Erschienen in Education permanente, 2. 2008


Reisen zwischen Bildungsanspruch und Konsumlust

Keine Zeit für die Stadt
Kein wirkliches Einatmen des Fremden,
Keine echte Neugierde
Rezepte für ein anderes Reisen


Das Völkerkundemuseum in der kleinen Stadt Herrnhut an der deutsch-polnischen Grenze ist ein vortreffliches Ort, um über das frühe Reisen und seine Folgen zu erfahren. Im 18. und im 19. Jahrhundert sind Missionare aus Herrnhut in Lateinamerika, in Südostasien und in Grönland mit Einheimischen in Kontakt getreten. Sie haben ausführliche Reiseberichte geschrieben, Landschaftszeichnungen erstellt, Wörterbücher zusammengestellt. Sie haben Wissen über die Fremde in ihre kleine Stadt gebracht, deren Bevölkerung es damals selten bis in die nächsten Grossstädte Prag und Dresden schaffte. Das Museum zeigt aus Übersee mitgebrachte Gegenstände des alltäglichen Gebrauchs, die nach Herrnhut gelangt sind, wo man deshalb über Aspekte des Lebens in weiter Ferne nicht schlecht unterrichtet war. Reisen öffnete hier in der abgelegenen Ortschaft Tore zu unbekannten Lebensformen ohne dass die Mehrzahl der Bewohner je übers Meer gefahren ist. Pilger unterwegs zu heiligen Stätten nach Palästina, Portugal, Spanien oder Südfrankreich waren noch früher erste Reisende, die sich monatelang unterwegs aufhielten und Kunde von anderen Ländern und Gebräuchen mit nach Hause brachten. Nicht anders jene Bildungsreisende des 19. Jahrhunderts aus dem Norden auf ihren ausgedehnten Reisen zu den Stätten der Antike nach Italien.

Reisen war bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts ein Privileg von Begüterten oder Gebildeten, Reisen hatte mit Handel oder Bildung zu tun. Zwar gab es auch jene Reisen, die unter Zwang und aus Not unternommen werden mussten: Flüchtlinge aus dem Osten Europas wanderten früh nach Nordamerika aus, Menschen aus Gegenden, in der es an Arbeit und Einkommen mangelte, legten weite Strecken zurück, um an einem neuen Ort Fuss zu fassen. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg begann der grosse Wohlstandstourismus, in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts setzte das Reisen als Massenbewegung ein. Schweizer fuhren zunächst mit der Bahn bis zur Landesgrenze im Tessin. Später wurde die adriatische Küste entdeckt, Spanien und die Inseln im Mittelmeer und im Atlantik waren die nächsten Ziele. Längst ist die Karibik und sind so weit entfernte Gebiete wie Thailand oder Indonesien Feriendestinationen von Familie Schweizer. Tourismus ist mittlerweile die drittgrösste Wirtschaftskraft der Welt. Zunehmender Wohlstand, die neue Kultur der Freizeit und die Konkurrenz der Fluglinien haben zur Folge, dass das Reisen zu einem wichtigen Thema in so unterschiedlichen Bereichen wie Ökonomie, Ökologie und Bildung geworden ist.

Bildet Reisen? Wohl nicht immer. Ich kann mich an meine Maturareise erinnern: Fünf Tage Wien. "Wandeln auf den Spuren der Habsburger Monarchie von einst" lautete das ambitiöse Thema, das der Klassenlehrer für die Gymnasiasten aussuchte. Jeder von uns musste sich ein Thema auswählen, zu dem es jeweils vor Ort einen kurzen Vortrag zu halten galt: Schloss Schönbrunn, die Hofburg, die Ringstrasse, der Stephansdom, Riesenrad und "Der dritte Mann", Kapuzinergruft und Spanische Hofreitschule. Eine Bildungsreise zu Monumenten und Museen war geplant. Doch die Klasse von damals, Jugendliche im Alter zwischen 18 und 20, hatte mehr die Läden der Kärntnerstrasse, Wein- und Bierlokale und endlich erste sexuelle Erfahrungen im Kopf. Die Vorträge hatten wir aus Reiseführern und Prospekten abgeschrieben und jeweils heruntergeleiert, zuhören mochte keiner von uns, wir waren angesichts der Bars und Bordelle zu müde für die Kultur.

Ich weiss noch, wie ich beruflich zu Sitzungen oder Konferenzen nach Brüssel oder Berlin, nach Paris oder Lissabon musste. Morgens mit der ersten Maschine hin, Ankunft und Fahrt mit dem Taxi in die Innenstadt zum Arbeitstreffen in ein gläsernes Geschäftshaus oder zum Seminar in einem Hotel einer internationalen Kette, abends nach der Sitzung mit dem Taxi wieder zum Flughafen und zurück in die Schweiz. Manchmal anlässlich eines Seminars noch ein Abendessen in einem "typischen" Lokal, in dem alle anderen Gäste ebenso wie wir Ausländer waren. Zwei Tage auswärts ohne den Ort wirklich erlebt zu haben. Das ist die Realität der viel reisenden Konferenz- und Businessclass.

