tachles, 28. Januar 2005


Kontakte im Vordergrund
Die Jerusalem International Book Fair 2005

Alle zwei Jahre findet in Jerusalem eine internationale Buchmesse statt. Nicht die Zahl der Eintritte und Verkäufe macht diese Messe zu einem besonderen Anlass, sondern das sprachgewandte Besucherpublikum, die parallel laufenden Seminare für Verlagslektoren sowie die Begegnungen zwischen Autoren, Verlegern und Agenten.

Zum 22. Mal findet dieses Jahr die internationale Buchmesse von Jerusalem statt. Zev Birger, ihr Leiter, hat an der letzten Frankfurter Buchmesse in Gesprächen versucht, wieder vermehrt Verleger aus dem Ausland zur Teilnahme zu bewegen. Denn seit dem Ausbruch der zweiten Intifada haben zahlreiche Verlagshäuser aus dem Ausland ihre langjährige Teilnahme an der Messe abgesagt. Verleger Egon Ammann aus Zürich hat Birger in Frankfurt getroffen, er ist der einzige Verleger aus der Schweiz, der vom 13. bis zum 18. Februar an der Jerusalem International Book Fair an einem eigenen Stand die Publikationen seines Verlags zeigen wird. Das ist eine Premiere. Von zwei Reisen her kennt Ammann Israel, die zeitgenössische israelische Literatur ist ihm vertraut. «Es ist einerseits das Publikum, das mich dorthin zieht und auf das ich neugierig bin», sagt Ammann. Denn in Israel, dessen Bevölkerung aus so vielen Ländern stamme, finde sich eine breite Schicht von Leserinnen und Lesern, die Bücher in mehreren Sprachen liest. Ossip Mandelstam, Dostojewski und Fernando Pessoa, die in herausragenden Übersetzungen bei Ammann herausgekommen sind, sollen in Jerusalem gezeigt werden. Ammann führt immer noch die umfangreichste in russischer Sprache lieferbare Poesiesammlung Ossip Mandelstams. In Israel lebt heute eine Million Menschen, die aus den ehemaligen GUS-Ländern eingewandert sind, unter ihnen zahlreiche Intellektuelle. Auffallend ist auch das Interesse an deutschsprachigen Publikationen. Auf reges Interesse stossen stets die vielen deutschen Stände mit einer reichen und vielseitigen Auswahl an Titeln. Es gibt in Israel doch (noch) viele Deutsch sprechende Israeli, die zu ihrer Sprache zurückzukommen scheinen. Die deutschen Übersetzungen der arabischsprachigen Autoren Adonis und Machmud Darwisch – letzterer in der Nähe der israelischen Stadt Haifa geboren – sollen am Stand des Ammann Verlags präsentiert werden. Aber auch die Werke von Schweizer Autorinnen und Autoren wird Egon Ammann mitnehmen: «Es gibt Bestrebungen, Thomas Hürlimanns Buch mit dem Titel ‹Fräulein Stark› sowie Ruth Schweikerts ‹Augen zu› und ihren neuen Roman ‹Ohio› ins Hebräische zu übersetzen». In Jerusalem hofft Ammann aber auch auf Begegnungen mit jüngeren israelischen Autoren, auf die er neugierig sei. Und geplant ist eine Begegnung mit dem über 90-jährigen jiddisch schreibenden Autor Abraham Sutzkever. «Die Jerusalemer Buchmesse ist die internationalste Messe unter den nationalen Buchmessen», meint Ammann.

