Erschienen in «Literaturvermittlung über alle Sprachgrenzen hinweg» –
Übersetzerhaus Looren, hg. von der Max Geilinger-Stiftung,
Zürich, 20. Okt. 2012


Looren – ein Ort zum Übersetzen
«Die Frage ist, weshalb ich wieder nach Wien soll»
Von Michael Guggenheimer

«Wien ist überschwemmt von Touristen. Und laut ist die Stadt, nicht nur der Verkehr verursacht so viel Lärm, es sind auch die vielen Baustellen. Es gibt Tage, da fällt es mir schwer, in Wien konzentriert und in Ruhe zu arbeiten.» Die, die das sagt, heisst Doreen Daume. Sie ist Übersetzerin, wohnt in Wien und hat gerade Slawomir Mrozeks Tagebücher aus den Jahren 1962 bis 1969 vor sich. Das Fenster ihres Arbeitszimmers ist weit geöffnet, sie blickt ins Grüne, in der Ferne ist das Krähen eines Hahns zu hören, aber kein Auto und auch kein Presslufthammer. «Hier kann ich richtig arbeiten und mich gleichzeitig besser entspannen», sagt sie. Sie war früher Klavierlehrerin und hat im Alter von 33 Jahren das Studium der polnischen Sprache aufgenommen. Heute ist sie literarische Übersetzerin.

Eulalia Sariola aus Barcelona, die Aharon Appelfelds Roman «Tsili» in Hebräisch vor sich liegen hat, schaut aus ihrem Fenster im Erdgeschoss in den Garten hinaus und sagt: «Das Klima hier ist in jedem Sinn des Wortes ein ganz besonderes: Ein toller Arbeitsplatz, gute Leute an der Arbeit, ein hilfreiches Team und viel Zeit und Freiheit». Als junge Frau zur Zeit der Franco Diktatur hatte sie vom Leben in den israelischen Kollektivsiedlungen gelesen und sich entschlossen, dorthin zu reisen, um dort in einem Kibbutz Hebräisch zu lernen. Heute arbeitet sie als literarische Übersetzerin, die Romane und Kinderbücher vom Hebräischen ins Katalanische übersetzt. «Es ist nicht einfach, in Barcelona als Übersetzerin zu arbeiten. Alle die Ablenkungen, alle die Menschen, die man kennt», sagt sie.

Doreen Daume und Eulalia Sariola wohnen und arbeiten in Grossstädten, sie sind Übersetzerinnen literarischer Texte und verbringen beide immer wieder eine intensive Arbeitszeit im selben Haus auf dem Land. Übersetzerhaus Looren heisst das Haus, das oberhalb von Hinwil im Dorf Wernetshausen liegt. Irgendwann hat jemand den Ausdruck «Übersetzeralp» für den Ort geprägt. Idyllisch die Lage: Von hier aus sieht man die Alpenkette und den Zürichsee. Im nahen Bauernhof etwas unterhalb des Hauses sieht man Menschen an der Arbeit. Manchmal führt ein Spaziergang sogar zum Stall und zu einem Gespräch mit dem Pächter. Wernetshausen ist eine von sechs Aussenwachten – so die offizielle Bezeichnung – von Hinwil. Das Dorf liegt auf 725 Metern am Westhang des Bachtels, im Herbst ist man hier oft über der Nebelgrenze. Und auch wenn bekannte Schriftsteller aus aller Welt im Visier der Arbeit der Übersetzer in Looren sind, der gegenwärtig prominenteste Wernetshauser heisst Ueli Maurer, seit 2008 Mitglied des Bundesrates, der das Übersetzerhaus von aussen schon gesehen hat. Bis anhin allerdings nur von aussen.

