Wochenzeitung WoZ, 26.Oktober 2006


Von Krankheiten gezeichnet, am Leben hängend

Philip Roths «Jedermann» ist ein Roman übers Älterwerden und auf seltsame Art autobiografisch

Seine erste Frau und Mutter seiner beiden Söhne Randy und Lonny hiess Cecilia, die zweite, Phoebe, war die Mutter seiner Tochter Nancy. Mit Merete, einem um drei Jahrzehnte jüngeren dänischen Model, war er in dritter Ehe verheiratet. Drei Mal lebte der «ehemalige Seriengatte» mit einer Frau zusammen, und drei Mal wurde er geschieden. Und dazwischen und nebenher hatte er Affären, u.a. mit seiner Sekretärin und mit seiner Krankenpflegerin; Affären, von denen er bis zum grossen Zornausbruch seiner zweiten Frau zu Unrecht meinte, sie seien unbemerkt geblieben. Sein um sechs Jahre älterer Bruder Howie war zeitlebens kerngesund und in Kalifornien im Bankgeschäft zum Multimillionär geworden. Grund genug zu Eifersucht, auch wenn der Bruder ihm immer wieder in Krisensituationen beigestanden ist, immer zu ihm gehalten hat. «Er», die Hauptfigur, die in Philip Roths Roman «Jedermann» namenlos bleibt, war in New York in der Werbebranche tätig und hat Arztpraxen und Krankenhäuser im Laufe seines Lebens in Übermass kennengelernt: Als Kind werden ihm bereits die Mandeln geschnitten, wegen eines Leistenbruchs muss er im Alter von neun Jahren operiert werden. Im Alter von 34 wird er mit einem Blinddarmdurchbruch und einer Bauchfellentzündung für die Dauer eines Monats hospitalisiert, als älterer Herr wird er nacheinander mit Koronarstenose, Hypertonus, Nierenarterienverschluss, Carotisarterienverengung und mehreren Stent-Operationen konfrontiert. Nur dank Bypass und Defilibrator kann er am Leben bleiben, Jahr für Jahr folgt nach seinem 65. Geburtstag eine Erkrankung der anderen. Einem medizinischen Kompendium der Gefässerkrankungen gleicht das Vokabular einiger Abschnitte im Leben dieses Protagonisten. Und doch hängt der Sohn des Besitzers von «Jedermanns Schmuckladen» im Provinznest Elizabeth in New Jersey auch dann noch am Leben, wenn seine ehemaligen Freunde einer nach dem anderen schwer erkranken und sterben. An der Uferpromenade spricht der alternde Kranke eine junge Joggerin an, meint vergeblich, er könne sie zu einer Affäre verführen, als sei er um Jahrzehnte jünger. Er drückt ihr einen Zettel mit seiner Telefonnummer in die Hand, sie aber, die er seit Tagen beim Rennen beobachtete, ändert ihre Jogging-Route. Tragikomisch ist dieses Buch und gleichzeitig handelt es vom Ernst des Lebens, das eines Tages zu Ende geht.

Allesamt aus jüdischem Milieu

Philip Roth hat einen Roman über das Älterwerden geschrieben: «Das Alter ist kein Kampf; das Alter ist ein Massaker» stellt Roths Creative Director fest. Und der Autor ergänzt: «Nachdem er fast ein Dreivierteljahrhundert lang gelebt hatte, war es aus und vorbei mit dem produktiven, aktiven Leben». In seinem Buch «Mein Leben als Sohn», das fünfzehn Jahren zuvor erschienen ist, schilderte Roth mit unerbittlicher Genauigkeit, gleichzeitig aber mit einem Mitgefühl, die letzten Lebensjahre seines Vaters. «Jedermann» beginnt und endet mit dem Tod eines Mannes, der ebenso wie Roth 1933 geboren wurde. Und wie der Autor besitzt die Hauptfigur des Romans einen älteren Bruder. Im Buch liebt der Angestellte aus der Werbebranche seinen Bruder und hasst ihn zugleich, weil offenbar nur er selbst immer wieder ernsthaft erkrankt. Mit dreizehn verabschiedet sich der spätere Werber, der am Schluss seines Lebens in einem verfallenen, am Rande einer Autobahn gelegenen alten jüdischen Friedhof beerdigt wird, von seinem Judentum – nicht anders als Autor Philip Roth, der von sich behauptet, keine jüdischen Romane zu schreiben, auch wenn die männlichen Hauptfiguren seiner Romane allesamt jüdischen Milieus entstammen und die meisten ehemaligen Berufskollegen und Freunde des alternden Creative Directors und späteren Hobbymalers ebenso jüdischen Familien entstammen wie er.
Der Tod ist allgegenwärtig in «Jedermann»: Bereits beim ersten Krankenhausaufenthalt der Hauptfigur stirbt ein Junge im Nachbarbett. Und unweit des Ferienhauses, in dem der namenlose spätere Werber mit seinem Bruder und den Eltern die Sommerferien während des Zweiten Weltkriegs verbringt, wird die Leiche eines Matrosen geborgen. Was angesichts der vielen im Roman geschilderten Krankheiten und medizinischen Eingriffen als eine düstere Lebensgeschichte des Mannes erscheinen könnte, der «zu einem Lagerhaus für künstliche Gerätschaften geworden ist, die den endgültigen Zusammenbruch hinauszögern helfen sollen», kommt mitunter als eine durchaus witzige und lebenshungrige Erzählung daher, als die Schilderung eines durchschnittlichen nordamerikanisch-männlichen Lebens. Der Mann ohne Namen hat die Kunstschule absolviert und wendet sich im Alter der Malerei zu. Er kann einige Bilder über eine Galerie verkaufen, die anderen hängen in der Wohnung seiner Tochter. Um als Alleinstehender mit starken Sehnsüchten nach einer Frau auch Frauen begegnen zu können, offeriert er in der Alterssiedlung für Betuchte am Atlantikufer, in die er sich aus New York nach dem 11. September zurückgezogen hat, Malkurse für Anfänger und Fortgeschrittene. An diesen Kursen nehmen nur pensionierte Damen teil, die eine nach der anderen sterben. Die verklärten Erinnerungen an seine Kindheit in der Kleinstadt und an die Eltern und an seine Frauen füllen seinen Alltag, seine von ihm bewunderte Tochter und Mutter von Zwillingen ist die einzige Person, der er sich bis zur letzten (und tödlich verlaufenden) Operation nahe fühlt. Ein einziges Mal liest ihm eine Frau die Leviten, vertreibt ihn aus der gemeinsamen Wohnung. Die beiden Söhne, die er im Stich gelassen hat, haben für ihren Vater nichts als Verachtung übrig, was ihn belastet. Nicht erst gegen Ende des Lebens verbringt der kontakthungrige Erotomane ein einsames Leben. In Roths Romanen stehen die Figuren in der Fülle ihres Lebens. Hier beginnt und endet ein Erzählstoff mit dem Tod, der in keinem Lebensabschnitt dem Protagonisten des Buchs weicht. Jedermann muss sterben, die Allgegenwärtigkeit des Todes, sie gilt für alle.


Philip Roth: «Jedermann». Aus dem amerikanischen Englisch von Werner Schmitz. Carl Hanser Verlag. München/Wien 2006. 172 Seiten
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