Erschienen als Typotron-Sonderdruck im Dezember 2005


Zwölf Minuten. Paris

Zwölf Minuten. Paris. Anfang März. Ein Freitag. Gegen Mittag beginnt im Louvre die Schau der schönen Kleider. Ein grosser Raum, Decke und Wände und Sitze alle in warme Farbtöne gehüllt. Vor drei Tagen war dieser Raum so anders, so kalt und abweisend. Er wurde eigens für das Defilé umgestaltet. Alle Plätze sind besetzt, ein ungeduldiges Warten, ein Flüstern, man sieht sich wieder. Vorne sitzen die Berichterstatter mit ihren Notizblöcken, noch richten sich alle Blicke auf sie. Auf der Seite haben sich die vielen Pressefotografen eingerichtet und die Fernsehreporter mit ihren schweren Kameras auf den Stativen. Dicht gedrängt sitzen die Zuschauer auf langen Bänken. In wenigen Minuten wird Akris die neue Mode des kommenden Herbsts zeigen.

Zwölf Minuten dauert die Parade. Minuten, hinter denen Monate an Arbeit stecken. Inspirationen aus New York, Wien oder Bologna, Mannequins aus Amsterdam, Sarajevo, Kiew und Rio, Zeichnungen aus St.Gallen, erste Modelle aus Zürich und St.Gallen, jedes von Hand hergestellt, Kleider, die später im Tessin produziert werden. Morgens um sechs ist die Kollektion mit einem Lieferwagen im Louvre eingetroffen, eine Stunde später war die ganze Akris Crew schon da. Eine halbe Stunde später treffen die ersten Mannequins ein: Junge Frauen in Bluejeans, denen man nicht anmerkt, wie anders sie in wenigen Stunden aussehen werden. Manche sind bleich, sehen übernächtigt aus. Sie heissen Maria, Daniela, Cinthia, Tetyana, Ann Catherine, Marta, Jannel, Sarah, Sonja, Song, Monica, Ekaterina, Yasmin, Roos, Ines, Yulia, Yana, Iza, Julia, Ciara. Um acht sind die Hairstylisten und die Visagisten an der Arbeit. Die Mannequins lassen sich nicht von ihren Illustrierten ablenken oder beim Rauchen stören, jetzt verändern sich ihre Frisuren, Haare werden künstlich verlängert und nachgeschwärzt, die Gesichter werden geschminkt. Sie lesen, rauchen, fingern an ihren i-pods und hören Musik, unterhalten sich in Russisch und Spanisch; während Männerhände ihre Frisuren formen und ihre Wangen und Stirnen bearbeiten, strecken einzelne Mannequins ihre Hände zur Maniküre hin. Zwischendurch stehen die Models auf, um sich am grossen Früchtebuffet zu bedienen. Salben, Töpfchen, Tuben, Sprays liegen auf den kleinen Tischen und vor den Spiegeln, in denen sie zuschauen können, wie sich ihr Aussehen verändert. Föngeräusche, dazu Gespräche, Tassenklirren; es ist wie in der Oper kurz vor der grossen Premiere.

Ein Tag zuvor. Der Abend vor dem Defilé im langen Showroom von Akris. Auf dem Boden liegen auf weissen A4-Blättern die Polaroidfotos und Beschreibungen jedes einzelnen Stücks der neuen Kollektion. An einem der vier runden Tische werden die letzten Pressetexte in Englisch geschrieben. Morgen zeigt Akris die neue Kollektion. Letzte Arbeiten direkt am Mannequin, ein Mädchen nach dem anderen betritt den Raum, Albert Kriemler und seine Leute begutachten, kommentieren, diskutieren, legen die Reihenfolge des Défilés fest, um sie dann doch wieder zu verändern. Eine ruhige, kreative Hektik füllt den Raum. In wenigen Stunden wird die neue Kollektion erstmals öffentlich gezeigt. Und bis zum letzten Moment wird dieses oder jenes geändert werden. Unsicherheit: Was werden die anderen Designer, die anderen Ateliers zeigen? Und die Gewissheit, morgen zu überraschen. Eine Jacke wird noch geändert, ein Kleid muss enger gemacht werden, Knöpfe müssen versetzt werden. Hier werden alle Sprachen gleichzeitig gesprochen: Mode ist international. Die Musik der Show vom nächsten Tag läuft immer wieder, man soll sich an den neuen Sound gewöhnen, die Mannequins üben sich in den neuen Kleidern, gehen nach vorne, halten kurz an, drehen sich um, schreiten oder trippeln im Takt der Musik weiter. Es ist 20 Uhr, draussen herrscht Dunkelheit, leichter Schneefall in Paris, die Strassen und Dächer sind weiss und im Showroom brennen die Scheinwerfer, ist es bis nach 23 Uhr taghell. An den mobilen Gestellen hängen die Kleider, die morgen zeigen werden, für welche Farben, welche Stoffe, welche Formen und Aussagen Akris für den kommenden Herbst entschieden hat. Bei jedem neuen Stück ist jeweils eine Beschreibung oder Anweisung zu sehen: «Mettre les mains dans les poches de la robe». Und dazu die Angabe, welche Schuhe zu welchem Kleid getragen werden sollten. 25 Mannequins werden morgen dabei sein, 70 haben sich in den letzten Tagen im Showroom vorgestellt. Nicht jedes Mannequin passt zu den Jacken und Hosen, zu den Mäntel und Kleidern, die Akris dieses Mal zeigen wird. Um 21.45 Uhr knien rund zehn Leute auf dem Boden und ordnen die eben fertiggestellten Pressetexte, um sie in schwarze Mappen mit Stoffmustern zu füllen. Im Gang des Showrooms hängt die grosse Tafel mit der Sitzordnung von morgen, mit den Namenskärtchen aufgepinnt, mit dem Plan des Raums. Nichts wird dem Zufall überlassen. Jeder Gast, der zum Defilé kommt, hat seinen reservierten Platz. Von jedem ist jetzt schon bekannt, wer zu seiner Linken, wer zu seiner Rechten sitzen wird.