Ein grosser Garten, ein gedeckter Sitzplatz, ein geräumiges Haus mit zehn Gästezimmern, ein Seminarraum, ein grosszügiger Salon mit vielen Büchern, weitere Bücher im Seminarraum im Untergeschoss, in einer Compactusanlage sowie im Treppenhaus, eine modern eingerichtete grosse Küche sowie ein Essraum. Das ehemalige Wohnhaus einer achtköpfigen Familie wurde hier vor acht Jahren so sanft umgebaut, dass kein Passant, der das Haus früher gekannt hat, von aussen merken würde, dass hier ein wichtiger Kulturort beheimatet ist. Die zehn Gästezimmer im Haus tragen alle Namen von Autorinnen und Autoren aus allen vier Sprachregionen der Schweiz: Robert Walser ist hier ebenso anzutreffen wie Blaise Cendrars, Andri Peer und Angelo Nessi. Es sind Autoren, die die 114 Gäste des Hauses, die im vergangenen Jahr aus rund vierzig Ländern nach Looren gekommen sind, nicht unbedingt kennen. Ein stilles Haus ist es. Ein Haus, in dem meistens acht bis zehn Übersetzerinnen und Übersetzer intensiv und konzentriert an der Arbeit sind: Sie sitzen in ihren Zimmern, tippen ihre Texte ein, drucken sie aus und überarbeiten sie, um sie nochmals auszudrucken und wieder zu überarbeiten, sie konsultieren Wörterbücher, zwischendurch treffen sie sich in der Gemeinschaftsküche, erzählen sich, woran sie gerade sind. Und wenn gerade ein Gast aus einer ehemaligen Teilrepublik der früheren UdSSR da steht, der sich nicht mit einer Besucherin aus Spanien unterhalten kann, weil ihnen eine gemeinsame Sprache fehlt, dann findet sich immer jemand im Haus, der zwischen den beiden sprachlich vermitteln kann.

Fährt man am Übersetzerhaus spätnachts auf dem Rückweg vom nahen Ausflugsrestaurant Hasenstrick vorbei, dann staunt man nicht schlecht, aus wie vielen Fenstern noch Licht dringt. Übersetzer kennen ungewöhnliche Arbeitszeiten. Manche sind Nachtarbeiter, die die Stille der Nacht benötigen, um sich konzentriert auf einen erzählerischen Text einzulassen, morgens um vier begeben sie sich nach getanem Nachtwerk in die Küche, um sich anschliessend für eine kurze Weile ins Bett zu legen. Andere arbeiten am kreativsten am Morgen und dann erst wieder am späteren Nachmittag. Mittags machen sie einen ausgedehnten Spaziergang, legen sich hin, kochen sich eine Mahlzeit und nehmen nach 18 Uhr wieder ihre Arbeit auf. Wiederum andere arbeiten acht Stunden am Stück in ihren Klausen und lassen sich zwischendurch nicht blicken. «In Looren gibt es keine Regelarbeitszeiten. Übersetzen ist ein kreativer Akt, der sich nicht nach den üblichen Bürozeiten richtet», sagt Gabriela Stöckli, Leiterin des Hauses. Vor Soheyla Pashang aus Karaj-Alborz im Iran ist ein Buch von Ursula Priess aufgeschlagen, nebenan ist der Laptop und liegen dicke Wörterbücher, der Cursor des Bildschirms flackert ungeduldig und fordert sie auf, ihre Version des Textes in ihrer Muttersprache Farsi einzutippen. Sie erfindet zwar keine neue Handlung und doch schreibt sie das Werk einer Autorin neu, sucht nach geeigneten Formulierungen, versucht Sprachbilder der Ausgangssprache, die es in der Zielsprache so nicht gibt, durch andere zu ersetzen. Und weil ihr Thema das Leben von Max Frisch ist, begibt sie sich auch nach Zürich, um Zeitzeugen zu treffen und Frischs Wirkungsorte aufzusuchen.

Übersetzungen eröffnen Welten, bieten Brücken in andere Kulturen und Lebensweisen. Übersetzer ermöglichen es Menschen in einem Land Geschichte und Geschichten, Alltag und Verhaltensweisen aus einem anderen Land und aus einer fremden Kultur kennenzulernen und zu verstehen. In einer Zeit, in der Länder angesichts der Reisemöglichkeiten näherrücken, wollen Lesende das Leben in fremden Ländern kennenlernen. Erzählungen lassen sie erleben, wie man in Chile oder China lebt, fremde Autoren, deren Werke übersetzt wurden, machen mit Leben anderswo vertraut. Übersetzen sei ein einsamer Beruf, heisst es immer wieder, denn der Übersetzer arbeitet in der Stille seines Arbeitsortes durch die Handlung einer Erzählwelt, die ein anderer geschaffen hat. Wörterbücher helfen ihm dabei, er konsultiert Lexika und weitere Nachschlagewerke zur Kultur eines Landes, er nutzt Google, Wikipedia und Online-Wörterbücher wie den Leo, manchmal nimmt er Kontakt auf mit dem Autor, dessen Werk er überträgt, weil ihm die eine oder andere Formulierung des Autors unklar oder mehrdeutig ist. Übersetzer sind die wohl präzisesten Leser eines Werks. Ihre Arbeit hat nicht selten zur Folge, dass die Originalfassung eines Romans in einer zweiten Auflage verändert wird. Kreative Übersetzer erleben Lesende dann, wenn sie beim Lesen eines Werks meinen, das Buch sei wunderbar geschrieben, die Sprache sei so schön oder elegant. Mitunter vergessen sie angesichts einer guten Übersetzung, dass sie eine Übersetzung lesen.

