St. Galler Tagblatt, März 2005


Für Augen und Ohren
Die Buchmesse Leipzig ist ein Festival - Aus der Schweiz kommen einige der schönsten Bücher

Nach der «Wende» wurde die Buchmesse Leipzig totgesagt. Sie ist vitaler denn je, bei Leserinnen und Lesern sogar beliebter als Frankfurt. Auch die Schweizer haben den Ort als Plattform entdeckt - und finden auch Beachtung.

Leipzig mit seinen gläsernen und Licht durchfluteten Messehallen ist eine intensiv besuchte Publikumsmesse, Leipzig ist eine Leserinnen- und Lesermesse, sie ist nicht (wie Frankfurt) der Ort, an dem Lizenzen verkauft werden. Das macht die Messe so besonders. Bis zu 30 Lesungen finden hier gleichzeitig statt, auf dem Messegelände vor den Toren der Stadt sowie in der Innenstadt finden während vier Tagen 1500 Autorenbegegnungen statt. Und das Publikum hört aufmerksam zu!

Schwerpunkte dieses Jahr die nordische Literatur, Autoren aus Korea, dem Gastland an der kommenden Frankfurter Buchmesse, Literatur aus Israel aus Anlass der seit 40 Jahren bestehenden diplomatischen Beziehungen zwischen den beiden Staaten. Und wie jedes Jahr das Schreiben im nahen Osteuropa: Polnische Autorinnen und Autoren stellten diesmal jüngere, im Westen noch wenig bekannte Kollegen vor. Zum letzten Mal der grosse Auftritt der Schweiz mit der ‹Swiss Lounge› und mit den Lesungen von Schreibenden aus der Schweiz inmitten besonders schöner Standarchitektur. Im kommenden Jahr wird die Schweiz mit ihrem herkömmlichen Gemeinschaftsstand wieder dabei sein. Verlage wie Arche, Dörlemann, Ammann und Diogenes werden ebenfalls zusätzlich mit eigenen Ständen anzutreffen sein. «Hier findet eine direkter Kontakt mit engagierten Lesenden statt», resümiert Sabine Dörlemann, die in Frankfurt bereits einen Stand hatte, in Leipzig zum ersten Mal mit ihrer Verlagsproduktion war und neu auch an der Basler Buchmesse dabei sein wird.

Medaillen für die Schweiz

Leipzig ist der Ort, an dem jedes Jahr die Auszeichnungen für die am schönsten gestalteten Bücher der Welt vergeben werden. Die Schweiz ist nach einer vorübergehenden Durststrecke wieder dabei: «Globus Cassus», ein von Bundesamt für Kultur und vom Lars Müller Verlag (Baden) herausgegebenes Buch, erhielt eine Goldmedaille. Gestaltet hat das Buch das Basler Atelier «The Remingtons» von Ludovic Balland und Jonas Voegeli. «Von Letten bis Rimini», ein von einer amerikanischen Architektin konzipiertes und vom Zürcher Thomas Bruggisser gestaltetes Buch über die Fluss- und Seebäder Zürichs (Verlag hier + jetzt, Baden) erhält eine Bronzemedaille. Und die aus Trogen stammende und in Basel arbeitende Dorothea Weishaupt und ihr Berliner Kollege Michael Heimann erhalten für die von ihnen gestaltete Künstlermonographie über den isländisch-dänischen Künstler Olafur Eliasson (erschienen bei Hatje Crantz in Ostfildern, D) ein Ehrendiplom.

International vernetzt

Die international begehrten Diplome, alle neu gestaltet von der in Stockholm lebenden Schweizerin Christina Brusa, machen deutlich, wie sehr heute Gestaltung nationale Grenzen sprengt. Und was deutlich wird: Die Schweizer Preisträger vertreten eine neue junge Generation von Buchgestaltern, die international vernetzt sind: Bruggisser arbeitet mit einer Architektin aus Chicago, Weishaupt hat ein zweites Atelier in Berlin, «Globus Cassus» Autor Christian Waldvogel lebt derzeit in Stockholm. Und das mit einer Bronzemedaille ausgezeichnete niederländische Buch «Anne Frank en familie - Fotos van Otto Frank» ist von einer in Basel domizilierten Stiftung herausgegeben worden.

Parallel zur Messe fand eine internationale Tagung für geladene Gäste, Autoren und Literaturwissenschaftlerinnen statt, an der Vorträge aus der Schweiz besondere Beachtung finden: «Internationaler Kongress für Literarisches Schreiben» dauerte drei Tage. Guy Krneta, Theaterautor aus Basel und Vorstandsmitglied des Schweizer Autoren Verbands (AdS), erläuterte zusammen mit Thomas Meier, Rektor der Hochschule der Künste in Bern und der Lausanner Professorin Irène Weber-Henking das in Gründung begriffene Schweizer Literaturinstitut. Gerade das Modelll der Mehrsprachigkeit und die Absicht, das Institut international zu verlinken, fand bei den Teilnehmenden ein grosses Interesse.

Erstaunen beim Halt am Stand des Münchner C.H.-Beck Verlags: Die Belletristikreihe, seit viereinhalb Jahren vom Schweizer Leander Eisenmann künstlerisch betreut: jeder Buchumschlag eine sehenswerte eigene Kreation und in der Umsetzung des Buchinhalts ein kleines Kunstwerk, wird aus Angst teilweise in stark veränderter Form ediert. Die Verlagsvertreter mochten die Buchumschläge nicht, fanden sie zu elitär und zu künstlerisch, weshalb jetzt populärere, verwechselbare Umschläge aus anderer Hand die so einheitlich gestaltete Reihe durchbrechen. Der Verdacht kommt auf, dass Probleme im Bereich des Vetriebs einem Gestalter angelastet werden. Denn gerade Gestalter Leander Eisenmanns Arbeit vermag offenbar über die Grenzen hinweg zu überzeugen: Vor kurzem wurde das von ihm gestaltete Buch «Design und Architektur: Studium und Beruf» sowohl in der Schweiz als auch in Deutschland gleich von zwei Fachjurys als eines der schönsten Bücher des Jahres 2004 ausgezeichnet. Das ist keiner anderen Publikation passiert!

Bei den Auszeichnungen fällt dieses Jahr in Leipzig auch der Zürcher Ammann Verlag auf: Das dort erschienene Buch «Fred Neptune» von Les Murray erhielt von einer internationalen Jury einen Preis für die von Thomas Eichhorn besorgte sorgfältige Übersetzung aus dem Englischen.
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