Sächsische Zeitung, 9.November 2005


Zu lange nicht gekümmert
Tagesgespräch mit Michael Guggenheimer

Der Schweizer Autor fordert am Jahrestag der Novemberpogrome von 1938, die ehemalige Synagoge von Görlitz bald kulturell zunutzen.

Was hat Sie veranlasst, dem Förderkreis Görlitzer Synagoge beizutreten?

Zunächst wohl die persönliche Beziehung zum Gebäude: Mein Großvater mütterlicherseits war Mitglied der Jüdischen Gemeinde von Görlitz, die 1938 nach der sog. Reichskristallnacht zu bestehen aufhörte. Erst seit kurzem weiß ich, dass er sogar im Vorstand der Gemeinde war. Ich selber bin zwar nicht religiös, mich verbindet aber vieles mit der jüdischen Kultur. Als ich mich mit Görlitz intensiv zu beschäftigen anfing, wurde mir klar, welche Impulse die Juden in Görlitz bis zu ihrer Vertreibung für das kulturelle Leben der Stadt gegeben haben. Bei mehreren Besuchen in Görlitz habe ich den imposanten Bau mit seiner hervorragenden Akustik Freunden und Verwandten gezeigt. Ich habe immer wieder festgestellt, wie sehr beeindruckt Besucher der Synagoge sind, wenn sie das ehemalige Gotteshaus betreten. Dem Förderkreis Synagoge gehören engagierte und offene Menschen an, die sich für die Erhaltung des Gebäudes einsetzen. Das kulturelle Programm im früheren Kino «Apollo», das diese Mitglieder organisieren, beeindruckt mich ebenso wie die Präsenz von Mitgliedern, die jeweils an Sonntagen vom Frühling bis zum Herbst die Synagoge zeigen. Ich habe erleben können, wie kompetent diese Leute Besuchern Auskunft geben können. Daher mein Entschluss, dem Förderkreis beizutreten, auch wenn ich in Zürich lebe. Gerne würde ich übrigens im kommenden Sommer eine kulturelle Aktion in der Synagoge durchführen.

Wie lässt sich die Synagoge Ihrer Ansicht nach mit Leben füllen?

Zunächst liegt natürlich auf der Hand, die Synagoge wieder als Gotteshaus ihrer ursprünglichen Zweckbestimmung zurückzuführen. Nun weist Görlitz derzeit bloß eine Handvoll jüdischer Bewohnerinnen und Bewohner auf. Noch sind die zehn Männer, die es für einen Gottesdienst braucht, in Görlitz nicht vorhanden. Sollte die Gemeinde wachsen, ließen sich Gottesdienste zunächst in einem Betraum irgendwo in der Stadt abhalten. Görlitz weist bekanntlich sehr viele leer stehende Wohnungen auf. Erst kürzlich habe ich im Süden Deutschlands eine jüdische Gemeinde besucht, die in einer großen Wohnung ihre Gottesdienste hält, obschon in dieser Stadt eine ehemalige Synagoge steht. Die Mitglieder der Gemeinde finden, die Synagoge sei noch zu groß für die eigenen Aktivitäten. Deshalb meine ich, dass die Synagoge für kulturelle Veranstaltungen genutzt werden könnte. Eine allfällige Rückführung in ihre ursprüngliche Zweckbestimmung könnte jederzeit stattfinden. Ich erinnere mich an wunderschöne Konzerte in der ehemaligen Synagoge. Oder an die Übergabe des Brückepreises, die früher dort stattfand. Ich meine, dass Förderkreis und Kulturhauptstadtbüro in ihren Äußerungen wiederholt einen richtigen Weg aufgezeigt haben.

Wie können sich die Bürger für die Synagoge engagieren?

Indem sie regelmäßig die Synagoge besuchen. Nach dem Tag des offenen Denkmals hieß es in der Sächsischen Zeitung, 1200 Menschen hätten sich die Synagoge zeigen lassen. Das zeugt von großem Interesse, auch von Engagement. Ich habe gehört, dass sich nach dem Abbau einer Ausstellung zum Schicksal jüdischer Schülerinnen in Görlitz spontan eine größere Anzahl von Personen beim Förderkreis um die Mitgliedschaft beworben haben: Wunderbar! Der Förderverein zeigt den richtigen Weg, indem er das Gebäude respektiert, thematische Veranstaltungen über das Judentum früher und heute durchführt und gleichzeitig die Synagoge kulturellen Nutzungen öffnen will.

Sie haben bei der Veranstaltung «Brückenpark im Licht» am 9. Juli für reichlich Diskussionsstoff gesorgt, als Sie zwei fiktive Geschichten mit Bezug auf Görlitz vorgelesen haben. In einer davon ging es um die Nutzung der Synagoge als Cafe. Welche Reaktionen haben Sie daraufhin bekommen?

Ja, ich weiß, dass es nachher zu Diskussionen kam. Ich habe Zustimmung und Ablehnung mehreren Emails und Briefen entnehmen können. Ich gebe zu, dass ich die Diskussion anheizen wollte. Ich fand, dass die seit längerer Zeit blockierte Diskussion um die Zukunft und um die Öffnung der Synagoge angeheizt werden sollte. Das Rathaus hat sich meiner Ansicht nach zu lange nicht um die Synagoge gekümmert. Nicht einmal neue Modelle der Nutzung oder zur Finanzierung der nötigen Sicherung wurden diskutiert. Ich bin der festen Überzeugung, dass bei der Präsentation der Bewerbung als europäische Kulturhauptstadt 2010 diesem Gebäude eine wichtige Rolle zukommen könnte. Aus der Distanz kann ich nicht beurteilen, weshalb welche Amtsstelle sich gegen eine Dynamisierung in dieser Sache sperrt. Aber ich gebe zu, dass ich da eine Haltung ausmache, die ich als nicht nachvollziehbar taxiere. Glauben Sie mir, die nächste Jury, die über die Kandidatur befinden wird, wird sich ebenso für die Synagoge interessieren wie jene, die sich im vergangenen sehr genau nach möglichen Nutzungsmodellen der Synagoge interessierte.

Welche Perspektiven sehen Sie für die Entwicklung der Jüdischen Gemeinde, die sich in Görlitz in diesem Jahr als Verein neu gegründet hat?

Wenn ich die Entwicklung der neuen jüdischen Gemeinden Deutschlands anschaue und wenn ich die politische Diskussion um die Zuwanderung von Juden aus Russland oder aus der Ukraine verfolge, kann ich mir – auch anbetracht der geographischen Lage der Stadt – eher nicht vorstellen, dass die Gemeinde in Görlitz nennenswert wächst. Natürlich begrüße ich die Bildung einer jüdischen Gemeinde in Görlitz. Ich glaube aber, dass der Zeitpunkt im Vergleich zu anderen Neugründungen in Deutschland spät ist. Ich halte es nicht für möglich, dass eine jüdische Gemeinde in Görlitz je wieder die Größe der früheren erreichen wird.

Als Teil des Brückenparkprojekts spielt die Synagoge in der öffentlichen Diskussion bislang eher eine kleine Rolle. Könnte sich das ändern, wenn Görlitz 2010 tatsächlich Kulturhauptstadt wird?

Wenn ich verfolge, wie sich Peter Baumgardt und Dr.Gerhard Müller zur Synagoge äussern, meine ich festzustellen, dass der Synagoge ein fester Platz im Projekt Brückenpark zukommen wird.


Das Gespräch führte Anett Böttger
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