Die Übersetzerin oder den Übersetzer kennen Lesende in der Regel nicht. Erst in den letzten Jahren kommt es vor, dass ihr Name auch auf dem Buchcover zu sehen ist, ihre Kurzbiografie erwähnt wird. Wenige literarische Verlage erst erlauben in letzter Zeit der Übersetzerin oder dem Übersetzer, ein Nachwort zu veröffentlichen, in dem sie ihr Vorgehen und ihre Probleme bei der Arbeit schildern können. Leser haben den Namen des Autors im Kopf, auch wenn sie während der Lektüre die Übersetzung loben. An Lesungen sind Übersetzer selten anwesend. Autoren, deren Werke in eine andere Sprache übertragen werden, können in der Regel nur selten beurteilen, wie die Übersetzung ihres Romans oder ihrer Kurzgeschichten ausgefallen ist. In vielen Ländern haben Übersetzer selten die Gelegenheit, Berufskollegen zu treffen, sich mit ihnen auszutauschen, vielleicht sogar noch mit anderen Übersetzern desselben Werks zusammenzusitzen und sich die kniffligen Stellen eines Originaltextes anzuschauen und gemeinsam sowie in Anwesenheit des Autors zu besprechen.

In Looren ist das möglich! Looren war zur Zeit seiner Gründung vor sieben Jahren ein Risiko und ist heute ein Erfolg. Als sich eine Gruppe von engagierten Leuten daran machte, das frühere Haus von Verleger Albert Züst und seiner Frau Katharina in Wernetshausen einem neuen Zweck zuzuführen, da war nicht klar, ob die Idee, ein Übersetzerhaus auf dem Land einzurichten, ein Erfolg sein würde. Ob Übersetzerinnen und Übersetzer sich bereit finden würden, mehrere Wochen in einem Haus ausserhalb eines kleinen Dorfes aufzuhalten. Mehreren Übersetzerinnen und Übersetzern , deren Namen im deutschen Übersetzerverzeichnis vermerkt waren, wurden Briefe geschrieben, in denen die Idee eines Übersetzerhauses in der Schweiz vorgestellt wurde. Da das Echo sehr positiv ausfiel, wurde beschlossen, den Schritt zu wagen. Innerhalb von fünf Jahren werde sich schon zeigen, ob die Nachfrage gross genug sei. Als das Haus eröffnet wurde, musste Gabriela Stöckli, neugewählte Geschäftsleiterin, noch ordentlich die Werbetrommel in Übersetzerkreisen rühren, damit die Gästezimmer belegt werden konnten. Das ist, sieben Jahre nach der Eröffnung ganz anders: Looren hat ein Renommee, die Qualität des Hauses hat sich herumgesprochen, um Gäste muss das Haus nicht mehr werben. Nicht wenige Übersetzer, die in Looren weilen, waren schon mehrere Male hier zu Gast. So konzentriert sind die meisten an der Arbeit, dass sie nur selten in die Stadt fahren. Man fährt zur Zentralbibliothek nach Zürich, manchmal um eine Autorin oder einen Autor oder eine Mitarbeiterin der Kulturstiftung Pro Helvetia zu treffen. Und wer sich unter den regelmässigen Gästen des Hauses umhört, der erfährt, dass das Haus zwei Elektroräder besitzt, mit denen man ins Dorf fahren kann und dass ein Buxi, ein Bus-Taxi, sogar bis Mitternacht vom Bahnhof Hinwil nach Looren fährt, das Übersetzerhaus somit zwar auf dem Lande aber nicht unerreichbar ist.