Freitagvormittag. Die Mannequins befinden sich in den hinteren Räumen bei der Anprobe. Backstage heisst der Bereich, in dem alles vorbereitet wird. Während im grossen Saal die Platzkarten und schön verpackte Pralinés für die Gäste als Geschenke sowie das Pressematerial verteilt werden, treffen die Ankleiderinnen vom ‹Florence Doré Team› ein. Zu zweit werden sie je ein Mannequin betreuen und ihm beim Ankleiden helfen. Es muss rasch zu und her gehen, wenn die Mädchen vom ersten Rundgang kommen und sich schnell umzukleiden haben. Im Défiléraum findet eine erste Lichtprobe statt: Ein Mannequin in Jeans, aber schon geschminkt, macht die Runde, das Licht ist sehr weiss, es wird diskutiert, ein Lichttechniker und Albert Kriemler sind im Gespräch mit den Beleuchtern. Der Visagist ist dabei, das Gesicht muss noch nachbehandelt werden, es wirkt zu blass, zu bleich bei diesem Licht. Der Raum wirkt wie ein Theatersaal, die Scheinwerfer brennen seit Stunden schon, langsam heizt sich der Raum auf, die Spannung steigt. Gegen elf Uhr herrscht am Eingang zum Défiléraum ein Menschengedränge, Fotografen blitzen die Schönen, die da ankommen an, sie müssen kurz posieren, dann werden ihre Namen aufgeschrieben. Ein Blitzgewirr für die Zeitungen und Modezeitschriften, man will wissen, wie die Prominenz heisst und was sie trägt.

Wenn die letzten Modeberichterstatterinnen knapp vor 11.30 Uhr eintreffen, beginnt die Show. Die Musik setzt an, das Licht wird gedimmt, die Scheinwerfer richten sich auf das Logo von akris und wandern von dort auf den Laufsteg. Jetzt kommen sie, eine nach der anderen. Grossgewachsene Frauen. Europäerinnen, Asiatinnen, Afrikanerinnen. Ihr Blick gleitet an den Zuschauern vorbei, sie blicken in die Ferne, ihr Gesichtsausdruck ist ernst. Sie gehen in einem eingeübten Schritt, bleiben kurz nach der Hälfte der Wegstrecke stehen, machen eine Drehung vor den Kameras und schreiten weiter dem Bühnenausgang zu. Zwölf Minuten dauert das Defilé. Und es ist erstaunlich, wie sich die Journalisten von der Fachpresse danach noch über einzelne Kleider und Modelle unterhalten und Details haben behalten können. Wenn das letzte Modell gezeigt ist, kommen sie alle in dichter Folge nochmals auf den Laufsteg, am Schluss sammeln sie noch Albert Kriemler ein, der ihnen folgt, sich bei einem der letzten Mannequins einhängt, mit ihnen unter tosendem Applaus den Raum verlässt. Das war die neue Kollektion. Das Publikum applaudiert weiter, Albert Kriemler soll sich nochmals zeigen, langsam stehen die Gäste auf, einige bewegen sich dorthin, woher die Mannequins herkamen, sie gratulieren dem Designer und gehen auf Ute Kriemler zu. Manche erkennen Peter Kriemler und drücken ihm die Hand. Fernsehteams drängen sich vor, jetzt ist die Zeit der ersten Interviews, Champagner fliesst und schon verlassen die ersten Mannequins den Raum, schnell haben sie sich wieder umgezogen und gehen in Bluejeans und Wintermänteln weg. Man bleibt stehen, spricht über die neuen Farben und Formen. Keine Zeit zum Ausruhen. Die Akris Crew muss zurück in den eigenen Showroom: In einer Stunde schon werden die Einkäufer aus den USA und Kanada, aus Deutschland und Japan erwartet, die sich in aller Ruhe die neuen Modelle nochmals anschauen wollen. Anders als beim Défilé geht hier alles ruhiger vor sich, die hausinternen Mannequins kennen die Einkäufer, lächeln ihnen zu, es kommt zu kurzen Gesprächen, während die Bestellungen getätigt werden. In den kommenden Tagen werden weitere Einkäufer kommen, diejenigen aus Italien, aus Frankreich und aus den Emiraten. Und während die Produktion der neuen Modelle im Tessin anläuft, wird Albert Kriemler bereits in New York oder Chicago, in Berlin oder Barcelona sein, sich Zeit nehmen für neue Ideen, für die nächste Kollektion.
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