erschienen in obacht kultur nr. 12, 2012/1


Einst Nadelöhr. Heute Hoffnung auf Nähe
Die Brücken von Görlitz/ Zgorzelec

Wer durch die Altstadt von Görlitz geht, der kommt bei einer Brücke an, die nur Fussgängern und Radfahrern offensteht. Es ist die im Jahr 2004 eröffnete Altstadtbrücke über die Lausitzer Neisse. Auffallend die vielen Touristen, die hier fotografieren: Sie bleiben an der Brücke stehen und fotografieren die Brücke und das gegenüberliegende Ufer, schreiten die Brücke ab, und machen wieder Bilder, diesmal von derjenigen Brückenseite, an der sie vorher gestanden sind. Die meisten Besucher spazieren noch eine kurze Strecke am Fluss entlang, machen wieder Fotos von der Brücke und der Kirche und ihren Türmen, von der Brücke und den Altststadthäusern, die sich an einem leichten Hang schmiegen, um dann bald wieder über die Brücke zurückzugehen. Nur vereinzelte Fussgänger setzen ihren Weg auf der der Altstadt gegenüberliegenden Flussseite fort.

Weshalb setzen sie ihren Weg nicht fort, erkunden sie nicht die andere Seite des Ufers? Görlitz heisst die Stadt auf der westlichen Seite des Flusses, von wo die Touristen zur Brücke gelangen, Zgorzelec ist die Stadt am Ostufer. Görlitz ist die östlichste Stadt Deutschlands. Zgorzelec aber liegt in Polen. Nur ein Fluss, nicht viel tiefer als die Sitter, trennt die beiden Länder und beide Stadtgemeinden. Bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges lag die deutsche Stadt Görlitz zu beiden Seiten des Flusses. Als Polens Grenzen nach dem Krieg nach Westen verschoben wurden, kam mit weiten Gebieten Schlesiens auch der östliche Teil der deutschen Stadt zu Polen, wurde die Neisse zum Grenzfluss, wurde aus dem Ostteil der Stadt Görlitz das polnische Zgorzelec.

Wer mit dem Auto von Görlitz nach Zgorzelec fahren will, der benutzt eine weiter südlich gelegene. Eine dritte Brücke, die die beiden Städte verbindet, ist der Eisenbahnviadukt. Sieben Brücken haben bis 1945 die beiden Hälften der damals noch einen Stadt verbunden. Gegen Ende des 2. Weltkriegs sprengten deutsche Soldaten alle Brücken. Und weil sich die beiden sozialistischen Bruderstaaten DDR und Polen doch nie wirklich nahe waren, wurden einzig die Autobrücke und der Eisenbahnviadukt wieder in Stand gestellt. Wer heute der Neisse entlanggeht, kann einige jener Stellen noch ausfindig machen, an denen die beiden Teile der Stadt östlich und westlich des Flusses miteinander verbunden waren. Namen von Strassen wie etwa ‚Brückenstrasse‘ und ‚Tischbrücke‘ deuten ebenso auf die verschwundenen Brücken hin wie Pfeilerreste oder Fundamente am Ufer.

Lange Zeit lebten Görlitz und Zgorzelec Rücken an, konnte die Autobrücke nur nach strengen Grenzkontrollen passiert werden. In den Jahren als Görlitz noch eine Stadt der DDR war, wurden die beiden Flussufer der Neisse von Grenzern scharf bewacht. Die Autobrücke war von 1945 bis 1989 das Nadelöhr zwischen den beiden Städten. Man lebte nah beieinander und war sich doch so fern.

Seit dem Ende der DDR und erst recht seit dem Beitritt Polens zur EU ist alles anders. In Görlitz und Zgorzelec berühren sich zwei Länder, zwei Sprachen. Die Brücken sind offen. Nicht mehr Uniformierte künden vom Übergang von einem Land zum anderen: Es sind die Aufschriften, die so anders aussehenden Reklametafeln, die das jeweils Andere zeigen.

Weshalb aber dient die Altstadtbrücke den meisten Benützern bloss für einen kurzen Spaziergang von Görlitz nach Zgorzelec und nicht für ausgedehnte Besuche der polnischen Stadt? Das mag damit zu tun haben, dass Görlitz eine Altstadt besitzt, die den Krieg unversehrt überdauert hat. Görlitz gilt als eine der schönsten Städte Deutschlands. Die deutsche Stadthälfte ist ein Touristenmagnet, während Zgorzelec eine Stadterweiterung aus dem 19. Und frühen 20. Jahrhundert ist, in der Pittoreskes fehlt. Aber auch alte Vorurteile und Ängste angesichts der unvertrauten Sprache der Polen sind es, die Reisende vor längeren Erkundungen abhalten. Brücken verbinden zwei Stadthälften, die so nah beisammen liegen und sich dennoch kaum kennen. Zwar tagen die beiden Stadtparlamente ein Mal im Jahr gemeinsam, gemeinsame Vorhaben aber werden noch wenig realisiert.

Der Fluss, früher eine wirkliche Grenze, hat politisch dank des politischen Wandels in Europa seine trennende Wirkung eingebüsst. In den Köpfen jedoch ist das polnische Ufer weit entfernt. Die Brücken verbinden, dienen zumeist der Überfahrt zum Einkaufen oder den Touristen als Fussweg zu Fotoaufnahmen. Als sich beide Städte gemeinsam im Jahr 2006 um die Nominierung als «europäische Kulturhauptstadt 2010» in Brüssel bewarben, gab es innovative Pläne zur Gestaltung der Flusslandschaft. Als dann Essen knapp anstelle der Doppelstadt Görlitz/ Zgorzelec zur europäischen Kulturhauptstadt nominiert wurde, wurden die Pläne schubladisiert. Die drei Brücken suggerieren Nähe, sie laden zum Übersetzen über den Fluss ein, zum Kennenlernen der jeweils anderen Seite. Die Brücken sind da, langsam kommt man sich näher. Die Brücken machen es möglich, die junge Generation der nach der Wende Geborenen, wird jene Nähe finden, die die Brücken ermöglichen.
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