entwürfe, Zeitschrift für Literatur, Nr. 42, Frühling 2005


Mehrling

Ich bin ein Zwilling. Ein Mehrling. Meine Zwillingsbrüder heissen André, Daniel und Harald. Mein erster Zwillingsbruder ist vor bald fünfzehn Jahren gestorben. Ich war gegen dreissig, als ich erstmals von ihm erfuhr. Die beiden älteren Damen hatten den Zug in Amsterdam bestiegen. Wir sassen in einem Sechserabteil und irgendwann – reichlich spät – wir hatten Freiburg schon passiert, kamen die beiden vom Speisewagen zurück. Sie hatten beim Essen Mut gefasst. Jedenfalls sprach mich eine der beiden an: «So schön, Sie kennen lernen zu dürfen!». Ich schaute die beiden an und sagte: «Ja, das kann einem bei einer langen Zugfahrt passieren», ohne zu wissen, weshalb es so schön war, gerade mich kennen gelernt zu haben. «Sie sind doch der Schriftsteller André Kaminski, wir kennen Ihre Bücher!». Ich war erstaunt. Denn Kaminski war mehr als zwanzig Jahre älter als ich. «Schön?», sagte ich und dachte an den grossen Altersunterschied. «Ja, wir beide lieben Ihr Buch 'Nächstes Jahr in Jerusalem', es ist ein so wunderbar witziges Buch». André Kaminski und mich verband unser Judentum. Das wusste ich. Und vielleicht auch noch die Tatsache, dass ich sein Buch auch gelesen hatte. «Ja», gab ich zur Antwort. Und ich meinte das Buch. Damals war ich vorübergehend wieder Bartträger. Und mein Barthaar war schon an mehreren Stellen angegraut. «Ja, ich mag das Buch auch sehr», sagte ich. «Wie schön, dass ein Schriftsteller seine eigenen Bücher auch dann noch mag, wenn sie nicht mehr so neu sind», gab mir die andere Mitreisende zu verstehen. Und dann begannen mich die beiden Frauen über mein Judentum und über Israel und über das Leben in der Schweiz auszufragen. Ich weiss nicht mehr, weshalb ich das Spiel mitmachte. Jedenfalls kam ich ins Erzählen, musste aufpassen, dass ich nicht zu detailreich wurde. Ich erzählte von meinem Urgrossvater mütterlicherseits, der Kantor an der Synagoge von Zaposnikow in Ostpolen gewesen sei, wobei der Name Zaposnikow mir während des Erzählens eingefallen war. Ich liess meinen Grossvater väterlicherseits in Auschwitz-Birkenau sterben. Und als die eine der beiden mich nach meiner Zeit in Nordafrika fragte, blieb ich beharrlich im Europa meiner Vorfahren, weil mir nicht bekannt war, dass ich je in Nordafrika gelebt haben sollte. «Sie sehen wirklich jünger aus, als ich es mir vorgestellt habe», sagte die andere Frau. Dann kam die Erlösung: Der Bahnhof von Basel wurde angekündigt, ich stand auf, es war jetzt für die wirkliche Wahrheit schlicht zu spät, ich musste den Zug verlassen, wollte ich mich nicht noch mehr schuldig machen. Die beiden waren glücklich, mich, André Kaminski getroffen zu haben. Als ich aufstand und Jacke und Gepäck nahm, machten mich die beiden Damen darauf aufmerksam, dass unser Zug doch nach Zürich weiterfahre. «Ja, ich weiss», sagte ich, «aber ich muss noch meinen Bruder in Basel besuchen». «Ach, Sie haben einen Bruder, das wusste ich gar nicht», sagte die Dame, die das Gespräch begonnen hatte. «Ja, er ist mein Zwillingsbruder Michel», sagte ich und verabschiedete mich von den beiden.

