Erschienen im St.Galler Tagblatt, 09.07.2012


Geschichten von Menschen in besonderen Situationen
Starke Schweizer Präsenz an Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt

Sieben Juroren und doppelt so viele Autoren. Drei Tage lang Texte und Kommentare. Und am Schluss fünf Preise und ein Stadtschreiberstipendium im Gesamtwert von 54 500 Euro. Das ist Klagenfurt. Das sind die «Tage der deutschsprachigen Literatur» im ORF Landesstudio Kärnten, dessen Intendantin verkündet, Klagenfurt sei die «Literaturhauptstadt Europas» und die «Literaten seien ein ganz besonderer Menschenschlag». Die Begrüssungsworte der Direktoren der regionalen Elektrizitätsgesellschaft, einer Bank und eines Versicherungskonzerns werden applaudiert. Und als die Jury die Szene betritt, wendet sich ein Kameramann zum Publikum mit der deutlichen Geste: Jetzt aber klatschen! Viermal wird die Jury vorgestellt und jedes Mal wird geklatscht. Und Professorin und Festrednerin Ruth Klüger wird als «Holocaustüberlebende» angekündigt, wo sie doch nur gekommen ist, um über Ingeborg Bachmann zu sprechen.

Wie immer grosse Medienpräsenz. Alle Lesungen und die Diskussionen der Jury werden live übertragen. Die Stadt hat sich dekoriert: Fahnen mit Sätzen von Bachmann, Liegestühle deren Stoff mit Sätzen von ihr bedruckt ist. Vor dem Wettbewerb der «Literaturkurs» mit neun jungen Autorinnen und Autoren aus Deutschland, Österreich du der Schweiz. Vier der neun Teilnehmer sind Absolventen des Schweizerischen Literaturinstituts in Biel. Zweieinhalb Tage lang wurden sie von drei Tutorinnen betreut, konnten sie Texte vorlegen und besprechen lassen. Am Schluss gab es – von den Medien nicht beachtet - eine Lesung.

Doch zurück zum Hauptereignis. Vier unter den vierzehn Autoren kamen aus der Schweiz angereist: Ein Österreicher mit Wohnsitz in Zürich, ein Deutscher, der seit drei Jahren in Biel wohnt, demnächst aber nach Berlin zieht, ein australisch-schweizerischer Doppelbürger und eine Aargauerin. Zwei unter ihnen wiederum Absolventen von Biel. Nicht zu vergessen die beiden Jurymitglieder aus der Schweiz: Hildegard Elisabeth Keller, Professorin in Bloomington (USA) und Zürich mit St.Galler Wurzeln und zum ersten Mal dabei Corina Caduff, Professorin an der Zürcher Hochschule der Künste.

Hugo Ramnek aus Zürich, Autor, Gymnasiallehrer, Schauspieler, tritt als erster Schweizer auf. «Kettenkarussell» heisst sein Klagenfurter Text. Er handelt vom «Wiesenfest» in einer Ortschaft in Kärnten, wo deutschsprechende und slowenisch sprechende Bewohner leben. Ramnek ennt sich hier aus, er stammt aus Bleiburg in Kärnten. Marktstände, ein Karussell und Festzelte werden für das Fest aufgebaut. Das Augenmerk gilt einer Dreiecksbeziehung. Ein Junge begegnet am Fest einem Mädchen. Er ist deutschsprachig, sie gehört der slowenischen Minderheit an. Er hat sich in sie verguckt, er begehrt sie, er schaut zu, wie sie im Karussell an ihm vorbei fliegt, er ist erregt, er folgt ihr in der Menschenmenge, doch Milan, ein slowenischer Junge hat auch ein Auge auf das Mädchen geworfen.
Auf Ramnek folgt Mirjam Richner, Lehrerin in Unterentfelden (AG). Sie präsentiert den Text «Bettlägerige Geheimnisse». Die Erzählung wird immer wieder von kurzen Gedichten unterbrochen: Zwei Junglehrerinnen befinden sich in einer Lagerhütte in den Bergen, als plötzlich eine Lawine den Hang hinunter donnert und die Hütte zuschüttet. Die beiden drohen, im Schnee zu ersticken. Wird man sie retten können? Unklar bleibt, wo die Schüler der Schulkolonie sind. Die beiden Frauen wollen sich einen Weg aus den Schneemassen schaufeln, aber es ist zu spät, die eine Lehrerin stirbt in der Kälte und unter Sauerstoffmangel.

Dann der Zürcher Simon Froehling. Er liest eine Art Krankengeschichte vor. Der Anfang überrascht: Eine Frau ist bei einer Wanderung verunglückt, sie ist gestorben und erhält im Text dennoch eine Stimme. «Diese Geschichte beginnt mit meinem Ende», sagt sie. Unmittelbarer Szenenwechsel: Ein junger Mann, er heisst Max, liegt im Krankenhaus. Er hat einen Zusammenbruch erlitten, seine Nieren funktionieren nicht, er muss entweder an die Dialyse oder eine neue Niere implantiert erhalten. Als sei es eine Stimme aus dem Jenseits spricht die Verstorbene, sie weiss, wer ihre Niere bekommt. Max erfährt, wer die Niere gespendet hat, die ihn retten wird, er sucht den Friedhof auf, in dem die Asche der Spenderin liegt.

Als letzter aus der Schweiz Matthias Nawrat mit Noch-Wohnsitz in Biel. «Unternehmer» lautet der Titel seines Textes, bei dem es um eine Familie geht. Vater hat in einer leerstehenden Fabrik ein Recyclingunternehmen gegründet. Vater, Tochter und Sohn zerlegen ausgediente Computer und Kühlschränke, bei denen Stoffe wie Tantal und Wolfram anfallen, die sich mit Gewinn verkaufen lassen. Vater, der seine Familie ausnützt, erzählt immer wieder von Neuseeland, dorthin sollen sie auswandern, dort muss das Leben besser sein. Sohn Berti hat vor geraumer Zeit bei der Ausführung einer speziell schwierigen Trennarbeit einen Arm verloren. Erzählt wird die Geschichte einer Familie in einer wirtschaftlich prekären Umwelt aus der Perspektive der Tochter. Ob der Traum von Neuseeland je Realität werden wird, bleibt offen.

Während nicht wenige Texte dieses Jahr in Klagenfurt von Kindheit, Pubertät und erwachender Sexualität handelten, ist den Texten aus der Schweiz gemeinsam, dass sie Menschen in besonderen Situationen nachzeichneten. Und die Jury? Lob (für seine Sprache) und Kritik (für die Symbolik) hielten sich bei Ramnek die Waage. Richners Geschichte wurde als zu wenig geglückt taxiert, Froehlings Erzählung wurde stark kritisiert und Nawrats Text durchwegs gelobt. Die vier bleiben dran: Ramneks Text erscheint am Dienstag in einer zweisprachigen deutsch-slowenischen Ausgabe, Richner sucht für ihren ersten Krimi einen Verlag, Froehling schreibt weiter an seinem Text und Nawrat ist bereits an einem Zweitling.
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