mdr.de/kultur vom 20. Dezember 2005


Europas Kulturhauptstadt 2010
Klangkünstler Daniel Ott schreibt Grenzmusik

Rund 320 Musikerinnen und Musiker waren am 17. Dezember beim dritten Thementag «Brückenpark im Licht - Klangspur Europa» vom Rathaus in Görlitz rechts und links der Neiße zum Dóm Kultury in Zgorzelec unterwegs. Daniel Ott, Komponist und Musiker in Basel und Berlin, hat schon mehrfach Stadträume mit Musik zum Erklingen gebracht.

Daniel Ott kennt Görlitz gut: Mit Thomas Kiemle vom Kulturhauptstadtbüro sowie mit Michael Prochnow, dem Organisator der Görlitzer Orgelnacht, war er schon unterwegs auf Spaziergängen durch die Stadt, um Orte zu finden, in denen sich unter Dach oder unter freiem Himmel auf dem Weg von Görlitz nach Zgorzelec musikalische Intermezzi und Klangerlebnisse machen ließen. Dass er Görlitz kennt, verdankt Ott der Expo 2000 in Hannover: Dort hat er, der für das musikalische Programm im Schweizer Pavillon zuständig war, Peter Baumgardt kennen gelernt, damals zuständig für den deutschen Auftritt an der Expo, heute Leiter des Kulturhauptstadtbüros in Görlitz. Baumgardt war es, der Otts Arbeit in Hannover und anderswo verfolgt hatte, um ihn nach Görlitz für eine musikalische Installation mit Musikern aus Görlitz und Zgorzelec einzuladen.
 
Musik auf- und absteigend

Musikalische Rhythmen waren dann zuerst vom Görlitzer Rathausturm zu hören. Der Paternosteraufzug im Görlitzer Rathaus hat es Daniel Ott angetan. Hier wurde die Aktion Klangspur fortgesetzt. Während die Zuhörerinnen und Zuschauer erlebten, wie die Musik mit den einzelnen Kabinen des ratternden Paternosters vom Kellergeschoss bis unters Dach und zurück kam, sich wieder entfernten und erklangen, fanden sich weitere Musiker unter den Arkaden des Rathauses ein, um etwas später das Publikum mit auf den Weg zu nehmen.
 
Die Neißstrasse hinunter bis hin zur Altstadtbrücke ging es weiter, wobei an einzelnen Stationen unter freiem Himmel oder unter Dach immer wieder Kompositionen von Daniel Ott zu hören waren. Von der Altstadtbrücke ging es gleichzeitig auf beiden Ufern der Neiße weiter: Musiker und Musikerinnen, alle in schwarzen Kleidern und nach einem Konzept der Münchner Gestalterin Dorothée von Rosenburg Lipinsky mit reflektierenden Folien geschmückt, schickten von beiden Seiten des Flusses auf die jeweils andere Seite hin ihre Melodien. So entstand ein musikalischer Dialog zwischen Zgorzelec und Görlitz, zwischen Polen und Deutschland. Mal war am polnischen Ufer die Musik aus Görlitz zu hören, ein anderes mal hörten Deutsche die Musik, die aus Polen kommt. Dann wiederum wurde auf beiden Seiten gleichzeitig musiziert.
 
Daniel Ott, seit 1995 Dozent mit Lehrauftrag für Experimentelle Musik an der Universität der Künste Berlin, hat Erfahrung mit ungewöhnlichen Klang- und Musikinstallationen. Am Festival für zeitgenössische Musik in Rümlingen in der Schweiz, dessen langjähriger Leiter Ott war, wurde erst im vergangenen Sommer Maschinenmusik für 50 Überseecontainer sowie für ein Waschmaschinenorchester aufgeführt. Ott hat eine Klangaktion für zehn Instrumente im Hafen von Sassnitz auf der Insel Rügen ebenso geplant und durchgeführt wie eine Raumkomposition für die Flughalle des Luzerner Verkehrshauses. Für das Museum für Moderne Kunst in Frankfurt am Main hat er die Auftrags-Komposition zum zehnjährigen Bestehen des Museums geschrieben.
 
Und unvergesslich ist sein «klangkörperklang» für den Schweizer Pavillon von Peter Zumthor auf der Expo 2000 in Hannover. Während der gesamten Expo-Zeit gab es im Schweizer Pavillon Tag für Tag während zwölf Stunden Livemusik zu hören. Für den kommenden Sommer plant Daniel Ott mit der Basler Sinfonietta ein Konzert im Rhein-Hafenbecken von Basel.


Daniel Ott schneidet jedes Projekt genau auf die Orte, die Interpreten und ihr Publikum zu und engagiert sich stark für das Zusammenwirken mit anderen Komponisten und Künsten. Durchlässigkeit ist Ausgangspunkt und Ziel seiner Musik: vorurteilsfreie Offenheit. Volksmusikrhythmen und Hackbrettklänge verbindet er gleichberechtigt mit komplexen Harmonien Neuer Musik. Ott konfrontiert Schönklang und Geräusche, die den Materialien der Klangkörper abgetrotzt werden. Freie Jazz-Improvisationen reagieren auf den vorgegebenen durchkomponierten Grundklang und auf die Umgebung; Innenraum und Außenraum durchdringen sich».

Thomas Gartmann, Leiter der Abteilung Musik bei der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia


Musiker aus vier Ländern dabei

Ein Mandolinen-Orchester, ein Akkordeon-Orchester, zwei Posaunenchöre, drei Bigbands, das Jugendsymphonie-Orchester von Görlitz, die Landskronen-Herolde, das Orchester des polnischen Energiekombinats Turow, die polnische Schlagzeugerin Sylvie Zytynska mit Schlagzeugern aus Krakau, verschiedene Gruppen der Musikschule Görlitz sowie rund zwanzig international bekannte Solisten und Jazzmusiker wie die Saxophonistin Co Streiff nahmen an der großen Klanginstallation teil, an der Musizierende aus Deutschland, Polen, Tschechien und der Schweiz mitmachten. Alle Kompositionen, die zur Aufführung gelangten, hat Daniel Ott geschrieben. Vom vergangenen 1. bis 10. Oktober hat Daniel Ott bereits mit einem Teil der Musiker in Görlitz geprobt, seit 12. Dezember war Ott wieder in Görlitz, wo er mit den einzelnen Formationen wieder übte.
 
Daniel Ott hat für Görlitz zunächst Musikstücke gesucht, die mit der Neiße in Zusammenhang stehen. «Für den Rhein oder zum Fluss Rhein ist soviel Musik komponiert worden», sagt er. Die Neiße als musikalisches Thema ist da weitaus weniger präsent. Jedenfalls ging es darum, Flussmusik zum Erklingen zu bringen. Die Schlagzeuger, die er verpflichtet hat, erschienen ohne Drums: sie brachten mit ihren Sticks Brückengeländer und Hausportale zum Erklingen. «Musik in Bewegung» ist ein Thema, mit dem sich Ott seit langer Zeit beschäftigt. Dabei hört man die Musik kommen und gehen. Die Bewegung hat zur Folge, dass Ott bei seinen Stücken, die unterwegs erklingen, Musik für tragbare Instrumente komponiert.

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