André ist nicht mein einziger Zwillingsbruder. An der Vernissage einer Bilderausstellung im Glarner Kunsthaus kam eine junge Dame auf mich zu und begrüsste mich überschwänglich als Herrn Keel. Sie schien wirklich glücklich zu sein, mich endlich kennen lernen zu dürfen. Nun kenne ich bloss einen Zahnarzt Keel. Und mir war zunächst nicht klar, weshalb sie mich mit meinem Zahnarzt verwechseln konnte. Noch bevor ich etwas sagen konnte, fragte sie mich, ob es mir möglich sei, ihr die Bekanntschaft mit Patricia Highsmith zu vermitteln. «Die Highsmith ist meine Lieblingsautorin, wissen Sie!», sagte sie. Nun kannte ich die Highsmith von ihren Krimis her. Und ich hatte auch schon gelesen, dass sie im Tessin in einem Dorf mit ihrem Kater lebte und dem Alkohol zugetan war. «Herr Keel, ich wäre Ihnen wirklich so dankbar, wissen Sie!». Wieder verwendete sie den Ausdruck «Wissen Sie!». «Und wie sind Sie übrigens auf die Highsmith gekommen?», fragte sie. Jetzt war mir endgültig klar, dass ich wieder mit einem Mann verwechselt wurde, der um einiges älter war als ich und dem ich noch nie in meinem Leben begegnet war. «Ihr Verlagsprogramm ist wirklich wunderbar», sagte sie. «Ihre Frau malt doch?». Ich konnte nicht lügen, meine Frau Esther malt wirklich in ihrer Freizeit und ich sagte wahrheitsgemäss: «Ja, sie malt. Und ich mag ihre Bilder». Jetzt freute sich meine Gesprächspartnerin noch mehr, lobte mein Verlagsprogramm über den grünen Klee, sagte, sie sei so glücklich, den Verleger Daniel Keel getroffen zu haben und stellte mich einer anderen Frau vor, einer Deutschlehrerin an der Kantonsschule Glarus, die mir zu Friedrich Dürrenmatt gratulierte. Ich wusste nicht, wie mir war. Und noch heute weiss ich nicht, weshalb ich die beiden nicht sogleich auf die Verwechslung aufmerksam gemacht habe. Ich war und blieb jetzt im Oberlichtsaal des Glarner Kunsthauses Daniel Keel, Diogenes-Verleger aus Zürich. Jetzt erwähnte die Deutschlehrerin ihrerseits auch noch die Highsmith und fügte an, sie hätte sie in ihrem Tessinerdorf im Garten des Dorfgrottos gesehen. «Die Katze war auch dabei, die folgt ihr auf Schritt und Tritt». «Na, sehen Sie», wandte ich mich meiner ersten Gesprächspartnerin zu, «fassen Sie doch einfach Mut, die Highsmith ist wirklich jeden Tag dort anzutreffen. Und grüssen Sie sie ganz herzlich von mir!». Ohne zu wissen, um welches Dorf es sich im Tessin handelte, entschuldigte ich mich für kurz und verschwand, um mich zum Auto zu begeben. Sicher würde am nächsten Tag in der Lokalzeitung stehen, dass Diogenes Verleger Daniel Keel an der Vernissage in Glarus anwesend gewesen sei.

Harald ist mein dritter Zwillingsbruder. Ich stand in Zürich am Limmatquai und wartete auf Esther. Wir waren zum Kino verabredet und ich hatte die Karten bereits geholt. Esther würde knapp kommen, direkt aus einer Sitzung. Ich stand da, schaute den Turm der Peterskirche an, blickte auf die grosse Turmuhr. Ich würde Esthers Kinokarte an der Kasse abgeben, falls sie zu spät kommen würde. Das hatten wir so vereinbart. Als ich immer noch dastand, kamen zwei jüngere Herren auf mich zu, schauten mich an, sie wirkten etwas zaghaft. Dann sagte der eine in Hochdeutsch «Guten Abend, Sie sind doch Herr Nägeli, der Harald Nägeli». Ich weiss, wer Harald Nägeli ist. ich habe über ihn gelesen, aber ich kenne ihn nicht persönlich. «Und?», sagte ich. Nur «und?». «Ich komme aus Tübingen», fuhr der Mann fort, «und ich wollte ihnen sagen, dass das Bild, das Sie auf unsere Hauswand gesprayt haben, mir so gut gefällt». «So», sagte ich. Nur «so». Und dann fuhr er nach einer kurzen Pause fort: «Ich bewundere Sie wirklich. Es ist unverzeihlich, dass Ihre Spraybilder in Zürich alle kaputtgemacht werden». «Ja», sagte ich etwas gehemmt. Denn auch ich fand die Tatsache unverzeihlich, dass Nägelis Spraymännchen vom Stadtbild verschwunden waren. Und dann fügte ich an: «Und wieso wussten Sie, wer ich bin?». «Wir haben Ihr Bild in der Zeitung gesehen», sagte der andere mit einem deutlichen Schweizer Akzent. «Ach so», sagte ich. Und ich war etwas enttäuscht, denn Harald Nägeli ist acht Jahre älter als ich. «Schön, dass Ihnen das Bild gefällt», sagte ich. Jetzt wusste ich nicht, ob ich es ihnen sagen sollte. Ich sah Esther auf uns zukommen. Wir standen noch da, etwas verlegen die beiden, ich etwas verwirrt, als Esther uns erreichte und mich begrüsste. «Na du», sagte sie. Sie sagt immer wieder «Na du». Das ist eine ihrer Redensarten. Ich schaute die beiden Männer an und verabschiedete mich. «Was wollten denn die beiden?», fragte Esther. «Die haben mich mit diesem verrückten Nägeli verwechselt», erklärte ich ihr. «Na du», sagte sie, «gut hast du ihnen gesagt, dass du nicht Nägeli bist».
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