Das Übersetzerhaus ist in der Schweiz einzigartig. Ein Haus, das Übersetzern die Möglichkeit bietet, während mehreren Tagen, Wochen oder sogar bis längstens drei Monate ungestört arbeiten zu können. Einzig um die Weihnachtszeit und den Jahreswechsel ist das Haus geschlossen. Zehn Zimmer weist das Haus auf, die heute sehr gut belegt sind und im Jahr etwa 100 Besucher beherbergen. Die Institution arbeitet bewusst nicht gewinnorientiert. Möglich machen das Mäzene, dank denen Looren finanziell gesehen kein Erfolgsgeschäft sein muss. Als für das ehemalige Familienwohnhaus eine neue Bestimmung gesucht wurde, hatte man auch überlegt, ein Behindertenheim einzurichten. Die Publizistin und ehemalige Auslandredaktorin Regula Renschler war es, die im Gespräch mit der Biologin Brigitta Züst, einer Tochter von Albert und Katharina Züst, die Idee aufbrachte, in einem mehrsprachigen Land einen Ort für Übersetzungen einzurichten. Der Eigentümerin des Hauses gefiel diese Idee umso mehr, als Albert Züst, der das Haus hatte erbauen lassen, zwar ein Bauerngut betrieben hatte aber als gelernter Buchhändler auch Verleger belletristischer Bücher gewesen war, dessen Verlagsprogramm zu einem Drittel aus Übersetzungen bestanden hatte. Einer finanziell nicht auf Rosen gebettete Gruppe von Menschen, die für den Dialog zwischen den Kulturen so wichtig ist, sollte in Wernetshausen die Möglichkeit geboten werden, sorgenfrei arbeiten zu können.

Dass dies möglich ist, verdanken die Übersetzerinnen und Übersetzer nicht nur den Stiftern des Hauses. Ein Team von fünf Mitarbeitenden ist in Looren tätig. Von Anbeginn ist die Hispanistin Gabriela Stöckli, die Leiterin des Übersetzerhauses mit dabei. Dass Looren mit anderen Organisationen wie dem Centre de Traduction Littéraire an der Universität Lausanne (CTL), mit der Weltlesebühne, mit dem Berufsverband Autoren der Schweiz (AdS) oder mit der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia Kooperationen eingeht, ist ihrem Einsatz zu verdanken. Die Slawistin Zorka Ciklaminy ist für die rasch wachsende Bibliothek zuständig. Monica Mutti, Leiterin von Schreibwerkstätten und Autorin eines Kinderbuchs, besorgt die Administration und muss sich immer wieder auch im Kontakt mit Botschaften, Konsulaten, Migrations- und Arbeitsämtern um Einreise- und Aufenthaltsgenehmigungen für Gäste aus Ländern bemühen, die hiesigen Behördenvertretern nicht so vertraut sind. Die Anglistin Florence Widmer ist für die seit geraumer Zeit an Zahl nehmenden Veranstaltungen im Haus und auswärts zuständig, während der ehemalige Sozialarbeiter und Hotelier Marco Rüegg als Hauswart fungiert, der sich rundum um die Gäste des Hauses kümmert und einmal die Woche für alle ein Abendessen zubereitet. Für sie alle, die sich diskret im Hintergrund halten, sind die Gäste des Lobes voll. «Hier fühlt man sich gleichzeitig frei und gut betreut, findet bei den Mitarbeitern stets gute Zuhörer, die einem jederzeit hilfreich zur Seite stehen», sagt Doreen Daume.

