Erschienen in
«Die schönsten deutschen bücher», märz 2007


Häusergewirr im gelben Wind

Das Buch «Stadtansichten. Kairo. Bauen und Planen für Übermorgen» wurde im Rahmen des deutschen Wettbewerbs als eines der schönsten deutschen Bücher des Jahres 2006 gewählt. Der folgende Beitrag ist in «Die schönsten deutschen Bücher 2006» der deutschen Stiftung Buchkunst erschienen.Häusergewirr im gelben Wind

Das Buch «Stadtansichten. Kairo. Bauen und Planen für Übermorgen» wurde im Rahmen des deutschen Wettbewerbs als eines der schönsten deutschen Bücher des Jahres 2006 gewählt. Der folgende Beitrag ist in «Die schönsten deutschen Bücher 2006» der deutschen Stiftung Buchkunst erschienen.

Beim Anflug fällt zunächst die Sandfarbe auf. Von Grellgelb zu Erdbraun, fliessende und abrupte Übergänge und ein Nebeneinander von beiden Farben in allen ihren Schattierungen. Am Stadtrand wirbelt der Wüstenwind Staubwolken auf, die ausufernden Vorstädte hinter einem Vorhang versteckend. Dann von oben schon sichtbar das unendlich dichte Häusergewirr, die breiten Strassen und engen Gassen, die Häuserschluchten, die niederen Bauten und unmittelbar neben ihnen die hohen Häuser, schmale Gebäude und breite. Mittendrin grüne Inseln und der träge Strom mit dem grünen Band zu beiden Seiten. Wer die Broschur «Stadtansichten Kairo» in die Hand nimmt, dessen Blick breitet sich über beide Einbandseiten im heisstrockenen gelben ägyptischen Wüstenwind «Khamsin» aus, der erinnert sich in der Ferne lesend an das flimmernde Licht der Grossstadt und sieht die verschachtelt wirkende Stadt wieder vor sich mit ihren klobig modernen Hochhäusern und mit den verzierten alten Minaretten. Bei der Fahrt in die Stadt im dichten Gedränge der Fahrzeuge blendet das grelle Licht, die Sonnenbrille verstärkt die Gelb- und Brauntöne, die das Buch den Lesern näher bringt. Bei den ersten Erkundungen wird der Fussgänger mit der pausenlosen Verkehrslawine konfrontiert und mit den unzähligen Geräuschen: Es ist ein unaufhörlicher Lärmpegel, der zu dieser Stadt gehört. Kairo nimmt man aber nicht nur visuell auf: Die Hupkonzerte, das Auf und Ab der Rufe der Muezzin, die Hektik der Motorengeräusche. Kairo ist jene Kapitale, die alle Sinne mobilisiert. Gerüche von Diesel bis hin zu Pistazienmarzipan in Rosenwasser. Wer die Stadt ohne Auto erkundet, muss sich in einem Gewirr von Strassen und Gassen zurechtfinden, muss wissen, dass es beim Überqueren einer verkehrsreichen Strasse gilt, ständig vorwärts in Bewegung zu bleiben, nie zu zögern. Hier geradeaus, rechts, wieder links, unregelmässig grosse Häuserblocks vor sich, die flimmernde Hitze, die schon zwei Stunden vor Mittag einsetzt, lässt Häuserfronten undeutlich und schemenhaft werden. Nicht anders in diesem sand- und erdfarbenen Buch, wo es immer wieder gilt, im gelben Transparentpapier hinter den Fassaden der erdigbraunen Satzkörper zu schauen. Man geht an hohen Textvolumen und gedrungenen Bauten entlang, Baulinien, denen man in diesem Buch als versetzten Textkörpern wieder begegnet. Durch die Papierseiten schimmern schmale und breite Textbauten im gelben Mittagslicht der Stadt. In Kairo begegnet man Häusern, die aus so unterschiedlichen Baumaterialien wie Lehm, Beton oder Backstein errichtet wurden; dieses Nebeneinander ahmt das Buch mit seinen drei unterschiedlichen, aber individuell passenden Papieren nach, die zu einer stimmigen Komposition zusammengeführt sind. Konsequent ist auch, dass die Stadt im Buch nicht immer leicht zu lesen ist, nicht anders als die gebaute Stadt am Rand der Wüste. Kairo bleibt im Buch stiller als die wirkliche Stadt am Nil. Marwa A-Latifs Fotos von der Häuserlandschaft finden ihre Entsprechung in den Textkörpern des Buchs. Man will als Stadtwanderer und als Leser gleichermassen wissen, was hinter dieser Fassade steckt, was jene Front versteckt. Wie während eines Gangs durch die Stadt kommt diese Frage beim Betrachten und bei der Lektüre dieses Buchs nochmals auf. Randa Shaaths Fotografien verleihen den Bildern der gebauten Stadt die Dimension der Metropole, in der Menschen ihren Alltag leben. Die Farbbilder in der Mitte des Buchs gleichen Ansichtskarten, es sind keine aussergewöhnlichen Fotos: konventionelle Stadtansichten aus einer Touristenstadt, die Kairo seit jeher auch ist. Und weil die Publikation vom Wachsen der Stadt und von ihrer baulichen Veränderung handelt, eignen sich die Architekturbilder im hinteren Teil, die Utopie der Stadt von morgen wird sichtbar in dieser Publikation. Grüne Landschaften als Luftbilder und Pläne gezeigt, gehören ebenso zu der Stadt, die von gelbem Sand umgeben und durchdrungen ist.


Stadtansichten. Kairo. Bauen und Planen für Übermorgen. 2006. Erschienen beim ifa-Verlag (Institut für Auslandsbeziehungen) in Stuttgart. Gestaltung Philippa Walz und Andreas Opiolka, Stuttgart.
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