne die Stadt auf ausgedehnten Spaziergängen und in Gesprächen kennen. Wiederholungen gehören unbedingt dazu. Und ich erfahre die Stadt in Begegnungen. Ich komme ihr immer näher. Nach der Ankunft zunächst der immer selbe Spaziergang, vom Bahnhof der vornehmen Einkaufsstrasse aus der Jahrhundertwende entlang in die historische Altstadt bis zur spätgotischen Kirche. Diese Strasse, die heute wieder Berlinerstrasse heisst, hat auch schon Adolf-Hitler-Strasse und Karl-Marx-Strasse geheissen. Geschichte und Ideologien lassen sich in alten Stadtplänen lesen. Wir kommen uns wieder näher, die Stadt hat mich wieder, und ich schliesse sie wieder ins Herz. Unterwegs kurz ein Blick in die Strassburger Passage, aus der Jahrhundertwende, deren Besitzer in den Dreissigerjahren auf Inseratweg mitteilte, er sei kein Jude, weil er die Kunden nicht verlieren wollte. Weshalb ich das weiss? Ich habe alle Bücher, die in den vergangenen Jahren über Görlitz veröffentlicht wurden, gelesen. Ich habe viele Stunden im Ratsarchiv, in der Volksbibliothek und in der Bibliothek der Oberlausitzischen Wissenschaftlichen Gesellschaft verbracht. In dicken Zeitungsbänden bin ich der Geschichte der Stadt in den letzten 60 Jahren nachgegangen. Mein Stadtlernen hat kursfrei stattgefunden. Ich gehe durch die Passage bis zum Wilhelmsplatz, wo die während langer Zeit grauen Fassaden wieder in Farben erstrahlen. Es riecht in dieser Stadt immer noch nach Kohlenheizungen, die Autoreifen sind deutlich zu hören auf dem Kopfsteinpflaster. Zwar könnten die meisten Autos auch bei uns vorfahren, immer wieder sind aber alte Trabis und Wartburgs zu sehen. Auch verblasste Aufschriften längst nicht mehr vorhandener Firmen, Produkte und Kombinate weisen auf den Wandel hin. Ja, ich bin wieder weit weg von meinem Alltag, bin hier in der Stadt des Wandels auf der Reise in die Vergangenheit, erlebe gleichzeitig ihre Gegenwart, sehe, wie sich die Stadt voll Optimismus auf eine ungewisse Zukunft ausrichtet. Ich weiss, das wird meinen Blick wieder schärfen für meine eigene Stadt, in der ich lebe, es ist nach jeder Rückkehr so.

An der Berlinerstrasse sehe ich weitere Geschäftshäuser, die seit meinem letzten Aufenthalt hier renoviert wurden. Immer noch stehen Geschäftslokale leer, weil draussen vor der Stadt nach westlichem Muster grosse Einkaufszentren entstehen, die man mit dem Auto leichter erreicht. Wie steht es mit dem ehemaligen Wilhelmtheater, in dem bis vor zwei Jahren das‚ «Kaufhaus der Technik» untergebracht war? Gibt es die Metzgerei an der Bismarck- Strasse noch, die mit Fliesen aus der Zeit der Jahrhundertwende ausgestattet war? Und ist das Stadttheater endlich ertig saniert? Jahr um Jahr wurde je eine Seite des Theaters neu gestrichen, vor zwei Jahren begann hier eine Aktion, deren Ziel es ist, alle Theaterstühle zu ersetzen, sogar Christa Wolf beteiligte sich an der Aktion. Ob jetzt alle Stühle finanziert sind? Mein Lieblingshaus, eine schmale Liegenschaft am Obermarkt, ist renoviert worden. Die sympathische Comenius Buchhandlung ist umgezogen, die alten Gasthäuser am Untermarkt sind immer noch geschlossen, der Paternosterlift im Rathaus fährt immer noch, wie schön! Und das Biblische Haus mit den wunderbaren Reliefs? Ich trage Beobachtungen in mein Notizbuch ein. Meine Görlitzernotizen füllen mehrere