Reisen soll bilden, Reisen kann das Blickfeld erweitern. Und doch: Die Flughäfen gleichen sich alle, der örtliche Taxifahrer – häufig der einzige fremde Gesprächspartner am Reiseziel – ist nur selten ein Einheimischer. Keine Zeit für die Stadt, kein wirkliches Einatmen des Fremden, keine echte Neugierde. Beim Schlendern entlang der Haupteinkaufsstrasse begegnet man den Läden von zuhause: H&M, C&A, Dolce & Gabbana, Starbucks, McDonalds, Sisleys, Benetton, Esprit, Body Shop und Marionnaud. Die Kleider gleichen sich, der Latte Macchiato ist allgegenwärtig, echte Entdeckungen des Fremden sind häufig kaum möglich. Mit dem Reiseführer in der Hand den "Insider Tipps" nachgehen als Krücke in der Fremde. Doch spätestens dann die Erfahrung machen, dass man an jedem der empfohlenen Orte jenen anderen Touristen begegnet, die so wie wir aussehen: Windjacke, feste Stadtschuhe, Stadtplan und Kamera in der Hand. Immer dieselben "Highlights", immer dieselben Fotosujets. Wenn ich mich heute in den Reisebeilagen der Zeitungen umschaue, dann entdecke ich wieder Wien, die Stadt meiner Maturareise: Wien ist heute Sacher und Tafelspitz, Wien ist Shopping, Flanieren von einem Flagship Store zum nächsten, Wien ist heute jung und hip und lässt häufig das "Andere" stranden.


Kann Tourismus trotzdem Entdeckungen des Andersartigen, des Fremden mit sich bringen? Tourismus und Migration haben es mit sich gebracht, dass wir heute weitaus häufiger mit Menschen anderer Kulturen zu tun haben. Der Tourismus hinterlässt auch an überraschenden Orten Spuren. Unsere Essgewohnheiten haben sich mit dem Reisen und mit den Migrationswellen verändert. Exotische Früchte, die wir in weit entfernten Ländern kennen gelernt haben, werden auch bei uns verlangt. Dasselbe gilt auch für Gerichte, an die wir uns gewöhnt haben: Nasi Goreng und Kebab oder Curryspeisen haben Reisende schätzen gelernt. Bringt Reisen eine Erweiterung des Horizonts, was lernt ein Mensch beim Reisen? Tourismus kann zu Neuem, zu Entdeckungen, zum Lernen führen. Entdeckungen aber brauchen Eigeninitiative, lassen sich nicht nur bei Gruppenführungen machen. Abseits der Massenrouten, abseits jener Orte und Gegenden, wo sich Grosshotels befinden, kann, wer sich vorbereitet, wer den Mietwagen stehen lässt, zu Fuss weiterzieht und sich Zeit nimmt, Neues erfahren. Ich denke an jene Frau, die sich zwei Monate Zeit für Wanderungen in Neuseeland genommen hat. Wandern, um die Natur zu erkunden, Wandern, um auch sich selbst näher zu kommen. Zeit vorher, um sich mit dem Reiseziel auseinanderzusetzen, ist wichtig. Zeit vor Ort und Möglichkeiten der Verarbeitung sind wichtig. Ein Tagebuch, ein Skizzenblock, eine Kamera, Offenheit für Gespräche mit Einheimischen, sich die Freiheit nehmen für Umwege und für Unerwartetes. Ich denke an jenen Mann aus China, der sich für die Dauer eines Monats in einer Schweizer Mittelstadt eine Ferienwohnung mietete, um jeden Tag in einem Café Menschen zu begegnen, um Gespräche zu führen, Notizen und Zeichnungen zu machen: Ein Reisender mit Neugierde für das Andere, jemand, der sich Zeit nimmt, der nicht von Ort zu Ort, von Fünfstern-Sehenswürdigkeit zur nächsten eilt. Der Niederländer Geert Mak, einer der grossen europäischen Reiseschriftsteller, der den diesjährigen Leipziger Buchpreis für Europäische Verständigung erhalten hat, meint: "Die besten Reisen unternimmt man allein und ungeplant". Ungeplant heisst aus seiner Sicht, dass man sich nicht von einem Reiseführer von Denkmal zu Denkmal lenken lassen soll. "Bevor ich jeweils aufs Neue losfuhr, musste ich viel recherchieren und organisieren", fügt er an. Als der Reisende Mak Istanbul kennen lernen wollte, stellte er sich während vielen Stunden auf der Galata Brücke hin und liess sich von einem mitziehenden Einheimischen erklären, wer die Brücke passierte und weshalb, welche Bedeutung die Brücke hat und wie die Unterschiede zwischen dem europäischen und dem asiatischen Teil der Stadt beschaffen seien.

Vielreisende Bekannte erzählen von Nahost, Fernost oder Ostafrika, wo sie Moscheen oder Tempel besichtigen oder Tiere beobachten konnten. Und wenn ich mich dann nach dem Unterschied zwischen Sunniten und Schiiten erkundige, mir erzählen lasse, was der Unterschied zwischen den Buddhisten in Indien von denen in Kambodscha sei, kommen Schilderungen von Märkten und Restaurants, von billig eingekauftem Schmuck, von langen Flügen, Müdigkeit bei der Ueberwindung von Zeitzonen und von Begegnungen mit anderen Reisenden. Maks Rezept für ein Reisen, bei dem Neues auch entdeckt und aufgenommen werden kann, lautet: Sich vor Antritt einer Reise in das jeweilige Gebiet und seine Kultur einlesen, Länger an einem Ort bleiben, sich Zeit nehmen, Gespräche mit Einheimischen suchen, zu Fuss unterwegs sein.


Michael Guggenheimer
Publizist und Autor in Zürich. Aufgewachsen in Tel Aviv und Amsterdam, Studium der Zeitgeschichte und Sozialpsychologie, bis 2003 Leiter der Abteilung Kommunikation der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia. Autor mehrerer Bücher. Sein letztes Buch "Göritz. Schicht für Schicht. Spuren einer Zukunft" geht der zweisprachigen Stadt Görlitz Zgorzelec an der deutschpolnischen Stadt nach. www.textkontor.ch
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