Die Eigentümerin des Hauses vermietet das Gebäude für eine symbolische Gebühr. Zudem setzen sich Stiftungen wie Pro Helvetia oder die Robert Bosch Stiftung mit Unterstützungsbeiträgen für Workshops ein. Und was so besonders ist: Looren nimmt nicht nur Übersetzer auf, die in einer der vier Sprachen der Schweiz arbeiten. Hier kann also jemand arbeiten, der ein Buch aus dem Japanischen ins Russische übersetzt oder aus dem Spanischen ins Norwegische. Das ist anders als im niederländischen Vertalershuis in Amsterdam, in dem Werke ausschliesslich niederländischer Autoren in andere Sprachen übersetzt werden und anders auch als im Collège International des Traducteurs Littéraires in Arles, das primär Übersetzern offen steht, die aus dem Französischen oder ins Französische übersetzen. Dass Literatur aus der Schweiz trotz der Offenheit für alle Sprachen und alle Literaturen in Looren gar nicht zu kurz kommt, zeigt ein Blick auf die Namen von Autoren, an deren Werke im Jahr 2011 hier gearbeitet wurde: 21 Übersetzerinnen und Übersetzer arbeiteten im vergangenen Jahr während ihres Aufenthaltes in Wernetshausen an der Übertragung von Werken Schweizer Autorinnen und Autoren. Unter ihnen befanden sich Bücher von Friedrich Glauser, Philippe Jaccottet, Adolf Muschg, Melinda Nadj Abonji, Giovanni Orelli, Anne Perrier, Annemarie Schwarzenbach, Ilma Rakusa, Christoph Simon, Vincenzo Todisco und Robert Walser. Interessanterweise zeigt der Trend markant nach oben, denn bis Ende Juli 2012 haben bereits 27 Übersetzer in Looren an Werken von Schweizer Schriftstellern gearbeitet. Dabei wurden u.a. Texte übersetzt von Arno Camenisch, Alex Capus, Catalin Dorian Florescu, Plinio Martini, Klaus Merz, Giorgio Orelli, Fabio Pusterla, Werner Renfer, Anna Ruchat, Robert Walser und Urs Widmer.

Am ähnlichsten dürfte Looren dem Europäischen Übersetzer-Kollegium Nordrhein-Westfalen in Straelen sein, dem ältesten der europäischen Übersetzerhäuser, das im Jahr 1978 gegründet wurde und das den Gründern von Looren zum Teil auch Modell gestanden ist. Beiden Orten ist die Offenheit für alle Literaturen der Welt gemeinsam. Und doch unterscheiden sie sich: Looren weist anders als Straelen, das von einem Bundesland und von der Standortgemeinde finanziert wird, eine private Vereinsträgerschaft auf. Das europäische Übersetzerkollegium ist inmitten einer kleinen Stadt in einer topfebenen Landschaft domiziliert und kann in mehreren aneinandergebauten Häusern gleichzeitig dreissig Gäste aufnehmen. Und weil jede Bibliothek auch mit den Jahren wächst, ist diejenige von Straelen beeindruckend: 110 000 Bände in 275 Sprachen, 25 000 von ihnen sind Wörterbücher und Lexika sowie spezifische Referenzwerke. Kataloge von Möbelhäusern und Versandhäusern, Beschreibungen von Maschinen und architektonische und kunsthistorische Bücher gehören zur Straelener Bibliothek, die mit den Jahren so sehr gewachsen ist, dass in jedem der Gästezimmer des Hauses viele Bücher einer Bibliothek stehen, die allen in Straelen zur Verfügung stehen. Zudem stehen im Haus 45 Computer zur Verfügung. Noch ist die Bibliothek in Looren nicht so gross, sie ist in den Jahren seit der Eröffnung aber so sehr gewachsen, dass derzeit nach Raum für Bücher gesucht wird, Architekten Pläne schmieden, damit die Bücher der Bibliothek, die Jahr für Jahr um etwa 700 Bände wächst, in Zukunft nicht in den Gästezimmern untergebracht werden. Während beim Übersetzerkollegium ein ganzer Raum voller Bücher ist, die in Straelen übersetzt wurden, sind im jüngeren Looren auch schon zwei Büchergestelle im Eingangsbereich mit Büchern gefüllt, die in Wernetshausen übersetzt wurden.