Weiterbildung für Verlagslektoren

Eva Koralnik von der renommierten Literaturagentur Liepman AG in Zürich wird ebenfalls in Jerusalem anzutreffen sein. Sie ist nicht zum ersten Mal dort. Die Agentur Liepman vertritt weltweit die Lizenzen von bekannten Autoren wie André Brink, Hugo Claus, Elias Canetti, Erich Fromm, Ryszard Kapuscinski, György Konrád, Hanna Krall und Aleksandar Tiˇsma. Zu den Schweizer Autoren, für deren Werke sie sich international einsetzt, gehören Peter Stamm, Christian Haller und Urs Richle. Zudem setzt sich die Agentur für die Verbreitung der Werke einer grossen Anzahl israelischer Autoren in Europa und in den USA ein. «Die Jerusalemer Buchmesse ist wirklich ganz besonders», meint Eva Koralnik, «im Rahmen eines einzigartigen, von der Holtzbrinck-Verlagsgruppe seit 20 Jahren gesponserten Programms werden hier alle zwei Jahre rund 30 jüngere Lektoren aus der ganzen Welt zu Seminaren und Kolloquien eingeladen, die während der Messe stattfinden. Die Teilnahme an diesem Programm, das in englischer Sprache durchgeführt wird, ist unter Lektoren sehr begehrt. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer werden von einem Auswahlkomitee vorgeschlagen. Nicht wenige der erfolgreichen Leiter angesehener Verlage in aller Welt haben diese Seminare des Editorial-Fellowship-Programms absolviert. Sie bilden eine über die Ländergrenzen hinweg aktive Gruppe mit regen Kontakten und treffen sich regelmässig zum Erfahrungsaustausch in Jerusalem und Frankfurt, wozu auch frühere Teilnehmer anreisen». Neben dem Editorial-Fellowship-Programm bietet die Buchmesse seit vier Jahren auch ein Agents-Fellowship-Programm, das von HarperCollins Publishers gesponsert wird. Es funktioniert analog zum Editorial-Fellowship-Programm, nur richtet es sich eben an Agenten in Verlagen.

Für Austausch ideal

Anders als in Frankfurt, wo Verlegerinnen und Verleger in der Hektik der Messe kaum Zeit für echte Begegnungen hätten, sei Jerusalem zudem ein idealer Ort für Gespräche, hat Eva Koralnik beobachtet. «Hier kann man noch mit den Spitzen der renommiertesten Verlage ins Gespräch kommen, hier finden sie noch Zeit für Gespräche mit den Autoren.» Dirk Vaihinger, Leiter des Verlags Nagel und Kimche in Zürich, wird dieses Jahr ebenfalls in Jerusalem anzutreffen sein, allerdings nicht mit einem Verlagsstand, dafür aber als Teilnehmer des Editorial-Fellowship-Programms. «Ich war noch nie an der Buchmesse in Jerusalem, aber das scheint deutlich: Es ist ja eine kleine Messe, und die Geschäftsabwicklungen stehen weniger im Vordergrund als das Knüpfen von Kontakten. Das Fellowship-Programm dient mir also dazu, bei der internationalen Vernetzung voranzukommen, und dafür bietet das Begleitprogramm, das die Messe für die Teilnehmer organisiert, eine ausgezeichnete Basis. Ausserdem scheint mir dieses Begleitprogramm mit den Vorträgen und Podien eine echte Möglichkeit der Weiterbildung.» Und Sabine Dörlemann vom gleichnamigen Verlag in Zürich erinnert sich: «Ich habe mit grosser Begeisterung an dem Editorial-Fellowship-Programm vor vier Jahren in Jerusalem teilgenommen und war auch das letzte Mal zur Buchmesse dort. Ich fahre in diesem Jahr nicht nach Jerusalem, mein kleiner Verlag lässt mich im Augenblick nicht fort, es ist niemand da, der sich für eine Woche um das Ganze kümmert. Das bedaure ich sehr, denn in Jerusalem findet man Zeit und Musse, sich mit Kollegen aus aller Welt auszutauschen.» Dörlemann war seinerzeit als Lektorin beim Ammann Verlag nach Jerusalem gereist, vor ihr hatte bereits Hans Jürgen Balmes, heute beim S. Fischer Verlag für die ausländische Literatur zuständig – und damals ebenfalls noch Lektor bei Ammann –, an dem Fellowship-Programm teilgenommen.
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