St. Galler Tagblatt, 22. Februar 2005


Deutschland sucht…

Zehn Kandidatinnen wollen Kulturhauptstadt 2010 werden. Beobachtet: Die Schönheitskür in Görlitz

Zehn deutsche Städte bewerben sich um die Nominierung als «Europäische Kulturhauptstadt 2010». Eine Jury soll bis Mitte März eine der Kandidatinnen empfehlen. Eindrücke vom Besuch der Juroren in Görlitz.

Sie kam abends an. Inkognito. Im silbriggrauen Reisebus, getönte Fensterscheiben. Die Jury. Vormittags Braunschweig, nachmittags Halle, abends Görlitz. Die deutsch-polnische Doppelstadt an der Neisse ist Prüfungskandidatin für den nächsten Morgen im Rennen um die Nominierung als Kulturhauptstadt. Deutschland und Ungarn können in fünf Jahren je eine Stadt präsentieren, den endgültigen Entscheid fällt Brüssel. Zehn deutsche Städte sind in der landesinternen Ausscheidung.

«Deutschland sucht den Superstar» unter den Kultur-Städten, die Kandidatinnen machen sich schön. Dreieinhalb Stunden hat die Jury pro Stadt, keine Stadt darf bevorzugt werden. In Halle, wo sie eben herkommen, hat der frühere Aussenminister Hans-Dietrich Genscher durch seine Stadt geführt, hat zu lange gezeigt und zuviel gesprochen, worauf die Jury den Besuch von Kultur-Kaufhaus und Händel-Haus vom Programm strich.

Schöne Häuser genügen nicht

Am nächsten Morgen verlassen die Damen und Herren der Jury ihr Hotel bereits mit zehn Minuten Verspätung. In der Galerie K3 («Kultur Kaffee Kommunikation») beginnt der Rundgang. Am Stadtmodell wird erklärt, wie Zgorzelec und Görlitz zusammenwachsen sollen. «Brückenpark» nennt sich das Projekt, dessen Ecksteine die leer stehende Synagoge, die geschlossene Stadthalle und das etwas marode Dom Kultury auf polnischer Seite sind. In der Galerie sind auch Görlitz' berühmte Söhne abgebildet. Jakob Böhme, Schuster und Philosoph. Johannes Wüsten, Maler und Dichter. Der Franzose Olivier Messiaen, der im Winter 1940 in einem Kriegsgefangenenlager sein berühmtestes Stück komponiert hat. Ein Literaturhaus soll dereinst den Namen Arno Schmidts tragen, der in Görlitz das Gymnasium besucht hat. Nach zwanzig Minuten «Kultur Kaffee Kommunikation» beginnt die Stadtrundfahrt. Der Stadtbildpfleger erläutert vom fahrenden Bus aus die Sehenswürdigkeiten. Adolf Muschg, Schweizer Schriftsteller und Mitglied der Jury, hatte zuvor schon erklärt, dass schöne Bauten allein für eine Nomination nicht reichten, tragende Ideen mit einer europäischen Perspektive müssten her. Am Untermarkt steigt die Jury aus, eine Gruppe von Kunststudenten lässt sich nebenan von einem Kunsthistoriker frühmorgens und bei klirrender Kälte seit einer halben Stunde schon die Schönheit erklären. Die Jury nimmts mit Entzücken zur Kenntnis. Zwölf Minuten müssen reichen für den Besuch der barocken Oberlausitzischen Bibliothek der Wissenschaften und für das Physikalische Kabinett. Leuchtende Gesichter beim Verlassen des Gebäudes. Junge Historiker waren da bei der Arbeit zu sehen, wie sie in dicken Folianten der Geschichte der Region nachgehen. Muschg meint angesichts der schönen Häuser und der Bibliothek, hier müsste man nochmals hin, hier müsste man sich Zeit nehmen, um einen Roman zu schreiben.

Auf der Brücke

Jetzt geht es zu Fuss hinunter zur Neisse, auf der neuen Altstadtbrücke kommen der Jury die polnischen Bürgermeister entgegen. Man soll merken, wie hier zwei Städte und zwei Länder zusammenwachsen. Denn Görlitz setzt auf die binationale Doppelkandidatur. Man will zeigen, wie Europas Osten und Westen zusammenfinden. Fahrt durch Zgorzelec. Die Jury ist bereits 12 Minuten verspätet. Also zurück nach Deutschland. Zehn Minuten Synagoge. Das Haus, in dem seit 1938 keine Gottesdienste mehr stattfinden, wurde lange Zeit als «bespielbare Baustelle» genutzt. Seit drei Jahren ist es geschlossen wegen bürokratischer Vorgaben. Die Jurypräsidentin schaut besorgt auf die Uhr. Die vorgesehene Besichtigung der Eisenbahnwaggonfabrik wird gestrichen. Aussteigen vor dem städtischen Theater, die Jury geht an einer Menschenschlange vorbei: In Görlitz stehen die Theaterbesucher schon morgens um zehn an der Kasse an. Im Foyer findet das Hearing der Jury statt. Dann zeigt die Uhr zehn nach elf, Zeit für den Aufbruch. Im Treppenhaus kommt noch die Rede auf die vielen Entwurzelten, auf die vielen Vertriebenen beidseits der Neisse. Sie müssten auch noch Thema der Bewerbung sein. Denn das polnische Zgorzelec war bis 1945 deutsch. Und auch Görlitz weist viele Nachfahren von Vertriebenen aus dem deutschen Schlesien auf. Die Jury besteigt den Bus, jetzt ist es höchste Zeit für Potsdam. Nach dreieinhalb Stunden wird dann auch diese Stadt abgehakt sein.
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