erschienen im st.galler tagblatt vom 27.01. 2015


Verborgene Erinnerungen bergen

Nadine Olonetzky geht in «bergen» den Hemmungen nach, den Opfern des Nationalsozialismus Fragen zu stellen – auf beiden Seiten.

Von Michael Guggenheimer

Heute jährt sich zum 70. Mal der Tag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz. Langsam sterben die Menschen, die die Lager überlebt haben. Ihre Geschichten aber leben weiter. In Büchern und in den Erinnerungen der längst erwachsenen Kinder der Verfolgten. «bergen» heisst ein Buch der Zürcher Autorin und Lektorin Nadine Olonetzky, in dem es um Erinnerungen an jene Zeit und um deren Verdrängung geht. Fotografien von parkartigen Hügellandschaften in Berlin, begleiten den Text, sie stammen von Daniela Keiser. Unter der Erde liegen Trümmer, sie sind verdeckt, die Hügel gewähren keinen Einblick in das Geschenene. Kleine Hügel verstecken die Spuren des Kriegs und der Bombardemente.

Zuerst waren die Bilder da, die Fotografin fragte die Autorin an, ob sie Persönliches, Nahes, ihr Vertrautes zu den Bildern schreiben könnte, also explizit nicht über die Bilder, sondern sozusagen parallel zu ihnen. Nadine Olonetzky hat daraufhin einen eindrücklichen Text verfasst, in dem sie lange Zeit Verborgenes an die Oberfläche holt. Da ist die Geschichte eines Kindes, dessen Eltern aus zwei sehr unterschiedlichen Familien stammen. Die Familie des jüdischen Vaters hat den Krieg erlebt. Nicht alle haben überlebt. Grossvater zum Beispiel ist in einem Lager umgekommen. Vaters Familie kam aus Deutschland, Mutters Familie aus der Schweiz. Eine Familie mit Weihnachtsgeschenken und mit einem Chanukkaleuchter. Es ist die Geschichte eines grossen Schweigens: Menschen haben im Krieg Schreckliches erlebt. So schrecklich war es, dass sie nicht mehr darüber sprechen konnten, nicht sprechen wollten. Es waren die Opfer der grossen Verfolgung sowie die Soldaten, die aus den Feldzügen zurückgekommen sind, die nicht erzählen konnten. Das Kind, heute erwachsen, spürte irgendwann, dass es Vater nicht fragen kann, wie es früher gewesen war, wie er überlebt hatte. Da waren Berge von Trümmern einer Biografie. Das Kind, das erwachsen wurde, wollte Vater nicht fallen sehen.

Zwischendurch gab es Phasen, in denen der Vater von der Zwangsarbeit und von einer Flucht in die Schweiz erzählte. Und immer wieder fragt sich die Erwachsene: Warum habe ich damals nicht nachgefragt? Das Kind spürte, dass etwas auf Vaters Geschichte lasten musste, konnte es aber nicht benennen. Wie denn auch, wen ihm nichts erzählt wurde. Vaters Familie ist über die halbe Welt verstreut. Juden in den USA, Verwandte, die sich rechtzeitig in Israel niedergelassen haben. Und da ist Gad, ein Cousin. Er lebt in Israel und ist über die Politik seiner Heimat verzweifelt. Anders als Vater, der den Krieg in Deutschland erlebt hat, wirkten die rechtzeitig Ausgewanderten in ihren Erzählungen kräftiger, lebendiger. Aber auch sie konnten nicht erzählen.

Die Landschaft in der Nähe von Berlin erinnert die Erzählerin, die als Kind so vieles nicht erfahren durfte, an die Geschichte ihrer Familie. Die Erwachsene macht sich an das «bergen» von Erinnerungen, von Fundstücken. Hügel, überwachsen mit Gras. Eine Landschaft, die nicht wirklich verrät, was einst mit ihr passiert ist. Eine Landschaft, die trümmerübersät war. Eine geschundene Landschaft, die bewachsen ist, heute wieder lebt. Nadine Olonetzky sucht keine Schuldigen. «Viele hatten mit allem, was sie besassen, bezahlt für Untaten, die sie nicht begangen, nicht unterstützt hatten. Gegen die sie sich nicht entschieden genug gewehrt hatten». Die geschundene Erde birgt ebenso wie die erwachsenen Überlebenden das erlebte Ungesagte. «Was unter der Grasnarbe liegt, ist fern. Ist es also einfach ein grosser Körper des Vergessens?»

Nadine Olonetzky, Daniela Keiser (Fotos): bergen, The Green Box Kunsteditionen 2015, 121 Seiten, Fr. 31.40
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