Straelen und Looren bieten mehr als Ruhe, Arbeitsräume und Arbeitsinstrumente. An beiden Orten finden regelmässig Workshops statt. Der russische Schriftsteller Mikhail Schischkin etwa weilte während einer Woche in Looren mit all seinen elf Übersetzerinnen und Übersetzern, die gerade daran waren, seinen neuen Roman ins Deutsche, Norwegische, Litauische, Italienische, Ungarische, Tschechische, Serbische, Rumänische, Finnische, Schwedische, und Färöische zu übersetzen. In Straelen weilte der deutsche Autor Eugen Ruge mit seinen Übersetzern aus neun Ländern während einer Arbeitswoche, um den Übersetzern die Möglichkeit zu geben, Wendungen in seinem letzten Roman zu erläutern, die für sie verwirrend waren, die die ostdeutsche Alltagsrealität der DDR-Zeit nicht bis in Details kennen. Der israelische Autor David Grossman sass mit allen seinen Übersetzerinnen und Übersetzern in Straelen, um mit ihnen sein neues Buch, das schwierige lyrische Passagen enthält, zu besprechen. In Looren wird der Schweizer Autor Christian Kracht im kommenden November seinen Übersetzern begegnen, um ihnen bei der Lektüre seines neuen Romans «Imperium» Auskunft zu geben. Looren lädt im Rahmen einer Reihe, die Vice-Versa heisst, Übersetzer, die zum Beispiel vom Polnischen ins Deutsche und umgekehrt übersetzen, zu einem Workshop ein, bei dem jeder der Anwesenden seine Arbeit vorstellen und seine Fragen mit den anderen Fachpersonen besprechen kann. Zu diesen Workshops gehört jeweils die Einladung eines Schweizer Autors zu einer Lesung mit anschliessendem Gespräch. Looren verspricht sich von einer solchen Begegnung, dass irgendjemand unter den anwesenden Übersetzern, der als Scout für einen ausländischen Verlag arbeitet, das Werk des vortragenden Autors einem Lektor im Ausland anpreisen könnte. Der Wirkungskreis des Übersetzerhauses hat sich mit der Zeit über Looren hinaus erweitert: Jahr für Jahr ist das Übersetzerhaus an den Literaturtagen von Solothurn mit einer Werkstatt beteiligt, an der Lesende zuschauen und zuhören können, wie sich Übersetzer mit dem Werk eines Autors auseinandersetzen, wo man mitunter auch verfolgen kann, wie eine Übersetzung Wort für Wort und Zeile für Zeile wächst. Im Zürcher Sogar Theater können Leser Gesprächen zwischen Autoren und ihren Übersetzern folgen.

Dafür, dass in Looren nur qualifizierte Übersetzer an der Arbeit sind, sorgt das Anmeldeverfahren, das heute elektronisch verläuft. Wer hier arbeiten will, füllt eine Onlinebewerbung aus, legt einen Lebenslauf bei und unterbreitet einen unterschriebenen Verlagsvertrag, damit Looren weiss, dass ein Verlag, das Werk, dessen Übersetzung in Angriff genommen wird, auch wirklich zu publizieren beabsichtigt. Mindestens ein übersetztes Werk muss der Gesuchsteller bereits publiziert haben. Die Aufenthaltsgebühr in Looren ist mit Fr. 50.- für die ersten beiden Wochen ebenso symbolisch wie für jede weitere Woche, die Fr. 25.- beträgt. Vom literarischen Übersetzen kann kaum jemand wirklich leben, sagt Gabriela Stöckli, Geschäftsleiterin in Looren. «Übersetzer verdienen wenig. Nicht wenige arbeiten nebenher als Übersetzer von Sachtexten oder in einem anderen Berufsfeld, bis sie wieder einen Auftrag erhalten.» Daher sei es wichtig, die Aufenthaltsgebühren in Looren tief zu halten.

«Hier herrscht ein Spirit». Eulalia Sariola, die im Sommer 2012 zum fünften Mal in Looren weilte, hat in Looren bereits den Roman «Anashim Tovim» des jungen israelischen Autors Nir Baram ins Katalanische übersetzt. «Ich bin überzeugt davon, dass eine gute Übersetzung auch von der Umgebung abhängt, in der sie entsteht. Looren ist ein unvergleichlich guter Ort!». Doreen Daume kommt immer wieder nach Looren. Hier hat sie schon Olga Tokarczuks Roman «Gesang der Fledermäuse» übersetzt und «Die Zimtläden» von Bruno Schulz aus dem Polnischen ins Deutsche übertragen. Dafür wurde sie 2007 mit dem Zuger Übersetzerstipendium, dem höchstdotierten Übersetzerpreis im deutschen Sprachraum ausgezeichnet. «Es ist ein Paradies», antwortet sie auf die Frage, weshalb sie immer wieder nach Looren kommt. «Die Frage ist vielmehr, weshalb ich wieder nach Wien soll», sagt sie.
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