Interview mit der Sächsischen Zeitung, 9. 05. 2006


Weltweite Lebensläufe
Jazzsaxophonist Bruno Spoerri und Michael Guggenheimer treten gemeinsam auf im Theater Görlitz

Herr Guggenheimer, Sie haben die Kulturhauptstadt-Präsentation in Brüssel entscheidend mit vorbereitet. Wie haben Sie das «Nein» verarbeitet?

Ich sitze derzeit an einem längeren Text über die drei Tage in Brüssel. Ausschnitte daraus will ich am kommenden Montag auch im Theater Görlitz vorstellen.

Hat Sie die Entscheidung im April überrascht?

Ich war ein bisschen wie ein Fußball-Fan, der nicht sehen wollte, dass die andere Mannschaft, Essen, auch eine Chance hat. Als ich der Jury gegenüber saß, wurde ich allerdings skeptisch – mit Ausnahme des österreichischen Jurymitglieds kannte keiner jene Fragen, die einer Region eigen ist, in der Ost und West zusammenkommen. Ich bin aber überzeugt davon, dass die Europastadt einen Aufschwung erleben wird. Die vielen Aktionen im Rahmen der Bewerbung haben auf die Stadt gesamteuropäisch aufmerksam gemacht. Und an diesem Wochenende wird mit dem Schlesischen Museum ein Publikumsmagnet eröffnen, ein Juwel von einem Museum...

Viele Görlitzer kennen Ihr Buch «Schicht um Schicht. Spuren einer Zukunft». Was erwartet die Gäste am Montag?

Es wird am Anfang einen größeren Block von Texten geben, die mit Görlitz zu tun haben; dann einige Texte aus anderen Städten, mit denen ich mich verbunden fühle: Amsterdam, Tel Aviv, New York. Und als Abschluss wieder eine Textfolge über Görlitz.

Wie passt das zusammen?

Ich glaube, dass sich diese Städte gar nicht so sehr unterscheiden. Überall leben Menschen, die älter werden, Kinder groß ziehen, ihr Leben leben. Und überall gibt es Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen auf Wanderschaft gegangen und gerade dort gelandet sind. In Tel Aviv habe ich vor kurzem eine ehemalige Görlitzerin gefunden, die 1933 von hier geflohen ist. In Görlitz wiederum leben Menschen, die von weiter östlich vertrieben wurden. Andere sind aus freien Stücken aus dem Westen zugezogen.

Sehen Sie sich eher als Künstler oder als Journalist?

Ich nenne mich ungern einen Schriftsteller, vielleicht, weil ich die deutsche Sprache mit 16 Jahren erst erlernen musste. Ich bin Publizist, der als Autor und als Fotograf arbeitet. Als Autor schreibe ich nicht nur journalistische Texte, sondern auch Erzählungen – wenn Sie so wollen, Kunst.

Nun stellen Sie Ihre Texte gemeinsam mit dem Jazzmusiker Bruno Spoerri vor. Wie kommen Musik und Text zusammen?

Mit Bruno Spoerri verbindet mich eine lange Geschichte. Ich kenne ihn seit meiner Jugend. Von Hause aus ist er Psychologe, stammt aber von einer angesehenen Musikerdynastie aus der Ukraine ab und gehört zu den besten Jazzsaxophonisten der Schweiz.

Was bekommen wir zu hören?

Bruno Spoerri gilt in der Schweiz auch als Begründer der elektronischen Musik, hat zahlreiche Filmmusiken komponiert. In Görlitz wird er zu meinen Texten improvisieren.


Die Fragen stellte Frank Seibel

Montag,15. Mai, um 19.30 Uhr Theater Görlitz, Demianiplatz 2, Görlitz: Vom Jesusbäcker und vom Aufzugstyrannen. Karten zum Preis von fünf, sieben oder zehn Euro im SZ-Treffpunkt im City-Center.
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