Hefte. Ich kenne Geschichten von Spekulanten und von ehemaligen SS-Leuten, ich habe Lebensgeschichten von Rückkehrern aufgeschrieben und solche von Leuten, die aus Frankreich oder Schweden hergezogen sind, weil sie an die Zukunft dieser Stadt glauben. Ich habe mit Vietnamesen gesprochen, die auf dem Markt Gemüse und Kleider verkaufen, jenen einzigen Fremden in der Zeit der DDR, Menschen, die es früher schwer hatten und denen es heute nicht viel besser geht. Ich habe Menschen gesprochen, die jahrelang Russisch haben lernen müssen und die heute kaum mehr einen Satz in dieser Sprache sprechen können. Ich habe die Umgebung aufgesucht, jene Kühltürme der stillgelegten Kohlenbergwerke fotografiert, bevor sie gesprengt wurden, weil sie die Stadtluft verpestet haben. Mich interessiert, wie das Projekt der Umnutzung des Geländes in ein Naherholungs- und Naturschutzgebiet Fortschritte macht. Wandel ist es, der mich fasziniert. Gebrochene Biographien und mühsame Neuanfänge, die mich an meine eigene Familiengeschichte erinnern. Wie wird man fertig mit Verlusten? Wie lässt man Geschichtsbilder hinter sich, die sich als falsch erwiesen haben? Darüber möchte ich mehr wissen. Darüber will ich etwas schreiben. Und dafür muss ich Gespräche führen und den Ort auf meinen Spaziergängen besser verstehen.

Vom zweiten Tag an flaniere ich durch die Stadt. Was planlos aussehen könnte, ist ein Anknüpfen an die früheren Besuche. Ein Blick in jenen Innenhof an der Petersgasse, in dem zwei Brüder in Fronarbeit eine Liegenschaft aus dem Mittelalter sanieren. Noch sind sie an der Arbeit. Das Haus an der Kränzelgasse mit seinen Loggien mit Blick zur Neisse steht leider immer noch leer, die letzten Bewohner sind in den Westen gezogen, wo sie mehr verdienen können. Wie gerne würde ich hier wohnen. Doch an Arbeit in meinem Bereich ist in Görlitz nicht zu denken. Gesucht werden hier Handwerker und Techniker. Die Blumenhändlerin von der Neissestrasse ist weggezogen. Der Buchbinder und Gastwirt von der «Schwarzen Kunst» schräg gegenüber ist noch da, auch der Müllereibesitzer, der in einem ehemaligen Kraftwerk an der Neisse Deutschlands östlichste Gaststätte betreibt, hat ausgeharrt. Gesprächspartner, die ich wieder treffe, die ich wieder befrage. Ist das Heilige Grab, jene Nachbildung von Christi Grab in Jerusalem aus dem 14. Jahrhundert, renoviert? Gefällt mir das grosse Kaufhaus am Marienplatz immer noch so gut, jenes einzige intakte Jugendstil-Kaufhaus Deutschlands? Und wie steht es mit der Synagoge, jenem Gebäude, in dem niemand mehr betet, weil hier keine Juden mehr eben? Wie weit sind die Bauarbeiter mit der Renovation gekommen? Finden jetzt endlich Kulturveranstaltungen im ehemaligen Gotteshaus statt? Ich kenne drei Erzählversionen, die erklären, weshalb die Synagoge die Reichskritallnacht von 1938 überlebt hat. Ich weiss nicht, welche Version wahr ist. Drei Menschen haben mir das Geschehen von damals geschildert. Ich mag Erzählvarianten, weil die Wahrheit immer irgendwo dazwischenliegt. Die Synagoge diente auch schon als Lagerhaus. Seit der Sanierung des Dachs und seitdem die Fenster eingesetzt sind, finden hier hin und wieder Konzerte und Vorträge statt. Mich interessieren Zwischenund Neunutzungen ganz besonders. Nicht nur in Görlitz, sondern auch in Zürich, wo ich lebe.

