erschienen im st.galler tagblatt vom 20. dezember 2010


Meine Krawatten

Zu Weihnachten werden sie uns gern geschenkt, und manchmal schreiben Krawatten auch Familiengeschichte. Wie in diesem Fall. Michael Guggenheimer

Zweimal bloss in den vergangenen sechs Jahren habe ich eine Krawatte getragen. Ein Mal an einem Festakt in Polen, ein anderes Mal an einer Hochzeit in Utrecht. Seitdem ich nicht mehr festangestellt bin, hängen meine Krawatten funktionslos im Kleiderschrank.

Ich habe sie beim letzten Umzug gezählt: Ich besitze 76 Krawatten. Und ich habe keine einzige entsorgt. Manchmal denke ich, ich könnte wieder einen meiner Anzüge und eine Krawatte tragen. Und dann lass ich es doch sein.

Schräg gestreifte Klassiker

Vater war schon ein Krawattenträger. Vater liebte feine Stoffe. Vater kam jeden Tag mittags vom Geschäft nach Hause. Nach dem Essen und dem anschliessenden kurzen Mittagsschlaf wechselte er stets seinen Anzug, nachmittags trug er eine andere Krawatte als am Vormittag.

Das war schon immer so. Ich muss meine Liebe zu den Krawatten von ihm geerbt haben.

Ich kann mich gut an seine Krawatten erinnern, viele schräg gestreifte Klassiker in Blau und Braun, jede wunderbar gebügelt. Seidenkrawatten, kein einziges billiges Exemplar, nichts Gestricktes.

Ausschliesslich bei Nelly

Vater kaufte seine Krawatten in einem Laden mit Namen Nelly. Ausschliesslich bei Nelly. Vaters Krawattenverkäufer hiess Kafka, Arnold Kafka. Und Vater behauptete, Herr Kafka sei verwandt mit dem Schriftsteller. Vater mochte Bekanntschaften mit bekannten Leuten, auch wenn sie etwas indirekt waren.

Vaters Krawatten sind alle verschwunden. Bereits zwei Tage nach seinem Tod waren seine Anzüge, seine Hemden und seine Krawatten weg. Ich weiss nicht, weshalb Mutter sie alle so schnell entsorgt hat. Vielleicht wollte sie nicht jeden Tag beim Öffnen des Kleiderschranks an den altersverwirrten Vater erinnert werden, den sie so lange hatte pflegen müssen.

Manchmal vor meinem Geburtstag begleitete mich Vater in ein Herrenkleidergeschäft, wo ich mir einen Sakko, eine Hose, einen Blazer oder einen Anzug aussuchen durfte. Anschliessend gingen wir mit dem neuen Doppelreiher und mit dem dazu passenden Hemd zu Nelly, weil Vater auf Kafkas Geschmack schwor. Vater war in Sachen Geschmack ein Kafkaschüler.

Ein frühes Bild

Ich wurde so ein Krawattenträger, ich war es viele Jahre und gerne. Dabei hatte ich als Kind Krawatten gehasst. Es gibt ein Bild von mir, eine Fotografie aus den Fünfzigerjahren, auf der ich als sechsjähriger Junge zu sehen bin, wie ich einem Baum Wasser gebe. Ich trage kurze dunkle Hosen und ein weisses Hemd, ich halte einen Wasserschlauch mit beiden Händen und bewässere einen Baum. Und ich trage eine Krawatte!

Am Gummibändel

Wie ich als Kind diese Krawatten mit dem Gummibändel verachtet habe. Gummibändel! Diese ekelhaften Gummibändel am Hals! Es ist ein Bild, das wohl in einem Frühsommer aufgenommen wurde, es ist ein heisser Tag und ich trage Sandalen und eine Krawatte.

Keiner meiner Mitschüler besass damals eine Krawatte. «Krawatnik» nannten die anderen Kinder meinen Vater. Ich besass damals drei oder vier Krawatten. Krawatte musste ich tragen, wenn wir am Wochenende Grossvater oder Vaters Schwester besuchten.

«Für Grossvater machst Du Dich schön», hatte es stets geheissen. Und ich liebte Grossvater. Ich liebte ihn mehr als meinen Vater.

In Grossvaters Garten

Für Grossvater trug ich gerne eine Krawatte. Aber diese Gummibändel! Das Bild vom krawattetragenden Jungen, der einem Baum Wasser gibt, wurde in Grossvaters Garten aufgenommen. Niemals hätte ich mich getraut, vor meinen Spielkameraden oder Mitschülern mit einer Krawatte aufzutreten.

Niemals hätte ich zugegeben, überhaupt eine Krawatte zu besitzen oder gar zu tragen, wo doch die Nachbarn und die Eltern meiner Kameraden fast alle Linke waren, Sozialdemokraten und Sozialisten. Sozis tragen keine Krawatten.

Mein Sohn zeigte mir bei einem meiner Besuche bei ihm seine einzige Krawatte. Er sagt, er hätte sie an einer Hochzeit getragen.
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