Der Mann, der sich als Synagogenführer und Betreuer des alten israelitischen Friedhofs spezialisiert hat, stammt aus Breslau, er kennt die Geschichte der Stadt genau, obwohl er nicht hier aufgewachsen ist. Ich suche die Waggonfabrik auf, jene Werkstätten, in denen während Jahrzehnten die Schlafwagen der Transsibirischen Eisenbahn und Deutschlands erste Doppelstockwagen hergestellt wurden. Haben die neuen kanadischen Besitzer die Fabrik noch nicht aufgegeben? Stehen die Waggons immer noch da, die die Russische Föderation vor zwei Jahren nicht hatte bezahlen können? Ich mache erste Besuche. Der Diakon der Lutherischen Kirche wohnt immer noch am selben Ort. Das Kirchencafé in der Heiliggeistkirche wird immer noch von Freiwilligen geführt. Der Schweizer Intendant des Musiktheaters ist immer noch da. Die Situation des Theaters ist weiterhin kritisch, weil der Stadt Geld fehlt. Ein Mann, der früher Dozent an einer Hochschule der Nationalen Volksarmee war, erzählt von den neuen Hotels. Ich suche die Lokalredaktion der Sächsischen Zeitung auf, blättere in den Ausgaben der Monate, in denen ich nicht hier war. Bei einem Mittagessen lasse ich mir von einer Lokalredakteurin berichten, was in der Zwischenzeit passiert ist. Etwas später der Gang in die Bibliothek und ins Archiv, weil mittlerweile neue Aufsätze zur Stadtgeschichte veröffentlicht worden sind. Und die amerikanische Bibliothek? Vor vier Jahren in einer gotischen Liegenschaft, als eine Schenkung einer US-Luftwaffeneinheit, eingerichtet und mit Büchern aus den 60er und 70er Jahren ohne nennenswertes Budget für die Anschaffung neuer Bestände ausgestattet. Gibt es sie noch? Und immer wieder Gespräche. Wie lebt es sich nach dem Verlust der alten Heimat im neuen Staat? Wie gehen Menschen damit um, wenn Werte von früher nicht mehr gelten? Welche Erinnerungen zählen, was ist an der neuen Ord- nung gut und was nicht? Das sind Fragen, die mich interessieren, die ich in Gesprächen anschneide.

Ist der Umbau der ehemaligen Süsswarenfabrik in eine behindertengerechte Wohnanlage gelungen? Wie präsentiert sich die ehemalige Fabrikantenvilla heute, in der die Jugendherberge eingerichtet wurde? Wie steht es um das geplante Fotografiemuseum in jenem Haus, in dem bis zu den Dreissigerjahren eine der renommiertesten Kameramanufakturen Deutschlands untergebracht war? Die lange vernachlässigte und vergessene Stadt holt auf, sie wacht auf. Ich halte die Veränderungen fest, ich fotografiere immer wieder dieselben Liegenschaften und Winkel, an die 800 Bilder habe ich schon gemacht. Ich mag die Stadt der Kindheit meiner Mutter, die sie im Alter von 13 für immer hatte verlassen müssen. Es ist eine Stadt, von der mir lange bloss der Name bekannt war und die ich erst im Alter von 45 kennenlernte. Heute gehe ich durch Görlitz spazieren und denke, ich hätte auch hier aufwachsen können, wäre der Zweite Weltkrieg nicht ausgebrochen. Persönliches und Geschichte verbinden sich bei mir. Meine eigene Geschichte und die Geschichte der Stadt berühren sich. Ich habe die Geschichte dieser Stadt in den Archiven gut angeschaut. Ich kann die Hoffnungen der Einwohner von Görlitz nachvollziehen, die glauben, nach der EUErweiterung werde ihre Stadt inmitten eines neuen und geeinten Europas liegen. Sie sprechen von grenzüberschreitender Zusammenarbeit, die ehemalige Via regia werde wieder auferstehen. Gleichzeitig müssen viele junge Leute aus dieser Stadt wegziehen, weil es für sie keine Stellen hier gibt. Indem ich den Plänen, Überzeugungen und Erzählungen zuhöre, komme ich der Stadt näher. Die Zuneigung zu Görlitz wird durch Wissen ergänzt. Ich bin gespannt, wie diese Stadt an der Grenze in zehn oder zwanzig Jahren aussehen wird.
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